Wirtschaft

Einwohner profitieren nichtGuyana ist die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt

13.06.2026, 10:30 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Guyanas Wirtschaft wächst, aber das ist im Land kaum sichtbar. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Guyana profitiert wie kein anderes auf der Welt von der Neuordnung des weltweiten Ölmarkts. Das kleine Land entwickelt sich zum ökonomischen Kraftpaket. Zumindest in der Theorie. Die Realität für die Bewohner Guyanas sieht anders aus.

Schon vor dem Krieg im Iran war Guyana das wirtschaftlich am schnellsten wachsende Land der Welt. Die Lage im Nahen Osten wird den kleinen 800.000-Einwohner-Staat im Norden Südamerikas höchstwahrscheinlich noch mehr Geld einbringen. Der Krieg hat Ölpreis-Schockwellen über den gesamten Erdball geschickt. Die weltweiten Energiemärkte formieren sich deshalb neu. Neue Verträge werden geschlossen, langjährige Partnerschaften hinterfragt. Ölkonzerne und ihre Kunden suchen nach stabilen Förderquellen.

Davon profitiert Guyana wie kein anderes Land auf der Welt. Guyana liegt in Südamerika, eingerahmt von Venezuela, Brasilien und Suriname. Die ehemalige britische Kolonie sitzt nicht nur auf großen Ölreserven, sondern kann auch noch mit weiteren Standortvorteilen wuchern: Im Gegensatz zu vielen anderen Ölstaaten ist Guyana eine Demokratie, bietet politische Stabilität und fast uneingeschränkten Zugang zum Öl. Dafür zuständig ist ein Ölkonsortium, das von Exxon Mobil geführt wird, einem der größten Mineralöl- und Gaskonzerne der Welt.

"Wir sind in der Lage, gemeinsam mit den richtigen Partnern, den richtigen Institutionen und den richtigen Ideen Projekte zu entwickeln", sagt Präsident Irfaan Ali. "Guyana bietet etwas Seltenes: einen stabilen, demokratischen Produzenten im Atlantikraum, mit erstklassiger Tiefseetechnologie, strenger Umweltaufsicht und einer Regierung, die ihre Verträge und Gesetze durchsetzt", so Ali in einer Rede am Baker Institute.

Auf einem Level mit Indien

Innerhalb von sieben Jahren hat Guyana seine Ölförderung drastisch erhöht - voriges Jahr wurde erstmals die Marke von über 900.000 Barrel pro Tag überschritten. Zum Vergleich: Saudi-Arabien liegt bei über 10 Millionen, die USA bei über 22 Millionen, das kleine Guyana bewegt sich mit diesen Zahlen aber immerhin auf dem Level von Indien.

Guyana fördert im Schnitt täglich mehr als ein Barrel Erdöl pro Einwohner. Für nächstes Jahr wird die 1-Million-Marke angestrebt, 2030 sollen täglich 1,7 Millionen Barrel gefördert werden - noch einmal fast das Doppelte wie bisher.

Das Bruttoinlandsprodukt von Guyana hat sich in den vergangenen sieben Jahren auf 27,5 Milliarden Dollar vervierfacht. Tendenz klar steigend. Dafür sind vor allem die Rohölpreise verantwortlich - sie sind seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar um 30 Prozent nach oben geschossen. Das macht Guyana reich. 

Das Land sitzt auf geschätzt elf Milliarden Barrel Ölreserven. Bis Ende des Jahres steigen die Öleinnahmen Guyanas voraussichtlich auf über vier Milliarden US-Dollar, hat Reuters ausgerechnet - unter der Voraussetzung, dass der Ölpreis so hoch bleibt wie aktuell. Das wären über 60 Prozent Mehreinnahmen im Vergleich zum vergangenen Jahr.

Guyana hat mit Exxon Mobil vereinbart, dass der Ölkonzern so lange den Großteil der Ölgewinne einstreicht, bis er die anfänglichen Explorations- und Erschließungskosten wieder eingespielt hat. Das könnte jetzt schneller klappen als geplant - sogar noch in diesem Jahr, erwartet Exxon Mobil. Das würde Guyanas Gewinne aus dem Ölgeschäft deutlich erhöhen. So bekommt das Land zu einem früheren Zeitpunkt mehr von den Öleinnahmen ab.

