Wirtschaft

Digitaler BlackoutInternetsperre kommt Irans Wirtschaft teuer zu stehen

24.01.2026, 12:26 Uhr
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Demonstranten-demonstrieren-gegen-die-schlechten-wirtschaftlichen-Bedingungen-in-Teheran
Demonstranten demonstrieren gegen die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen in Teheran. (Foto: picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire)

Die Internetsperre im Iran trifft nicht nur die Protestbewegung, sondern eine ganze Volkswirtschaft. Für viele ist der digitale Blackout längst zur existenziellen Bedrohung geworden.

Meysam blickt frustriert auf die Zahlen seines Unternehmens, denn die Kundschaft bleibt aus. Seit der iranische Staat das Internet kappte, brechen die Bestellungen weg. Meysam ist 35 und verkauft Pflegeprodukte und Haarfarben – fast ausschließlich über Instagram und Messenger-Kanäle. "Allein in zwei Wochen habe ich 90 Prozent meines Umsatzes verloren", sagt er. Fünf Mitarbeiter musste er entlassen. Das Geld reicht kaum noch für die Ausgaben.

Seit zwei Wochen herrscht im Iran ein digitaler Blackout – verhängt auf dem Höhepunkt der jüngsten Massenproteste, die die Staatsführung brutal niederschlagen ließ. Tausende Demonstranten sind tot. Der Schmerz der Repression ist noch präsent, da plagen viele Familien längst neue Sorgen: Wie geht es wirtschaftlich weiter? Was Meysam erlebt, betrifft inzwischen große Teile der Gesellschaft. Denn die digitale Infrastruktur im Iran ist längst mehr als ein Kommunikationsmittel – sie ist für viele ein Geschäftsmodell.

Irans Staatsführung begründet die Internetblockade mit Sicherheitsbedenken. Doch selbst die Regierung räumt inzwischen ein, wie hoch der Preis dafür ist. Die Sperre koste iranische Unternehmen täglich umgerechnet fast drei Millionen Euro, sagte Vize-Kommunikationsminister Ehsan Tschitsas vor wenigen Tagen. Konkrete Gesamtschäden nennt bislang niemand.

Der Präsident der iranischen Industrie- und Handelskammer warnte vor unvorhersehbaren Folgen für die Wirtschaft. Mehr als 400.000 Unternehmen seien in ihrer Existenz bedroht, sagte Gholamhossein Schafei dem Onlineportal Asre-Eghtesad. Halte die Internetsperre an, steht der Lebensunterhalt von rund neun Millionen Beschäftigten auf dem Spiel.

Der wirtschaftliche Schaden dürfte den innenpolitischen Druck weiter erhöhen. Ausgelöst wurde die jüngste Protestwelle Ende Dezember durch die massive Wirtschaftskrise und einen plötzlichen Absturz der landeseigenen Währung Rial, die an einem Tag um gut sechs Prozent an Wert verlor. Erst danach entwickelten sich die Demonstrationen zu einem landesweiten Aufstand.

Seit einer Woche können Iranerinnen und Iraner wieder ins Ausland telefonieren und SMS verschicken. Rückrufe oder Nachrichten erreichen das Land jedoch nicht. Stattdessen bleibt der Zugang auf das nationale Intranet beschränkt – eine Umgebung, in der ausschließlich staatlich kontrollierte Webseiten verfügbar sind. Ausländische Dienste bleiben blockiert. Seit Jahren existiert diese Parallelstruktur. Doch das globale Netz bleibt unerlässlich.

Die iranische Vereinigung der Digitalunternehmen schätzt, dass rund 700.000 Onlineshops über soziale Medien aktiv sind. Hinzu kommen etwa 100.000 Webseiten ohne offizielle Lizenz sowie 9.000 registrierte Firmen. Vor allem auf Instagram bewerben Shops, Trainer und Mediziner ihre Arbeit. Schon vor dem vollständigen Internet-Blackout waren Anwendungen des Facebook-Konzerns gesperrt. Viele Iraner nutzen sogenannte Tunneldienste (VPN), manche installieren gleich mehrere davon auf ihrem Handy.

Die wirtschaftlichen Folgen der Internetsperre treffen ein Land, das ohnehin unter massivem Druck steht. Der Iran ist mehr als viermal so groß wie Deutschland und zählt rund 90 Millionen Einwohner. Bodenschätze, Öl- und Gasvorräte machen das Land eigentlich reich. Doch im Konflikt mit dem Westen über das umstrittene Atomprogramm und wegen Menschenrechtsverletzungen wurde die Wirtschaft mit harten Sanktionen belegt. Besonders betroffen ist der Ölsektor, der große Teile der Staatskasse füllt.

Die politische Isolation und die Wirtschaftssanktionen haben in den vergangenen Jahren Irans Mittelschicht erodieren lassen und große Teile der Bevölkerung an den Rand der Armut gedrängt. Dabei zählt der Iran zu den Ländern mit dem besten Bildungssystem der Region. Vor allem die junge Generation ist geprägt von Ehrgeiz und Unternehmertum. Das Land ist hoch digitalisiert, die lokale IT-Branche lebt von kreativen Start-ups.

Auch viele Freiberufler sehen ihre Existenz in Gefahr. Behnam Amin Asad, Gründer einer Plattform, die Unternehmen mit Programmierern, Designern und Übersetzern zusammenbringt, verzeichnete einen Rückgang von 96 Prozent der Aktivitäten auf seinem Portal. "Die meisten unserer Dienstleistungen sind digital. Und nur wenn Unternehmen aktiv sind, sind auch wir aktiv", sagt er. Viele Firmen hätten Aufträge für Werbung in sozialen Medien vergeben – nun fehle dafür die Infrastruktur.

Neben den wirtschaftlichen Sorgen bleibt bei vielen Iranerinnen und Iranern ein Gefühl der Ohnmacht. Das Warten auf eine offene Leitung zur Welt, der fehlende Kontakt zu Familienangehörigen im Ausland, die Ungewissheit über das, was kommt – die Sorge vor einer Zukunft im digitalen Abseits. Wie lange die Internetsperre anhält, ist unklar.

Die Staatsmacht macht ihre Prioritäten unmissverständlich klar. Ali Akbar Purdschamschidian, Vorsitzender eines nationalen Sicherheitsgremiums, verteidigte die Blockade derweil im Staatsfernsehen. "Für die Bevölkerung gibt es das Thema Sicherheit, und es gibt das Thema Wirtschaft", sagte der frühere General. "Und in dieser Situation war uns die Sicherheit wichtiger."

Quelle: ntv.de, Arne Bänsch, dpa

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