Wirtschaft

Startup mit Fantasiebewertung Hello Fresh – hello Hirn!

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Wieviel ist ein Karton mit Lebensmitteln wert?

(Foto: picture alliance / dpa)

Schillernd leuchtet die Blase bei den Startup-Unternehmen. Beispiel gefällig? Wie wäre es mit dem Berliner Lieferservice Hello Fresh? Hier lässt sich beim besten Willen keine Milliardenbewertung herauslesen.

Am Berliner Hauptbahnhof locken sie mit Rabattcoupons, in Zeitschriften oder bei Paketsendungen liegen die Angebote des Berliner Lebensmittel-Lieferdiensts Hello Fresh bei. Jede Probebestellung bedeutet dabei auch gleich einen neuen Kunden im Stamm, so arbeiten viele Internet-Start-Ups. Frohlocken können bei Hello Fresh aber vor allem die Gründer, denn der Unternehmenswert ist nach einer neuen Studie mit 2,6 Milliarden Euro absurd hoch.

Hello Fresh liefert Kochboxen, die Zutaten und Rezepte für komplette Mahlzeiten enthalten, die die Kunden zuhause nachkochen. Einfach - oder böse - gesagt, beruht das banale Konzept darauf, kleine Essenseinheiten zu verpacken und an die Kunden zu versenden. Es scheint genügend Menschen zu geben, die nicht gerne darüber nachdenken, was sie einkaufen sollen, denn die Firma ist auf einem rasanten Wachstumskurs: Der Umsatz für 2015 wird mit 120 Millionen Euro kolportiert.

Im vergangenen Jahr soll allerdings bei einem Umsatz von rund 70 Millionen Euro ein Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von knapp 12 Millionen Euro angefallen sein. Weil Vorstandschef Dominik Richter die Lockangebote und Rabattaktionen energisch vorantreibt, dürfte zwar der Umsatz weiter stark steigen. Die schwarzen Zahlen werden umso länger auf sich warten lassen.

Fresh wie Kuka, Rheinmetall oder Salzgitter?

Nicht nur, dass es mehr als einfach ist, das Konzept eines Essenslieferservices zu kopieren, die nackten Zahlen geben die Milliarden auch keinesfalls her. Ein Blick auf die Bewertung zeigt, wie astronomisch die Firma gewichtet ist. Mit einem theoretischen Börsenwert von 2,6 Milliarden Euro liegt Hello Fresh auf Augenhöhe mit dem Roboter- und Anlagenbauer Kuka aus dem MDax. Zudem brächten die Berliner viel mehr auf die Waage als 16 weitere MDax-Unternehmen wie Rheinmetall, Aareal Bank, Stada, Leoni, Bilfinger, Salzgitter oder TAG Immobilien.

Und noch ein Rechenbeispiel: Angenommen Hello Fresh wird es gelingen, 2016 einen Umsatz von 260 Millionen Euro zu erwirtschaften. Dann wäre die Firma mit dem Zehnfachen des Umsatzes bewertet. So werden, wenn überhaupt, nur US-Biotechfirmen bewertet, die ein äußerst aussichtsreiches Medikament entdeckt haben. Hingegen wird der weltgrößte Internethändler Amazon "nur" mit dem Zweifachen des Erlöses gewichtet – und selbst bei Amazon zweifeln viele, ob der Umsatz langfristig endlich einmal in nennenswerten Gewinn münden kann, die Aktie gilt als massiv überteuert. Investoren kann man nur raten: Hello! Bitte Gehirn einschalten!

Bunte Börsenblase

Es ist höchste Zeit dafür, denn das Startup-Unternehmen könnte bereits im Oktober oder November sein Börsendebüt geben. Und es sind bereits erste Anzeichen einer Euphorie auszumachen: Bei der jüngsten Finanzierungsrunde hat die Tochter der Internetbeteiligungsgesellschaft Rocket Internet für einen Anteil von gerade einmal drei Prozent 75 Millionen Euro bei dem britischen Fondshaus Baillie Gifford eingesammelt – mit solchen Deals kommt die horrende Bewertung zustande. Mit einem Anteil von 6,8 Prozent ist Ballie Gifford auch einer der Großaktionäre von Rocket Internet.

Rocket Internet
Rocket Internet 24,64

Und wo wir beim Thema sind: Was haben wir alle aus dem Börsengang der Mutter Rocket Internet gelernt? Rocket war im Oktober 2014 zu einem Ausgabepreis von 42,50 Euro und einem Börsenwert von astronomischen sieben Milliarden Euro an die Börse gegangen. Inzwischen ist der Preis mit 23,70 Euro auf dem Weg zum Rekordtief. In einem zwar schwierigen, aber längst nicht extrem komplizierten Börsenumfeld stehen Investoren nicht auf Unternehmen wie Rocket, die laut den Schätzungen der Analysten auch 2016 noch kräftige Verluste schreiben werden. Sollten die Aktienmärkte mal richtig ins Trudeln geraten und die Anleger bei Firmen wie Hello Fresh zweimal hinschauen, so könnte die Milliardenbewertung schnell in Richtung Millionenbewertung durchgereicht werden. Oder gleich auf Null sinken.

Quelle: n-tv.de

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