Wirtschaft

Das Geschäft mit dem Hadsch "Für einige Pilger sind 10.000 Euro Peanuts"

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Mehrere Millionen Menschen haben sich in der heiligen Moschee in Mekka versammelt.

(Foto: imago images/Arabian Eye)

Am diesem Dienstag beginnt der diesjährige Hadsch. Aber wo sonst zwei bis drei Millionen gläubige Muslime ins saudi-arabische Mekka pilgern, sind es dieses Jahr nur wenige Tausend: Auch die islamische Pilgerfahrt leidet unter dem Coronavirus. "Die finanziellen Einbußen, die Saudi-Arabien in dieser Saison haben wird, sind unbeschreiblich", sagt Abdassamad El Yazidi im Gespräch mit ntv.de. Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland hat die Hadsch 2015 absolviert und weiß, dass es sich bei der Pilgerfahrt mittlerweile um ein Milliardengeschäft handelt, das immer größer wird und an dem auch Hotel- und Fast-Food-Ketten kräftig mitverdienen. Handelt es sich um die Kommerzialisierung einer Wallfahrt? Nein, sagt Generalsekretär El Yazidi: "Die Nachfrage ist groß, man möchte versuchen, dieser nachzukommen." Ohne dabei wohlhabende Pilger zu verprellen.

ntv.de: Warum ist der Hadsch so wichtig für Muslime?

Abdassamad El Yazidi: Im Islam gibt es fünf Säulen, die jeder Muslim vollziehen muss: das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Almosenabgabe Zakat, das Fasten im Monat Ramadan und den Hadsch. Jeder Muslim muss die Pilgerfahrt einmal im Leben machen. Das gilt aber nur für diejenigen, die sich das finanziell und gesundheitlich leisten können. Für alle anderen entfällt die Pflicht. Ähnlich ist es bei den anderen Säulen. Diejenigen, die krank sind, müssen nicht stehend und kniend beten, sondern können das Gebet sitzend verrichten.

Diese Einschränkung gibt es, weil der Hadsch eine sehr anstrengende Reise ist?

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Die Eltern von Abdassamad El Yazidi sind aus Marokko nach Deutschland eingewandert. 2015 hat er die Hadsch absolviert.

(Foto: privat)

Er ist auf jeden Fall ein körperlich anstrengender Gottesdienst. Der Hadsch wird ja als gottesdienstliche Handlung gesehen. Da ist zum Beispiel das Umrunden der Kaaba oder das Hin- und Herlaufen zwischen den zwei Bergen Safa und Marwa. Das sind mehrere Kilometer, die man läuft, an manchen Stellen auch etwas schneller. Es ist auch eng, weil zwei bis drei Millionen Menschen den Hadsch zur gleichen Zeit vollziehen. Dazu kommt die Sommerhitze auf der Arabischen Halbinsel, die bekannt ist für Temperaturen über 40 Grad Celsius.

Sind Vorbereitung und Anreise genauso anstrengend?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Für viele ist es eine Reise fürs Leben, da beginnt die Vorbereitung Jahre im Voraus. Bei mir war es so, dass ich darauf sparen musste. Dann habe ich mich bei einem Veranstalter angemeldet, die Reise bezahlt und mich darauf gefreut. In anderen muslimischen Ländern ist es schwieriger, da muss man eine Art Losverfahren durchstehen.

Dann bereitet man sich auf die einzelnen Stationen dem Hadsch vor: Was sagt man? Welche Gebete werden verrichtet? Wie groß sind die Entfernungen? Die Veranstalter organisieren Seminare und Workshops, auch für die Kleidung, die angezogen wird. Das sind zwei weiße Leinentücher, eines für den Unterleib und eines für den Oberkörper - das symbolisiert, dass alle gleich sind. Es wird auch getestet, wie man sich das Leinentuch umbindet, ohne dass es im ungünstigsten Moment herunterrutscht (lacht). Bis hin, wo die Übernachtungen sein werden. Die finden an manchen Stationen in Zelten statt, weil es dort keine Hotels gibt.

Wie lange dauert die Pilgerfahrt insgesamt?

