Wirtschaft

"Regelrechte Panikstimmung" Ist die Globalisierung tot?

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Der "Inflation Reduction Act" von US-Präsident Joe Biden hat protektionistische Züge.

(Foto: REUTERS)

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wurde die Globalisierung bisher abgefeiert. Doch dieses Jahr ist die Stimmung eine ganz andere. Die Europäer werden von den USA und China herausgefordert - und wissen nicht, wie sie reagieren sollen.

Vor einigen Jahren gab es in Davos eine geflügelte Floskel: "inclusive growth" - also inklusives Wachstum. Es ging um jenes Wachstum, das einst Ludwig Erhard so treffend mit "Wohlstand für alle" umschrieben hat. Viele Vorstandschefs und Politiker spürten in den Jahren um 2016/2017, dass ihnen die Globalisierung ein wenig um die Ohren zu fliegen drohte. Diese hatte über die Jahrzehnte zwar zuverlässig viel Wohlstand für sehr viele Menschen gebracht und Hunderte Millionen Menschen vor allem in Asien aus der Armut in die Mittelschicht gehievt - doch in den alten Industrieländern war das Bild gemischter.

Das Weltwirtschaftsforum war insofern immer auch ein Spiegel des Zustands der Globalisierung - 2017 hatte Donald Trump dort einen grimmigen Auftritt -, aber auch ein Hort jener, die bei allen Problemen und Ungleichheiten überzeugt waren, dass die globale Vernetzung und Arbeitsteilung eine gute Idee waren.

Und so wurde auch dieses Jahr in Davos der Zustand der Globalisierung besichtigt, wobei das Motto der Konferenz schon nichts Gutes verhieß: "Kooperation in einer fragmentierten Welt". Etwas optimistischer spricht man von einer "multipolaren Welt" - einer Welt also, die nicht wie früher in zwei Blöcke zerfällt, aber auch nicht weiter zusammenwächst, sondern in etwas diffuse Einflusssphären zerfällt. Und Unternehmen, die weltweit agieren, tun gut daran, nicht zwischen die Fronten zu geraten.

Was aber waren nun die Erkenntnisse und Lehren? Was wird aus der totgesagten Globalisierung? Man sollte bei jenen beginnen, die noch nach vorne schauen. Davos war immer auch ein Symbol für die Verschiebungen der Weltwirtschaft, was man daran erleben konnte, wer sich dort in immer größeren Pavillons und Häusern präsentierte: Indonesien, Malaysia und vor allem Indien. Indien gilt, seitdem China von immer mehr Fragezeichen umzingelt wird, einmal mehr als der große Hoffnungsmarkt.

Scholz verbreitet Langeweile

Auf der großen Promenade in Davos, wo während des Weltwirtschaftsforums sämtliche Läden und Restaurants weichen, ausgeräumt und umgebaut werden, präsentierte Indien sich nicht nur einmal, sondern mehrmals: Eine den Europäern wohl eher unbekannte Provinz wie Telangana warb für Investitionen, Tech-Konzerne wie Wipro oder Infosys reihten sich zwischen die Häuser von Salesforce, Amazon und SAP. Die Party der IT-Berater von Tata Consultancy Services, vor Jahren noch ein Geheimtipp, ist längst ein Muss (mit der besten Location). Auch die Vereinigten Arabischen Emirate warben auf einem weißen Flachbau mit dem Claim "Impossible is Possible". Neben dem Uber-Haus präsentierte sich stolz Neom, die gigantische Wüstenphantasie Saudi-Arabiens.

Kann es also sein, dass die Welt in diesen Regionen ganz anders wahrgenommen wird? Ist es also der "alte Westen", der nur auf die Zerfallserscheinungen fixiert ist? Europa hat sich von der Promenade seit Jahren nahezu verabschiedet; die Griechen und Polen dieses Jahr ausgenommen. Die Deutschen hatten dieses Jahr zwar den Kanzler und mit Robert Habeck und Christian Lindner zwei Minister als Teilnehmer. Die Rede von Olaf Scholz aber sorgte für Kopfschütteln und Erstaunen, angesichts ihrer Langweiligkeit und Farblosigkeit. Scholz zählte vor der Weltelite tatsächlich die neuen LNG-Terminals samt Kubikmetern einzeln auf - "This ist the new Deutschlandgeschwindigkeit!".

Aber was können Inder und Araber mit Namen wie Brunsbüttel und Lubmin anfangen? Die kleinen Staaten wie Finnland, Niederlande oder Belgien sind da präsenter und geschickter - und man muss auch bekennen: Sie präsentieren sich smarter - nicht nur, weil ihre Regierungsvertreter meist geschliffen Englisch sprechen.

