Wirtschaft

Öl keine Garantie für Reichtum Guyana droht "holländische Krankheit"

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Bislang leben viele Guyaner von der Landwirtschaft und verkaufen ihre Ernte auf dem Markt.

(Foto: imago images/VWPics)

Guyana, das kleine Land im Nordosten von Südamerika, hofft nach einem Ölfund vor fünf Jahren auf den großen Reichtum. Doch die Voraussetzungen sind schlechter, als es auf den ersten Blick scheint. Der Ölpreis auf dem Weltmarkt ist im Keller, das Land versinkt in politischem Chaos und offensichtlich hat sich Guyana von seinen Vertragspartnern auch noch über den Tisch ziehen lassen. Es droht die "holländische Krankheit", erzählt Lateinamerika-Experte Federico Foders im ntv.de-Interview.

ntv.de: Was ist Guyana für ein Land? Und wovon leben die Menschen aktuell?

Federico Foders: Es ist ein sehr kleines Land im Nordosten Südamerikas. Guyana war mal eine britische Kolonie, die 1966 selbstständig wurde. Die Briten hatten sich die Kolonie für den Anbau von Zuckerrohr ausgesucht. Nach der Unabhängigkeit kamen dann andere Produkte dazu, es hat eine kleine Diversifizierung der Wirtschaft stattgefunden. Heute lebt das Land im Wesentlichen weiterhin von der Landwirtschaft, aber auch vom Bergbau. Bauxit wird dort gefördert, das ist der Rohstoff für die Herstellung von Aluminium. Und jetzt gibt es das Erdöl.

Wann und wo wurde das gefunden?

Der letzte große Fund war 2015, etwa 200 Kilometer vor der Küste. Schon seit den 1940er Jahren wird vor Guyana Erdöl gefördert, jedoch nur in sehr kleinen Mengen. Durch den großen Fund vor fünf Jahren sieht es jetzt so aus, als könnte Guyana sehr schnell sehr reich werden.

Warum sind die Guyaner so optimistisch?

Das Ölfeld ist eben sehr groß, noch dazu ist das Öl qualitativ sehr hochwertig. Öle werden unterschieden nach dem Schwefelgehalt. Leichte Öle haben sehr wenig Schwefel und die lassen sich sehr gut in Raffinerien aufbereiten. Solange es immerhin für leichte Öle auf dem Weltmarkt einen guten Preis gibt, gibt es eine große Chance für Guyana.

Wie viel Erdöl könnte gefördert werden?

Laut Schätzungen 750.000 Barrel pro Tag, sobald die Infrastruktur passt. Das würde etwa einem Barrel Erdöl pro Tag pro Einwohner entsprechen. Dann könnte man bis 2030 einen Wert von 30 bis 35 Milliarden US-Dollar fördern, was natürlich sehr viel ist. Das Bruttoinlandsprodukt von Guyana liegt bei vier Milliarden US-Dollar. Wenn man das vergleicht mit diesem Potenzial, dann ist das natürlich gigantisch.

Der Internationale Währungsfonds gab Anfang des Jahres die Prognose raus, dass Guyanas Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um über 50 Prozent steigen könnte.

Aber dann kam Corona und hat nicht nur den Ölpreis in den Keller fallen lassen. Ein stabiler Ölpreis war aber Voraussetzung für die Schätzung, genauso der schnelle Aufbau der für die Förderung nötigen Infrastruktur.

Wer fördert das Erdöl?

Exxon Mobil hat das Erdöl vor fünf Jahren aufgespürt. Seitdem hat das Unternehmen ein Konsortium gebildet, zusammen mit der Hess Corporation, einer weiteren US-amerikanischen Ölfirma, und dem staatlichen Ölkonzern der Chinesen.

Und wie sind die Konditionen für Guyana?

