Wirtschaft

Bilanzskandal bei Wirecard Ex-Chef Braun droht Haftbefehl

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Braun hatte Wirecard in der Vergangenheit wiederholt zum Opfer von Börsenspekulanten erklärt.

(Foto: REUTERS)

Wirecard sieht sich seit einiger Zeit immer wieder mit Manipulationsvorwürfen konfrontiert. Unternehmensgründer und Ex-Chef Braun weist solche Anschuldigungen stets als Verleumdung zurück. Doch im Bilanzskandal holt ihn nun die Realität ein. Plötzlich droht Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft München I steht im Bilanzskandal bei Wirecard womöglich kurz vor, Haftbefehle gegen die bisherigen Konzernmanager Markus Braun und Jan Marsalek zu erlassen. Das haben mit dem Fall befasste Wirtschaftsanwälte der "Süddeutschen Zeitung" mitgeteilt. Demnach steht auch Untersuchungshaft im Raum, sollte Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestehen. Wirecard hatte vergangene Nacht eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die es auf Treuhänderkonten verbucht hatte, sehr wahrscheinlich nicht existieren.

Die Münchner Staatsanwaltschaft überprüft bereits seit einiger Zeit den Verdacht, dass Braun, Marsalek und andere Vorstände den Börsenkurs von Wirecard manipuliert haben könnten. Am Vormittag teilte eine Sprecherin mit, dass nun "alle in Betracht kommenden Straftaten" überprüft werden. Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" könnten Bilanzfälschung sowie Betrug von Banken bei Kreditanträgen als Delikte hinzukommen. Brauns Anwalt Alfred Dierlamm sagte der Zeitung, sein Mandat werde sich dem Verfahren "selbstverständlich stellen".

Die fehlenden 1,9 Milliarden Euro entsprechen in etwa einem Viertel der Bilanzsumme von Wirecard. Tochtergesellschaften des Konzerns hatten sie als Garantie für das Risikomanagement von Händlern hinterlegt, für die Wirecard Zahlungen abwickelt. Vergangene Nacht teilte das Unternehmen mit, dass es seine Einschätzungen des vorläufigen Ergebnisses des Geschäftsjahres 2019 sowie des ersten Quartals 2020 zurücknimmt. Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorheriger Geschäftsjahre können den Angaben zufolge nicht ausgeschlossen werden.

Bonitätsbewertung komplett entzogen

Der Unternehmensgründer und Chef Braun war angesichts des Skandals am Freitag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Marsalek war tags zuvor als Vorstandsmitglied vorläufig freigestellt worden. Wirecard hatte zuvor seinen Jahresabschluss zum vierten Mal verschoben und mit dem möglichen Betrugsfall die Börse schockiert.

Nach eigenen Angaben war Wirecard zuvor von den Abschlussprüfern darauf hingewiesen worden, dass Nachweise für die Existenz der 1,9 Milliarden Euro bei zwei asiatischen Banken fehlen. Die beiden philippinischen Institute hätten mitgeteilt, dass "die betreffenden Kontonummern nicht zugeordnet werden konnten", hieß es. Es gebe Hinweise, dass ein Treuhänder "zu Täuschungszwecken" falsche Bestätigungen vorgelegt habe.

Wegen des Skandals hat die Ratingagentur Moody's Wirecard mittlerweile die Einstufung der Kreditwürdigkeit komplett entzogen. Die vorliegenden Informationen seien unzureichend, um die bisherigen Einstufungen aufrechtzuerhalten und eine Bewertung der Bonität abzugeben, heißt es. Am Freitag hatte Moody's die Kreditwürdigkeit bereits auf "Ramsch" herabgestuft.

Unendliche Geschichte

Wirecard steht seit seiner Gründung immer wieder im Zentrum von Aktienspekulationen. Im vorigen Jahr schrieb die britische "Financial Times" wiederholt über angeblich vorgetäuschte Umsätze und gefälschte Verträge bei Wirecard in Singapur. Wirecard wies die Anschuldigungen stets als Verleumdung zurück. Braun und Marsalek erklärten Wirecard stattdessen zum Opfer von Börsenspekulanten, die auf fallende Kurse setzten und deshalb falsche Vorwürfe verbreiten

Wirecard war 1999 gegründet worden und konzentrierte sich schnell auf den Zahlungsverkehr im Internet. Seit September 2018 ist die Firma an der Börse, sie ersetzte damals im Deutschen Aktienindex die Commerzbank. Die Firma bekommt eine Provision dafür, dass sie Geld vom Endkunden an den Anbieter weiterleitet. Dabei übernimmt sie eine Garantie für Zahlungsausfälle.

Quelle: ntv.de, chr/dpa/AFP

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