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"Danach kamen die Peanuts-Leute" Herrhausen - Der letzte aufrechte Banker

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Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen 1988 in Bonn.

(Foto: imago stock&people)

Vor 25 Jahren starb der Deutsche-Bank-Chef Herrhausen an den Folgen eines Bombenattentats der RAF. Kaum einer verstand, warum ausgerechnet er das Ziel der Terroristen wurde. Herrhausen galt als Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Spitzenmanagern. Mit seiner kritischen Haltung zum Finanzwesen war er seiner Zeit weit voraus. Herrhausen erkannte die Macht der Banken und appellierte damit verantwortungsvoll umzugehen. Ex-WestLB-Chef Ludwig Poullain erinnert an den "letzten Aufrechten" seiner Zunft.

n-tv.de: Der Name Alfred Herrhausen steht heute für redliches und verantwortungsvolles Handeln im Bankwesen. Ist der Banker Herrhausen von Anfang an mit seiner Art herausgestochen?

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Ludwig Poullain

(Foto: imago stock&people)

Ludwig Poullain: Nein. Herrhausen kam 1969 als Unbedarfter und Nicht-Kenner in die Bank. Er war ein Branchenfremder. Er kam aus der Elektrizitätsbranche. In seinen ersten Jahren bei der Deutschen Bank ist er gar nicht in Erscheinung getreten. Er war ganz still und hat gelernt. Als Wilfried Guth als Vorstandssprecher ausschied, wurde Alfred Herrhausen neben Friedrich Wilhelm Christians zum Sprecher gewählt.  Das war 1985. Erst da trat auch der Altruist Herrhausen in Erscheinung. Meiner Meinung nach war das aber nicht das eigentlich Markante an ihm. Ich habe das Andere an ihm geliebt.

Und was war dieses "Andere"?

Er hat einfach nüchtern gedacht. Als er Entwicklungsländern Kreditschulden erließ, die sie bei der Deutschen Bank hatten, lag dem die klare Erkenntnis zugrunde, dass diese Länder niemals in der Lage sein würden, ihre Schulden zurückzuzahlen. Wenn die das nicht können, dann verzichte ich eben darauf, so hat er gedacht. Und danach hat er gehandelt. Obwohl er wusste, dass er sich damit den Ärger seiner Kollegen einhandelt.

Der Schuldenerlass für Entwicklungsländer sorgte 1987 für Schlagzeilen. Wie hat Herrhausen das durchgesetzt?

Alfred Herrhausen regierte die Deutsche Bank damals praktisch alleine - der zweite Sprecher Christians war 1988 aus Altersgründen ausgeschieden. Herrhausen hat es einfach gemacht, es einfach verkündet. Daher rührt auch sein Ruf. Er hat nicht nur rumverhandelt, sondern auch etwas getan. Es war das erste Mal, dass eine Bank freiwillig auf Forderungen verzichtet hat, ohne dass sie dazu gezwungen war. Er hätte es auch sein lassen können. Immerhin schmälerte es ja auch den Jahresgewinn. Die Kollegen waren nicht nur erstaunt, sie waren auch verbittert. Er hatte sie einfach nicht gefragt.

War das insgesamt sein Führungsstil?

Nein. Aber wenn er das in den Vorstand gegeben hätte, hätte er keine Mehrheit bekommen. Er musste Fakten schaffen.

Welche Eigenschaften muss jemand mitbringen, um so zu handeln zu können?

Selbstverständlich einen Schuss Eitelkeit. Und Selbstvertrauen. Herrhausen wusste, was er war und was er konnte. Er wusste auch, was er von seinen Kameraden im Vorstand zu halten hatte.

Ludwig Poullain

Geb. 1919, ehemaliger deutscher Bankier. Von 1969 bis 1977 erster Chef der fusionierten WestLB und von 1967 bis 1972 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). 2004 geriet er mit einem kritischen Redetext über "Bank und Ethos" für die Norddeutsche Landesbank in die Schlagzeilen. Die Rede wurde abgesagt, weil er nicht bereit war, umstrittene Passagen zum Sittenverfall im Bankenwesen zu ändern. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" veröffentlichte den Text danach unter der Überschrift "Ungehaltene Rede eines ungehaltenen Mannes".

Herrhausen wollte mit der Tradition der Deutschen Bank brechen, liest man. Stimmt das?

Nein. Er hat nicht mit der Tradition der Deutschen Bank gebrochen. Das waren die, die nach ihm kamen. Die haben das, was bis dahin die Deutsche Bank war, über Bord geworfen.

Was war anders an ihm?

Herrhausen war ehrlich, er war offen. Er war ein guter Repräsentant der Bank. Er stellte sich glänzend dar. Er konnte inhaltsreich formulieren. Keine Schwafeleien, wie das heute der Fall ist. Wenn ich eine Rede von Jürgen Fitschen höre, dann überkommt mich der Schauer. Der sagt mit vielen Worten nichts. Herrhausen war der letzte aufrechte Repräsentant der Deutschen Bank, das ist das Tragische an seinem Tod. Was danach kam, sind die Peanuts-Leute - Kopper, Breuer und Ackermann.

Ausgerechnet Herrhausen sorgte durch die Übernahme von Morgan Grenfell dafür, dass aus der Deutschen Bank eine Investmentbank wurde. Er hat damit den Weg für viele spätere Probleme bereitet. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung rückblickend?

Morgan Grenfell war gut. Wie auch alle anderen Investmentbanken. Herrhausen hat eine Investmentbank gekauft, als es noch gute Investmentbanker gab. Was dann aus den Investmentbankern geworden ist, geht auf die Kappe von Herrhausens Nachfolgern. Keiner weiß, was Herrhausen aus dieser Bank gemacht hätte. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Er hat sie nur gekauft. Er hat nicht gezeigt, was er damit gemacht hätte. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass er nicht dieses Spiel mit Lug und Betrug gemacht hätte. 

Wie würden Sie die Unternehmenskultur damals beschreiben?

Sie war anders. Es gab eine Identifizierung mit dem Unternehmen. Wenn man Herrhausen sagte, meinte man Deutsche Bank. Wenn man Poullain sagte, meinte  man West LB. Wenn man Ponto sagte, meinte man Dresdner Bank. Und wenn man Saßmannshausen sagte, meinte man die Industrie und Preussag. Diese Leute verschrieben sich ihrem Unternehmen. Sie dienten ihm mit Fleisch und Blut. Diese Personifizierung lag in der Tradition der Deutschen Bank. Gerade nach dem Krieg durch Josef Abs, der eine ganz starke Persönlichkeit war. Er gab dem Amt Schwere und Gewicht. Herrhausen war der Abschluss - fast mit shakespearischen Dimensionen: Zum Schluss kommt der Allerstärkste. Er war der letzte Banker, der auch den Mund aufgemacht hatte - auch gegenüber der Regierung. Deshalb war er auch als Berater gefragt. 

Was haben Sie gedacht, als Sie vom Attentat erfuhren?

Ich habe gedacht, das kann nicht wahr sein. Das stimmt nicht. Und das darf auch nicht wahr sein. Das darf nicht stimmen. Ich habe danach erst einmal keine Nachrichten mehr gehört. Ich wollte es nicht wahrhaben. Man trauert um einen Freund.

Mit Ludwig Poullain sprach Diana Dittmer.

Quelle: n-tv.de

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