Man kann die Pflichtstationen innerhalb von drei Tagen abschließen. In der Regel dauert die Reise aber zwischen zwei und vier Wochen, weil die Menschen sie nur einmal im Leben machen und die Zeit in Mekka nutzen, um in der heiligen Moschee zu beten. Es gibt einen Ausspruch des Propheten, dass das Gebet in der heiligen Moschee in Mekka hunderttausendfach mehr belohnt wird als ein Gebet in einer normalen Moschee. Viele besuchen auf ihrer Reise auch Medina, die zu den heiligen Stätten des Islam gehört und wo der Prophet gelebt hat. Das lassen sich viele Menschen nicht nehmen.

Sie haben das Losverfahren angesprochen, das Länder wie Indien und Marokko durchführen: Was machen diejenigen, die kein Glück haben? Sind sie von der Pflicht befreit?

Genau. Es gibt eine Regel in der islamischen Theologie, dass dem Menschen nichts auferlegt wird, was über seine Kräfte hinausgeht. Das heißt, die Menschen, die Sehnsucht haben, nehmen am Losverfahren teil, und wenn sie nicht genommen werden, entfällt die Pflicht für sie. In manchen muslimischen Ländern ist es so, dass 60 bis 70 Prozent der Bewerber nicht genommen und aufs nächste Jahr vertröstet werden. Tatsächlich gibt es Fälle, bei denen Menschen 17 Jahre lang jährlich am Losverfahren teilnehmen, bis sie irgendwann Glück haben. Das ist bei uns, bei Muslimen, die aus Europa einreisen, nicht der Fall, weil unsere Zahl insgesamt geringer ist. Wir haben das Privileg, dass es dieses Losverfahren bei uns nicht gibt.

Sie haben gesagt, dass Sie für den Hadsch sparen mussten. Verraten Sie, wie viel Sie bezahlt haben?

Ich habe 4200 Euro bezahlt. Da war die Reise drin, die Anmeldungen, das Visum, die Unterkünfte, die Transporte und eine Teil-Verpflegung vor Ort. Aber die Preise steigen. In der Vergangenheit, 2003 etwa, hat die Reise vielleicht die Hälfte gekostet. Aber die Nachfrage ist sehr hoch. Saudi-Arabien hat viel Geld investiert, um diese Menschenmassen mit einem angemessenen Standard auch bei Hotels und Verpflegung abzuwickeln.

In Indonesien zahlen Muslime 2000 Dollar für einen Platz auf der Warteliste, in den USA etwa 10.000 Dollar für die gesamte Reise. In Indien müssen sie etwa ein Drittel ihres Jahreseinkommens einkalkulieren. Finden Sie diese Preise gerechtfertigt?

Es ist nicht günstig, aber es sind auch logistische Vorbereitungen der saudi-arabischen Behörden notwendig. Wenn man sich überlegt: Was kostet ein Flug nach Saudi-Arabien hin und zurück in der Economy Class? Was kostet ein Hotel für drei Wochen? Was kostet die Verpflegung? Was kosten die Bustransfers? Von Medina nach Mekka sind es ungefähr 400 Kilometer. Das alles kostet.

Um die Kosten zu decken, sind entlang der Pilgerstrecke viele Fünf-Sterne-Hotels und Fast-Food-Tempel gebaut worden. Das gefällt nicht jedem: "Der Kapitalismus hat auch die Pilgerfahrt in seine Fänge genommen", schreibt eine junge Muslima aus Deutschland. Stimmen Sie zu?

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Hadsch und Hamburger: Seit einigen Jahren können Pilger auch in Mekka beim bekanntesten Fast-Food-Restaurant der Welt speisen.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Das sind Stimmen, die wir immer wieder hören. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass dieselben Personen, wenn sie nach Mekka fliegen und dort nicht nach europäischen Standards unterkommen können, sagen würden: Saudi-Arabien nimmt das Geld und verprasst es, anstatt es in den Hadsch und in eine gute Reise zu reinvestieren. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille.

Ich denke, bei den Personenzahlen, die sich jährlich anmelden, ist es wichtig, dass es für jeden eine saubere Unterkunft gibt. Dafür sind Investitionen in die Infrastruktur wichtig. Es gibt natürlich Pilger, für die 10.000 Euro Peanuts sind. Die zahlen auch das Doppelte, wenn sie ein Fünf-Sterne-Hotel fußläufig zur Kaaba bekommen. Andere können sich das nicht leisten. Das gehört dazu.

