Wirtschaft
Die Maßstäbe für die globale Autoindustrie werden künftig in China gesetzt und nicht in Brüssel oder Berlin. Chinesische Kinder beim Einüben von Verkehrskommandos.
Die Maßstäbe für die globale Autoindustrie werden künftig in China gesetzt und nicht in Brüssel oder Berlin. Chinesische Kinder beim Einüben von Verkehrskommandos.(Foto: imago/ZUMA Press)
Mittwoch, 10. Oktober 2018

Schattenboxen um CO2-Grenzwerte: Jammert doch in Peking!

Ein Kommentar von Max Borowski

Die Autolobby stöhnt darüber, Umweltschützer dagegen sind enttäuscht von den künftigen CO2-Grenzwerten der EU. Doch letztlich werden es andere Akteure sein, die die Hersteller zu einer radikalen Neuausrichtung zwingen.

Der Plan mutet auf den ersten Blick ambitioniert an: Ab 2021 dürfen neu zugelassene Pkw in der EU im Durchschnitt nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Diese Begrenzung soll bis 2030 gemäß dem nun von den europäischen Umweltministern gefundenen Kompromiss um 35 Prozent auf knapp 62 Gramm sinken. Das ist gegenüber dem aktuellen Grenzwert eine Verringerung der Emissionen um fast die Hälfte in nur zehn Jahren. Das sei technisch kaum machbar und wirtschaftlich eine Zumutung, klagt die Autoindustrie. Doch der Einwand führt in die Irre.

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Angesichts der aktuellen technischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Autobranche ist der EU-Plan keinesfalls ambitioniert. Statt sich mit Händen und Füßen gegen schärfere Grenzwerte zu stemmen, wären die Autohersteller gut beraten, ihre Flotten von sich aus so klimafreundlich wie möglich zu trimmen.

Um die künftigen Grenzwerte einzuhalten, ist es überhaupt nicht erforderlich, neue Motoren zu entwickeln, die nur halb so viel Benzin verbrauchen und CO2 ausstoßen wie die heutigen. Die vorgeschriebenen Werte beschreiben einen Durchschnitt für die gesamte Flotte, die ein Hersteller anbietet. Die mit Abstand stärkste Reduktion dieses Durchschnittsausstoßes dürfte in den kommenden Jahren von dem steigenden Anteil von Elektroautos kommen. Diese werden - ungeachtet der Kritik, dass bei der Stromerzeugung CO2 entsteht - im Gesetz als emissionsfrei eingestuft.

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Den Anteil von Elektroautos an ihren Flotten werden die Hersteller ganz unabhängig von den CO2-Zielen der EU bis 2030 drastisch erhöhen müssen. Denn in dem Jahr will das erste EU-Land, die Niederlande, die Zulassung von Verbrennungsmotoren komplett verbieten. Norwegen will diesen Schritt bereits 2025 machen. Dänemark, Frankreich und Großbritannien wollen bis 2040 folgen. Bereits ab nächstem Jahr dürfen mit herkömmlichen Benzin- und Dieselmotoren angetriebene Autos in Teilen der Londoner City nicht mehr fahren. Paris, Kopenhagen und andere Städte planen für 2030 ein Verbrennerverbot im gesamten Stadtgebiet.

Diese Entwicklungen dürften sich in den kommenden Jahren eher verschärfen, wenn immer deutlicher wird, dass die EU-weiten und nationalen Klimaschutzziele mit den bisherigen Maßnahmen nicht zu erreichen sind. Diesel und Benziner werden dadurch in den kommenden Jahren immer unattraktiver für die europäischen Kunden werden.

Der wichtigste Grund, warum alle großen Hersteller in wenigen Jahren umfangreiche Flotten mit alternativen Antrieben anbieten werden, ist jedoch China. Die Regierung hat zwar noch keinen Zeitplan vorgelegt, aber bereits angekündigt, Verbrenner vom größten Automarkt der Welt zu verbannen. Anders als die EU-Kommission und die Bundesregierung wird sich die Führung in Peking von diesem Ziel auch nicht vom Stöhnen und Jammern der deutschen Autolobby abbringen lassen.

Quelle: n-tv.de