Wirtschaft

Die neue Stunde null KI verändert schon jetzt unser Leben

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Damit KI lernen und sich verbessern kann, braucht die Technologie viele Daten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Wettkampf darum, welche Wirtschaftsnation die Nase in Zukunft vorne haben wird, führt kein Weg an Künstlicher Intelligenz vorbei. Große Unternehmen haben das längst erkannt, während deutlich kleinere Konkurrenten das Nachsehen haben.

Die Wohnung von Ralf Herbrich ist bis in den letzten Winkel vernetzt. Nicht nur in der Küche, auch im Wohn- und Arbeitszimmer, sogar im Bad und im Schlafzimmer benutzt der 44-Jährige inzwischen die Amazon-Sprachassistentin Alexa. Selbst seine Tochter hat längst ein eigenes Gerät. Wenn der Familienvater Alexa allerdings anspricht, klingt das nicht wie in den meisten Haushalten. Denn so gut die Sprachassistenz des Online-Händlers entwickelt sein mag: Immer wenn Herbrich seinen Sohn Alexander rief, meldete sich auch Alexa zu Wort. Die Sprachassistentin heißt bei ihm zu Hause deswegen inzwischen "Computer".

Dass Alexa solche Fehler in Zukunft nicht mehr passieren, hat Herbrich als Leiter des Entwicklerteams für künstliche Intelligenz (KI) bei Amazon selbst in der Hand. "KI und maschinelles Lernen sind entscheidende Technologien, mit denen wir unseren Kunden eine bessere Einkaufserfahrung ermöglichen wollen", sagt Herbrich n-tv.de. Mitten in Berlin arbeitet er seit 2012 gemeinsam mit 1000 Mitarbeitern daran, dass KI bei dem Online-Versandhändler immer größere Anwendung findet. Vor 20 Jahren sah das noch ganz anders aus. KI galt als sogenanntes Orchideenfach. Inzwischen falle es ihm leichter, die Produkte und Services aufzuzählen, die bei Amazon ohne KI auskommen, sagt Herbrich.

Für die meisten deutschen Unternehmen ist das noch Zukunftsmusik: Hierzulande nutzen zurzeit gerade mal fünf Prozent der Unternehmen KI, wie eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums ergeben hat. Nur drei von zehn Firmen gehen demnach davon aus, dass sie KI-Technologien in den kommenden zehn Jahren einsetzen werden. Dabei haben gerade deutsche Unternehmen bereits in den 1990ern als einige der ersten ihren Beitrag zur Entwicklung der KI geleistet - allen voran Siemens, SAP und Bosch.

KI entscheidet, welche Nation die Nase vorn hat

"Als Versand-Buchhandel hat Amazon das Potenzial des Internets früh erkannt und Produkte wie Serien und Filme bei Prime Video, E-Books auf Kindl-Geräten oder eben die digitale Sprachassistentin Alexa auf den Markt gebracht, die ohne IT nicht denkbar gewesen wären", sagt Herbrich. Ein Tech-Unternehmen sei Amazon nicht erst in den vergangen Jahren geworden, sondern bereits seit seiner Gründung.

In Zukunft wird nicht zuletzt KI darüber entscheiden, welche Wirtschaftsnation die Nase vorn hat. Damit Deutschland nicht den Anschluss an globale Player wie die USA und China verliert, will die Bundesregierung bis 2025 mit drei Milliarden Euro die Entwicklung vorantreiben und Leuchtturmprojekte einzelner Unternehmen fördern. Auf dem Digitalgipfel in Nürnberg erklärte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: "Durch KI sind allein im produzierenden Gewerbe rund 32 Milliarden Euro an zusätzlicher Wertschöpfung in den nächsten fünf Jahren möglich."

Die KI-Strategie der Bundesregierung sieht deswegen neben der finanziellen Förderung auch den Aufbau eines nationalen Netzwerkes von KI-Zentren, eine breitere Verankerung von KI an Hochschulen durch neue Professuren und den Aufbau eines deutsch-französischen Forschungs- und Innovationsnetzwerks vor. "Ein einzelnes europäisches Unternehmen - und sei es noch so groß - wird gegen die amerikanischen Akteure alleine nicht ankommen", ist sich Altmaier sicher. Um die Konkurrenz in Schach zu halten, müssten deswegen zusätzlich Kräfte gebündelt werden.

Den Einfluss von KI auf die Wirtschaft wird auch der Arbeitsmarkt zu spüren bekommen. Entgegen gängigen Vorurteilen werden Roboter den Menschen allerdings keine Arbeitsplätze wegnehmen. Ganz im Gegenteil: "Der Einsatz von Robotern steigert die Produktivität. Fabriken, die in Billiglohn-Länder ausgelagert wurden, können dadurch wieder nach Deutschland zurückgeführt werden", sagt Geschäftsführer Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) n-tv.de.

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Die Angst, dass KI dem Menschen irgendwann überlegen sein könnte, wiegelt auch Herbrich ab. Technische Innovationen habe es schon immer gegeben. Der Einsatz von KI könne mit der Erfindung der Dampfmaschine verglichen werden, die Arbeitern damals harte Aufgaben erleichterte. "KI-Systeme nehmen den Menschen jetzt nicht nur körperlich schwere, sondern auch sich wiederholende, regelmäßige geistige Arbeit ab", sagt Herbrich. Kreativität hingegen werde weiterhin eine Domäne für Menschen bleiben.

Je mehr Daten, desto bessere Wettbewerbschancen

Was sich in Zukunft durch KI wirklich verändern wird, ist die Chancengleichheit von Wirtschaftsakteuren. Damit KI lernen und sich verbessern kann, braucht die Technologie viele Daten. In Zukunft wird der Zugang zu Daten im hohen Maße die Wettbewerbschancen einzelner Unternehmen bestimmen. Schon jetzt haben große Konzerne wie Google, Facebook oder eben Amazon gegenüber mittelständischen Unternehmen deutliche Vorteile.

Damit Deutschland sich langfristig zu einem wettbewerbsfähigen KI-Standort entwickeln kann, müssen das industrielle Umfeld und besonders der Mittelstand mitziehen. "Zwar wendet noch längst nicht jeder Mittelständer KI an, aber der Trend zeigt: Die neue Technologie wird gut angenommen", sagt Wahlster. Letztendlich komme es darauf an, dass Forschung, Wirtschaft, Politik und auch die sozialen Akteure mitspielen. Ansonsten könne auch die vielversprechendste neue Technologie schnell zu einem Flop werden.

Amazon ist äußerst zurückhaltend und macht keine genauen Angaben, wenn es um die Verkaufszahlen seiner smarten Lautsprecher geht. Einen Eindruck davon, wie beliebt Alexa ist, zeigt lediglich eine von Statista durchgeführte Onlinebefragung. Sie ergab: In Deutschland besitzen 7,1 Prozent der Befragten den erst seit etwas mehr als einem Jahr verfügbaren Alexa-Lautsprecher. In den USA sind es bereits 20,9 Prozent. Wahlster vom DFKI ist sich trotz der bislang zurückhaltenden Nachfrage nach smarten Lautsprechern sicher, dass spätestens in zehn Jahren Tastatur, Maus und sogar Touchscreen der Vergangenheit angehören werden.

Quelle: n-tv.de

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