Ich für meinen Teil sehe, dass Saudi-Arabien sehr viel Geld in die Vereinfachung und auch die Sicherheit des Hadsch investiert. Es hat in der Vergangenheit leider schreckliche Unfälle mit vielen Toten gegeben. Da wurden Tunnel und Brücken mit verschiedenen Stockwerken gebaut, um die Massen zu entzerren. Es darf nicht sein, dass wir bei gottesdienstlichen Handlungen andere oder uns selbst gefährden.

Saudi-Arabien plant, dass ab 2030 etwa 30 Millionen Menschen jährlich an dem Hadsch teilnehmen können. Das wäre ungefähr das Fünfzehnfache der aktuellen Zahl.

Diese Zahl halte ich für utopisch. Der Hadsch hat sich innerhalb weniger Jahre von mehreren Zehntausend Pilgern auf jetzt zweieinhalb bis drei Millionen vergrößert. Dass es in den nächsten zehn Jahren einen Sprung auf 30 Millionen geben soll, halte ich für nicht durchsetzbar. Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren eine Verdoppelung hinkriegen auf fünf Millionen. Aber die Nachfrage ist groß und man möchte versuchen, ihr nachzukommen. Die Menschen, deren Länder eine Hadsch-Quote haben und dort im Losverfahren scheitern, wünschen sich, dass die Zahlen erhöht werden.

Sie glauben nicht, dass es Saudi-Arabien ums Geld geht? Die Pilgerfahrt ist immerhin schon jetzt ein Zwölf-Milliarden-Dollar-Geschäft.

Nein. Wenn sie die Einnahmen erhöhen wollten, könnten sie einfach die Preise anziehen. Saudi-Arabien hat ja ein Monopol, es gibt keinen anderen Hadsch. Die Leute können sie nicht in Südbayern vollziehen. Von daher könnten sie einfach Gebühren bei der Visa-Beschaffung erhöhen und man hätte klare und direkte Gewinne.

Ich glaube, dass Saudi-Arabien den Forderungen anderer muslimischer Länder gerecht werden will, die üben Druck aus. Die wollen höhere Quoten, weil die Nachfrage so groß ist. Und es ist auch für die Länder selbst in Teilen eine wirtschaftliche Frage: Wenn mehr Menschen aus Algerien, Tunesien und Marokko teilnehmen, verdienen die Organisatoren mehr Geld.

Dieses Jahr aber nicht. Wegen des Coronavirus findet der Hadsch nur sehr eingeschränkt statt.

In diesem Jahr wird es wahrscheinlich nur mehrere Tausend Pilger geben anstatt zwei bis drei Millionen. Auch nur aus Saudi-Arabien selbst. Die finanziellen Einbußen, die Saudi-Arabien in dieser Saison haben wird, sind unbeschreiblich. Sie müssen sich vorstellen: Es fehlen zwei Millionen Menschen, die jeweils zwischen 4000 bis 20.000 Euro ausgeben. Und ich rechne es den saudi-arabischen Behörden hoch an, dass sie in der Corona-Krise den Gesundheitsschutz vor die wirtschaftlichen Interessen gesetzt haben. Wir sehen im Moment, wie verschiedene Länder um die Wiedereröffnung des Tourismus kämpfen und sich dafür einsetzen, am liebsten alle Strände und Hotels zu öffnen. Diesen Weg hätte Saudi-Arabien auch gehen können.

Wie sieht es mit der Menschenrechtsfrage aus? Hätten Sie Verständnis dafür, wenn ein Muslim oder eine Muslima sagt: Ich sehe mich nicht imstande, den Hadsch zu absolvieren, weil ich politisch ein Problem mit Saudi-Arabien habe?

Die politische Dimension spielt für den einen oder anderen immer eine Rolle. Aber es gibt für den Muslim keinen anderen Hadsch. Wenn sie jemand vollziehen will, muss er sie in Saudi-Arabien vollziehen.

Mit Abdassamad El Yazidi sprach Christian Herrmann

Quelle: ntv.de