Die Belgier luden gar zu einem Event mit dem Titel "Repowering Europe's Industry", als seien sie das Kraftzentrum Europas - und warteten mit Industriegrößen wie Aditya Mittal, dem jungen CEO des Stahlkonzerns ArcelorMittal und Ilham Kadri, der Chefin des Chemiekonzerns Solvay, als Gäste auf. Mark Rutte, der Premierminister der Niederlande, machte ein wahres Panel-Hopping, und brachte Europas Herausforderung in einer Runde mit EZB-Chefin Christine Lagarde und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing auf den Punkt: "Ich möchte nicht, dass Europa ein Museum wird." Europa, sagte er, müsse in dem neuen Spiel der Globalisierung "ein Spieler und kein Spielfeld" sein - und auf Augenhöhe mit USA und China handeln.

"Geschickt und clever"

Womit wir bei jenen Mächten wären, die das Weltgeschehen bestimmen - die aber in Davos kaum vertreten waren. Das frisch eröffnete China schickte immerhin den Vizepremier Liu He, der höflich die Rückkehr Chinas in die Weltgemeinschaft versprach. 2017 noch hatte Xi Jingping sich persönlich als Ersatzspielmacher der Globalisierung in Davos präsentiert, als erster Staatschef des Landes in Davos. Er nutzte damals das Vakuum, das die USA unter Trump erzeugt hatten, und formulierte einen Führungsanspruch an all jene, die immer noch an Freihandel und Kooperation glaubten. "Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft", sagte Xi damals. Alle Länder seien voneinander abhängig. "Wir müssen Nein sagen zum Protektionismus." Man weiß, wie die Geschichte verlaufen ist.

Womit wir bei den USA wären, die diesmal durch ihre Regierung im Prinzip nicht vertreten waren. Ein paar Senatoren und Figuren der zweiten Reihe, ein bleicher John Kerry - aber kein Minister mit Gewicht, kein Vizepräsident oder gar Präsident. Es war fast ein Affront, dass sich zeitgleich Finanzministerin Janet Yellen mit Vizepremier Liu in Zürich traf, aber nicht nach Davos kam. Dafür war ein Kürzel omnipräsent: IRA. Der "Inflation Reduction Act" der USA, dessen Name in die Irre führt. Längst wird er als Kampfansage an die Welt verstanden, als Formel "Klimaschutz plus 'Buy American'".

Doch immer mehr Stimmen sagen, man solle sich vom IRA nicht verunsichern lassen oder gar mit wütendem Protektionismus antworten. Von einer "regelrechten Panikstimmung" in Europa sprach der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, der in der Ampel-Regierung in Berlin bestens verdrahtet ist: "Alle sagen: Oh Gott, die Amerikaner! Die machen mit ihrem Protektionismus unsere Industrie kaputt!" Die Heftigkeit erstaunt ihn.

Die USA, sagt Tooze, seien immer "die Kontrastfolie für Europa". Erst habe man sich gefreut, dass die Amerikaner nun Hunderte Milliarden in den Klimaschutz stecken wollen. Nun wundere man sich in Europa, wie "schnell, groß und rücksichtslos die USA das Ganze durchziehen". Der IRA seit mit einem Volumen von knapp 400 Milliarden Dollar ¬"die größte industriepolitische Antwort auf die globale Klimakrise". Die Europäer müssen laut Tooze lernen, wie Chinesen und die Amerikaner Eigeninteressen zu verfolgen, aber "geschickt und clever".

Der Deutschland-Chef der Berater Bain & Company, Walter Sinn, reiht sich behutsam ein in den Chor. Er sei zwar ein überzeugter Marktwirtschaftler. Aber der IRA sei "aus der Sicht der USA der richtige Schritt. Sie machen Europa vor, wie es geht." Und solle Europa mit einer eigenen Industriepolitik antworten? "Das müssen wir", sagte Sinn. "Zumindest wird die grüne Transformation ein wichtiges Element der Industriepolitik." Das bedeute nicht, dass man wieder neue Regeln und Vorschriften erfinde. "Aber die Akzentsetzung des IRA ist nicht überbordend. Er ist vergleichsweise einfach: Er unterstützt und incentiviert entscheidende Investitionen. Das finde ich eine gute Industriepolitik."

Vermutlich ist es also mit der Globalisierung wie mit Mark Twain: Die Nachricht von ihrem Tod ist stark übertrieben. Sie folgt bloß anderen Regeln. Kräfte und Energiefelder haben sich verschoben. Man sollte zudem auch hier die Vergangenheit nicht idealisieren: Auch früher schon gab es Interessen und Eigeninteressen - solange der Kuchen, der verteilt werden konnte, größer wurde.

Quelle: ntv.de

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