Wirtschaft

Wütender Siemens-Chef Kaeser gibt den Trump

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Führt Siemens: Joe Kaeser.

(Foto: REUTERS)

Die EU-Kommission wird die Fusion der Zug-Sparten von Siemens und Alstom wohl untersagen. Kurz vor der Hauptversammlung schimpft Siemens-Chef Kaeser deshalb in Richtung Brüssel.

Eines der wichtigsten Projekte von Joe Kaeser steht vor dem Scheitern: die Zugfusion mit dem französischen Konkurrenten Alstom. Der Siemens-Chef wird sich deshalb morgen auf der Hauptversammlung unangenehmen Fragen stellen müssen.

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Angriff ist die beste Verteidigung, mag sich Kaeser gesagt haben. Im Vorfeld des Aktionärstreffens teilt er bereits ordentlich gegen Margrethe Vestager aus - die EU-Wettbewerbskommissarin wird die Fusion höchstwahrscheinlich untersagen.

Kaeser wählte den für Vorstandschefs ungewöhnlichen Weg, die Kommissarin nicht nur öffentlich, sondern auch gehässig zu kritisieren - per Tweet. Das erinnert an die Methode von US-Präsident Donald Trump: hämisch in Richtung Gegner twittern und ihm die Schuld wofür auch immer geben.

"Wer Europa liebt, der sollte sich nicht in rückwärts gerichteten Formeln verlieren", schrieb Kaeser unter einen Tweet von Vestager. "Es muss bitter sein, wenn man technisch recht hat, aber für Europa doch alles falsch macht".

Nun kann man einwenden, dass es von Kaeser nicht besonders pfiffig ist, der EU-Kommissarin zuzugestehen, dass formal ("technisch") gesehen die angestrebte Fusion untersagt gehört. Und ein wütender Tweet in Richtung zuständige EU-Kommissarin ist nicht das klügste Mittel ist, um den Zusammenschluss noch genehmigt zu bekommen.

Unterstützung aus Berlin und Paris

In dem Tweet entlädt sich die Frustration eines Konzernchefs, dem ein wichtiges strategisches Projekt misslingt. Für das Scheitern wäre in erster Linie allerdings nicht die EU-Kommissarin verantwortlich, die sich an die Regeln hält. Schuld daran sind vor allem die Chefs von Siemens und Alstom, die sich verkalkuliert haben. Sie haben darauf vertraut, dass die politische Unterstützung der französischen und der deutschen Regierung ausreichen wird, die Fusion durchzudrücken.

Das war offenbar ein Irrtum. Siemens und Alstom haben bei den Hochgeschwindigkeitszügen ICE und TGV sowie der Signaltechnik zu wenig Zugeständnisse gemacht, um die Wettbewerbsbedenken der Kommissarin auszuräumen. Sie vertrauten auf ihr Ziel, einen "europäischen Champion" zu schaffen, der auf den Weltmärkten dem chinesischen Konzern CRRC Paroli bieten kann.

Die EU-Kommission muss als Grundlage für ihre Entscheidung allerdings die Marktmacht innerhalb der Europäischen Union heranziehen. Eine Fusion der Zug-Sparten von Alstom und Siemens würde nach Ansicht von Brüssel die europäische Konkurrenz praktisch ausschalten. Aus Sicht von Kaeser ist diese Beschränkung auf die EU rückwärts gerichtet und formalistisch - und so kritisiert er Vestager dafür, dass sie ihren Job macht.

Dabei geht es dem Siemens-Chef ums Geschäft, auch er macht damit seinen Job. Kaeser besucht Russlands Präsidenten Wladimir Putin, während die EU und USA Sanktionen verhängen, weil sich Russland die Krim einverleibt hat. Nachdem der Journalist Jamal Kashoggi offensichtlich von saudischen Agenten ermordet wurde, entscheidet sich Kaeser erst angesichts des öffentlichen Drucks, doch nicht zu einer Wirtschaftskonferenz nach Saudi-Arabien zu reisen. Um Regierungsaufträge nicht zu verlieren, kommt er ein paar Wochen später, als sich die Aufregung gelegt hat.

"Kein direktes Mandat"

Bei seinen Tweets geht Kaeser ebenfalls auf Nummer sicher. Mit seiner Attacke in Richtung Vestager wählt er ein in Deutschland beliebtes Mittel: Brüssel für Dinge verantwortlich zu machen, die einem nicht gefallen. Hinzu kommt, dass in Deutschland Verbote von Fusionen und Übernahmen durch das Kartellamt gerne mittels einer Ministererlaubnis aufgehoben werden.  

Per Twitter legte sich Kaeser mit der AfD an. Er lobte etwa den Flüchtlingsdeal der EU und ätzte gegen Fraktionschefin Alice Weidel: "Lieber 'Kopftuch-Mädel' als 'Bund Deutscher Mädel'". Das gab viel Applaus, war allerdings ohne Risiko. Boykottaufrufe wütender AfD-Wähler muss Siemens nicht fürchten, denn sie kaufen weder Hochgeschwindigkeitszüge noch Turbinen.

Kaeser äußert sich öffentlich so, dass es die Geschäfte nicht gefährdet. Oder wie er es ausdrückt: "Wir müssen auch gesellschaftlich für das einstehen, was uns wichtig ist: unsere Interessen und unsere Werte". Der Siemens-Chef weiß, dass er auf einem schmalen Grat wandelt: "Man hat dafür kein direktes Mandat - weder von den Mitarbeitern noch von den Aktionären." Das wird neben dem gefährdeten Zug-Deal ein weiteres Thema auf der Hauptversammlung sein. Zwei Aktionäre - darunter ein AfD-Lokalpolitiker - werfen Kaeser unangemessene Parteinahme vor.

Quelle: n-tv.de

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