Wirtschaft

Positive Überraschung Euroraum erhält Wachstumsschub

Ökonomischer Lichtblick für die Eurozone: Die Konjunkturerholung kommt besser voran als erwartet. "Die Eurozone hat im Februar einen Gang hochgeschaltet", heißt es bei IHS Markit. Vor allem Frankreich sorgt für bessere Laune.

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Eine baldige EZB-Zinsanhebung wird nicht erwartet.

(Foto: AP)

Die Konjunkturerholung in der Eurozone hat im Februar wider Erwarten Fahrt aufgenommen, was vor allem an einem kräftigen Anstieg der Aktivität im Dienstleistungssektor lag. Die von Experten im Vorfeld gehegten Befürchtungen, dass es wegen außenwirtschaftlicher Unsicherheiten zu einer Abschwächung kommen würde, wurden damit eindrucksvoll widerlegt. Außerdem nahm der Preisdruck spürbar zu.

Sammelindex im Februar auf höchstem Stand seit 2011

Der Sammelindex für die Produktion in der Privatwirtschaft - Industrie und Dienstleister zusammen - erhöhte sich auf 56,0 (Vormonat: 54,4) Zähler, wie IHS Markit in erster Veröffentlichung mitteilte. Volkswirte hatten einen Rückgang auf 54,3 Punkte vorhergesagt. Das war der höchste Stand seit 70 Monaten. Bereits ab 50 Zählern signalisiert das Konjunkturbarometer ein Wachstum.

"Die Eurozone hat im Februar einen Gang hochgeschaltet", sagte IHS-Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. "Dass der Sammelindex auf den höchsten Wert seit April 2011 gestiegen ist, bedeutet, dass das BIP im ersten Quartal 2017 um 0,6 Prozent zulegen könnte - vorausgesetzt, dieses Wachstumstempo hält bis März an." Die Wachstumsdynamik könnte in den kommenden Monaten sogar weiter steigen, weil der Auftragseingang boomt und die Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist immer optimistischer werden.

Der Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes stieg auf 55,5 (55,2) Punkte. Volkswirte hatten einen Rückgang auf 54,9 Zähler prognostiziert. Der Einkäuferindex für den Servicesektor kletterte auf 55,6 (53,7) Punkte, erwartet worden war ein unveränderter Wert.

Deutlicher Anstieg von Produktion und Auftragseingängen

Laut IHS Markit stiegen die Auftragseingänge in beiden Sektoren so stark wie zuletzt 2011, die Industrie berichtete zudem von starken Auftragszuwächsen aus dem Ausland, die auch vom schwachen Euro beflügelt worden seien. Die Auftragsbestände stiegen so stark, dass die Unternehmen trotz kräftig steigender Beschäftigtenzahlen nicht mit der Abarbeitung der Aufträge hinterher kamen.
Der Optimismus hinsichtlich der Geschäftsaussichten für das nächste Jahr legte mit der höchsten Rate seit 2011 zu. Gleiches galt auch für die Einkaufspreise, die besonders in der Industrie deutlich anzogen. Hier schlugen die weltweite Verteuerung von Rohstoffen, der schwache Euro und die gestiegenen Lieferantenpreisen infolge der anziehenden Nachfrage zu Buche.

Auch die Verkaufspreise der Unternehmen stiegen so kräftig wie zuletzt 2011. Im Vergleich zu den Einkaufspreisen fiel der Anstieg der Verkaufspreise jedoch gedämpft aus, was darauf hindeutet, dass die Gewinnmargen weiter unter Druck standen.

BayernLB-Volkswirt Stefan Kipar meinte dazu: "Die Februar-Daten der Einkaufsmanagerindizes zeigen, dass die Konjunktur im Euroraum bislang noch nicht messbar unter der hohen außenpolitischen Unsicherheit leidet. Auch in Frankreich haben die anstehen Wahlen die Unternehmen noch nicht verunsichert."

Frankreich wächst kräftiger als Deutschland

Frankreich bildete die große Überraschung. Der Sammelindex notiert erstmals seit August 2012 sogar einen Tick höher als der deutsche Index, nämlich bei 56,2 (54,1) Punkten. Das war höchste Stand seit 69 Monaten. Das beruhte auf der unerwarteten Stärke des Dienstleistungssektors, der auf 56,7 (54,1) Punkte anzog, während Ökonomen einen Rückgang auf 53,7 erwartet hatten. Der Industrieindex ging dagegen auf 52,3 (53,6) Zähler zurück.

Deutschlands aggregierter Einkaufsmanagerindex erhöhte sich auf 56,1 (54,8) Punkte, wobei der Index des verarbeitenden Gewerbes auf 57,0 (56,4) Punkte stieg, während Ökonomen einen Rückgang auf 56,0 prognostiziert hatten. Der Dienstleistungsindex kletterte auf 54,4 (53,4) Punkte, erwartet worden waren 53,6.

Beiden Ländern prognostiziert IHS Markit Wachstumsraten im ersten Quartal von 0,6 bis 0,7 Prozent. Holger Sandte, Europa-Chefvolkswirt bei Nordea, ist etwas vorsichtiger. "Wir rechnen mit 0,5 Prozent Wachstum", schreibt er in einem aktuellen Kommentar.

Nordea: Vorsicht bei der Interpretation von Umfragedaten

Sandte weist auf eine Untersuchung der EU-Kommission hin, der zufolge Umfrageteilehmer Lage und Aussichten an der neuen Normalität eines niedrigeren Potenzialwachstums messen und deshalb mit geringeren Produktions- oder Auftragswerten zufrieden sind als früher. "Bei der Umrechnung von Umfragedaten in Wachstumsraten ist daher Vorsicht geboten", warnt Sandte.

Dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihrer Zinsen wie 2005 bei einem Stand des Einkaufsmanagerindex von 56 anzuheben beginnt, glaubt Sandte aber nicht. "Das Erbe der Krise und niedrige Kernteuerungsraten werden die EZB von einer baldigen Straffung ihrer Geldpolitik abhalten", meint er. Allerdings werde es für die Tauben im EZB-Rat immer schwerer, ein Feigenblatt für die ultralockere Geldpolitik zu finden.

Vorläufige Verbraucherpreisdaten für Februar liefert Eurostat am 2. März. Die nächste EZB-Ratssitzung mit geldpolitischer Beschlussfassung und neuen Inflations- und Wachstumsprognosen findet am 9. März statt.

Quelle: ntv.de, Andreas Plecko und Hans Bentzien, DJ

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