Wirtschaft

Interne Berichte einsehbar Hunderte kannten wohl Wirecard-Zahlen

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"Eigentlich hätte jedem beim Blick auf die monatlichen Transaktionsübersichten auffallen müssen, dass da etwas nicht stimmt", zitiert das "Handelsblatt" einen Insider.

(Foto: dpa)

Während die Wirecard-Konkurrenz bei mickrigen Gewinnen herumkrebste, brüstete sich Ex-Wirecard-Vorstand Braun gerne mit zweistelligen Wachstumszahlen. Viele haben ihm geglaubt. Die wahren Zahlen sahen anders aus. Nun soll es Belege geben, dass gut 250 Mitarbeiter im Bilde waren.

Offenbar gab es im Wirecard-Skandal doch viel mehr Mitwisser als bisher angenommen. Bislang hatte es den Anschein, die Strippenzieher seien ein enger Kreis um Ex-Vorstandschef Markus Braun und den gesuchten Ex-Asienvorstand Jan Marsalek gewesen. Sie sollten die Anstifter gewesen sein und alle - Mitarbeiter, Prüfer und Öffentlichkeit - konsequent getäuscht haben. Nach "Handelsblatt"-Informationen hatten in Wirklichkeit aber Hunderte im Konzern Einblick und kannten die ungefälschten Zahlen.

Internen Dokumenten zufolge, die dem Blatt vorliegen, haben die Fachabteilungen intern monatlich Statistiken über die echten Transaktionsvolumina veröffentlicht. Gut 250 Mitarbeiter sollen Zugriff darauf gehabt haben. Der Abgleich der internen Zahlen mit denen, die das Management der Öffentlichkeit präsentierte, wäre theoretisch also regelmäßig möglich gewesen. Die Abweichungen hätten jedem, der im Bilde war, auffallen können.

Ins Bild gesetzt wurden die Konzernmitarbeiter laut der Zeitung durch das "Payment & Risk Monthly Reporting", eine Powerpoint-Präsentation zum Monatsanfang. In dieser Datensammlung seien die zehn größten Händler, die ihnen zuzuordnende Transaktionszahl, das abgewickelte Volumen auf Monatssicht und die Jahresprognose abzulesen gewesen.

Laut "Handelsblatt" wurde intern im Dezemberreport 2019 ein reales Gesamttransaktionsvolumen von 61,3 Milliarden Euro ausgewiesen. Für das Jahr 2020 prognostizierten die Fachabteilungen ein Volumen von 86,8 Milliarden Euro. In der Darstellung für die Öffentlichkeit dagegen hatte Wirecard allein in den ersten neun Monaten 2019 angeblich ganze 124,2 Milliarden Euro abgewickelt. Nach "Handelsblatt"-Berechnungen hätte sich damit für das volle Jahr 2020 ein Betrag von satten 165 Milliarden Euro ergeben - und damit doppelt so viel wie intern von den Mitarbeitern prognostiziert wurde.

"Eigentlich hätte jedem beim Blick auf die monatlichen Transaktionsübersichten auffallen müssen, dass da etwas nicht stimmt", zitiert das Blatt einen Insider. Trotz der Ungereimtheiten haben aber Controller und Abteilungsleiter, Aufsichtsräte und Prüfer geschwiegen. Die Frage bleibt: wieso? Laut Experten ähneln sich die Muster bei solchen Skandalen. Es gebe immer eine intransparente Unternehmenskultur, Chaos und unklare Zuständigkeiten. Bei Wirecard hat noch etwas verhindert, dass das Lügengebäude lange nicht einbrach. Die Staatsanwaltschaft sprach Ende Juli von "gewerbsmäßigem Bandenbetrug", "Korpsgeist" und "streng hierarchischem System" unter dem Vorstandsvorsitzenden Braun. Dass gut 250 Mitarbeiter möglicherweise wider besseres Wissen geschwiegen haben, wäre ein weiterer Beleg dafür.

Quelle: ntv.de, ddi