Guyanas Beteiligung am Gewinn des Konsortiums soll bei 52 Prozent liegen. Das ist nicht viel, branchenüblich wäre ein Anteil zwischen 65 und 80 Prozent. Exxon Mobil soll es 2015 auch vermieden haben, von einem großen Fund zu sprechen. Das heißt, Exxon Mobil hat die Regierung Guyanas während der Verhandlungen ziemlich im Dunkeln gelassen, was das Potenzial des Ölfunds betrifft. Man hat auch keine unabhängigen Berater hinzugezogen. Das ist etwas, was man eigentlich immer tun sollte. Und leider sind die Vertragsdetails auch nie veröffentlicht worden.

Wieder was gelernt

Das Interview mit Federico Foders ist für unseren Podcast "Wieder was gelernt" entstanden. Die Ausgabe "Guyana - Öl-Reichtum oder Ressourcen-Fluch?" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Transparenz ist also ein Fremdwort in Guyana?

Ja. Und das sorgt für ein ganz anderes Problem: Korruption. Das ist ein Dauerthema in ganz Südamerika und Guyana ist da keine Ausnahme. Etwa sieben Prozent der Bevölkerung sind sehr, sehr arm. Sie sind praktisch ausgeschlossen vom Arbeitsmarkt, vom Bildungssystem und von vielen anderen gesellschaftlichen Prozessen. Das heißt, es gibt große Einkommens- und Vermögensunterschiede. Oft ist die Korruption ein Schmiermittel, damit eine Gesellschaft trotzdem funktionieren kann.

Das führt aber letztlich auch dazu, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen sehen müssen, wo sie bleiben. In vielen Ölstaaten wie Nigeria, Äquatorialguinea und Angola hat die Bevölkerung von dem Öl-Geld überhaupt nicht profitiert. Der sogenannte Ressourcen-Fluch hat immer wieder zugeschlagen.

Genau, das wird auch als "holländische Krankheit" bezeichnet. In den 1960er Jahren gab es in den Niederlanden einen riesigen Erdgas-Fund. Der ist für die Niederlande aber zum Fluch geworden, weil es zu einer realen Aufwertung der Landeswährung gekommen ist, die für die übrigen Sektoren der Wirtschaft verheerend war. Man hat viele andere Dinge, die auch wichtig sind in einer Wirtschaft, ziemlich vernachlässigt. Man hatte zwar das Glück, dass es große Unternehmen gab wie Philips, die weiter mit ihrer Forschung vorangegangen sind und sich nicht großartig haben stören lassen, aber große Teile der niederländischen Wirtschaft waren nicht mehr wettbewerbsfähig. Es konzentrierte sich alles nur auf das Erdgas. Diese sogenannte "holländische Krankheit" hat viele Länder in Afrika und in Lateinamerika ebenfalls getroffen, weil sie sich zu stark nur auf einen Rohstoff konzentriert haben.

Der neu gewählte Präsident Mohamed Irfaan Ali will für mehr Transparenz sorgen, das Geld besser verwalten und am langen Ende den Lebensstandard der Bevölkerung verbessern. Kann das gelingen?

Es gibt mehrere Modelle, die zeigen, dass es geht. Die arabischen Länder am Golf haben sofort jedem Bürger eine staatliche Rente zugesagt, sodass jeder am neuen Öl-Reichtum beteiligt worden ist. Auch Brasilien hat - zumindest in der Vergangenheit - versucht, Reichtum aus bestimmten Sektoren breit zu verteilen und auch in die letzten Dörfer zu bringen.

Aber noch kann Ali seine Versprechen nicht umsetzen. Offiziell wird Guyana weiter von David Granger geführt, weil der seine Wahlniederlage nicht anerkennen will.

Das Problem hier ist, dass der politische Kampf in Guyana durch einen externen Effekt, den Ölfund, entschieden worden ist. Und jetzt reißen sich beide großen Parteien und auch die Zivilgesellschaft um das, was als Reichtum zu erwarten ist. Ich kann da leider keine gute Prognose abgeben, denn insgesamt können wir davon ausgehen, dass in der Weltwirtschaft der Ölverbrauch in den nächsten 10 bis 20 Jahren sinken wird.

Mit Federico Foders sprach Kevin Schulte

Quelle: ntv.de