Ölgeld im Land nicht sichtbar

Das einst bitterarme Land wird von Jahr zu Jahr reicher. Aber Guyanas wachsender Wohlstand ist, wenn überhaupt, nur minimal spür- und sichtbar. In der Hauptstadt Georgetown wird einerseits viel gebaut, auch Luxushotels. Andererseits sind Stromausfälle immer noch an der Tagesordnung. Im Hinterland, wo viele Indigene leben, kommt von dem neuen Ölgeld nichts an.

Die Menschen in Guyana führen kein Leben in Saus und Braus, von Zuständen wie in den Ländern der Emirate kann nicht im Ansatz die Rede sein. Seit Beginn der Ölförderung wächst das BIP von Guyana jedes Jahr zweistellig - aber das kleine Land hat milde gesagt Schwierigkeiten, den Aufschwung auf die Bevölkerung zu verteilen. Laut Regierung machten die Öl- und Gasindustrie im vergangenen Jahr 75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Präsident Irfaan Ali sagt, die höheren Einnahmen aus dem Ölgeschaft werden von höheren Importkosten für fast alle Güter wieder ausgeglichen. Die riesigen Ölvorkommen haben also ihre Schattenseiten. 

Dieses Phänomen wird als Ressourcen-Fluch oder "holländische Krankheit" bezeichnet, hat Guyana-Kenner Federico Foders, einst Professor am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, bereits 2020 im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" erklärt: "In den 1960er Jahren gab es in den Niederlanden einen riesigen Fund Erdgas. Dieser wurde zum Fluch, weil sich die gesamte niederländische Wirtschaft nur auf das Erdgas gestürzt hat. Viele andere Bereiche wurden ziemlich vernachlässigt, große Teile der Wirtschaft lagen brach. Diese 'holländische Krankheit' hat später auch viele Länder in Afrika und Lateinamerika betroffen."

Präsident: Jedes Kind muss eine Chance haben

Guyana versucht, die eigene Wirtschaft auf stabilere Füße zu stellen. Als eine der ersten Maßnahmen hat die Regierung 2019 einen Staatsfonds eingerichtet. Alle Einnahmen aus dem Ölgeschäft fließen dort hinein. Seit 2021 gibt es außerdem ein Gesetz, was die Öl- und Gaskonzerne dazu verpflichtet, mit landeseigenen Lieferanten und Anbietern Verträge zu schließen. 90 Prozent der Mitarbeiter-Verpflegung müssen von guyanischen Unternehmen kommen, zudem 25 Prozent der medizinischen Dienstleistungen. Die Regierung plant das Gesetz zugunsten der lokalen Wirtschaft weiter auszuweiten.

Guyanas Führung werde nicht daran gemessen, wie viel Barrel Öl man fördere. "Die Welt wird diese Zahl in 50 Jahren vergessen haben", ist Präsident Ali überzeugt. Es gehe darum, dass ein Kind in einem abgelegenen Dorf dieselben Chancen hat, wie ein Kind, das in der Hauptstadt Georgetown geboren wird, so Präsident Ali. "Hat der Landwirt günstigeren Dünger und zuverlässigere Stromversorgung erhalten? Hat der kleine Betrieb eine Chance, im Wettbewerb zu bestehen? Steht der Wald noch? Haben die Menschen ihre Zukunft noch selbst in der Hand? Das ist das Guyana, das wir aufbauen. Ein Land, in dem niemand zurückgelassen wird", kündigt Ali an.

Noch ist Guyana weit entfernt davon, ein florierendes Land zu sein - trotz des weltweit schnellsten Wirtschaftswachstums. Die Einwohner sind besorgt, führen noch kein signifikant besseres Leben und fürchten die "holländische Krankheit". Und sie haben Angst davor, ein zweites Venezuela zu werden. Guyanas Nachbarland ist das beste Beispiel dafür, wie auch gigantische Ölfelder ein Land nicht vor dem Verfall retten können.

Der "Wieder was gelernt"-Podcast

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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