Wirtschaft

Pekings Wohlwollen ausgeliefert?"Außenwirtschaftskanzler" Merz steht in China vor einem Drahtseilakt

24.02.2026, 13:05 Uhr
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Auf der Münchener Sicherheitskonferenz gab Chinas Außenminister Wang Yi sich einladend. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. In den Beziehungen herrscht aber eine hohe einseitige Abhängigkeit deutscher Unternehmen. Bei seinem ersten Besuch seit Amtsantritt steht Kanzler Merz vor der Herausforderung, die notwendige Balance zu finden.

Fast zehn Monate ist Friedrich Merz als Bundeskanzler im Amt. Nun reist er erstmals nach China - Deutschlands wichtigstem Handelspartner. Dass es so lange gedauert hat und Merz in Asien erst den China-Herausforderer Indien besuchte, hat Gründe. Angesichts der hohen Abhängigkeit deutscher Unternehmen von der Volksrepublik und wenig Skrupeln Pekings, seine Wirtschaftsmacht auch als Druckmittel einzusetzen, steckt Merz in einem Dilemma.

Merz landet heute in Peking. Dort wird er zunächst von Ministerpräsident Li Qiang empfangen. Danach ist ein Gespräch und Abendessen mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping geplant. Am Donnerstag reist Merz dann weiter in das gut 1100 Kilometer südlich gelegene Hangzhou, das gerne als das "Silicon Valley" Chinas bezeichnet wird.

"Leitmotiv der Reise wird das Thema des Wettbewerbs sein", sagt ein Regierungssprecher. "Dabei wird es auf eine Differenzierung und die richtige Balance der Kooperation ankommen. Wir wollen die Kooperation dort, wo sie notwendig ist und im beidseitigen Interesse liegt."

Der von Kritikern wegen reger Reisetätigkeit gerne als "Außenkanzler" titulierte Merz dürfte in China vor allem als "Außenwirtschaftskanzler" unterwegs sein. Er wird von einer hochkarätig besetzten Wirtschaftsdelegation begleitet. Geplant ist die Unterzeichnung mehrerer Abkommen.

Europa mit Misstrauen

Die Signale aus Peking waren im Vorfeld einladend. Chinas Außenminister Wang Yi sagte bei der Münchener Sicherheitskonferenz, beide Länder könnten ihre "umfassende strategische Partnerschaft" auf eine "neue Ebene" heben. Wang lobte dabei Deutschland als "treibende Kraft" für eine Zusammenarbeit zwischen China und der Europäischen Union.

Doch die Europäer betrachten China mit Misstrauen. Im vergangenen Jahr hatte Peking im Streit mit der niederländischen Regierung um den Halbleiterhersteller Nexperia ein Exportverbot für wichtige Chips nach Europa verhängt. Auch die deutsche Automobilwirtschaft war deshalb von Produktionsstopps und Kurzarbeit bedroht.

Schon vor Jahren hat sich die EU eigentlich eine sogenannte De-Risking-Strategie mit Blick auf China verordnet. Doch tatsächlich sind die Abhängigkeiten bis heute kaum geringer geworden. Dies gilt insbesondere auch für China als Lieferant sogenannter Seltener Erden, ohne die in vielen Technologiebereichen nichts mehr geht.

Merz ist sich der Problematik bewusst: "Abhängigkeiten anderer nutzt China systematisch aus", sagte er bei der Münchener Sicherheitskonferenz. Aber im vergangenen Jahr löste China die USA wieder als wichtigsten Handelspartner Deutschlands ab. Dabei sanken die deutschen Exporte deutlich, die Importe aus China zogen gleichzeitig kräftig an. Ergebnis: Das deutsche Defizit im Handel mit China wuchs um mehr als 22 Milliarden auf rund 89 Milliarden Euro.

"Buy European"-Strategie?

In Berlin wird als Grund auch auf massive staatliche Subventionen für chinesische Unternehmen verwiesen sowie einen massiv unterbewerteten Yuan. Wegen des Handelsstreits mit den USA, Überkapazitäten und nur langsam wachsender heimischer Nachfrage versucht China zudem verstärkt, seine Waren auf den europäischen Markt zu drücken.

Auch deshalb wird in der EU inzwischen eine "Buy European"-Strategie diskutiert, die darauf zielt, zumindest bei öffentlichen Aufträgen auf europäische Produkte zu setzen. Die Bundesregierung hat hier bisher eher gebremst und will Quoten für "made in Europe" auf einzelne Sektoren begrenzen und zeitlich befristen.

Deutsche Unternehmen erscheinen unterdessen vielfach nicht an einem Rückbau des Engagements in China interessiert. Nach einer Umfrage der deutschen Handelskammer in China vom Dezember erwägen sogar 56 Prozent eine verstärkte Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern, um ihr Geschäft im Reich der Mitte auszubauen.

Deutschland hat Druckmittel

Sind Deutschland und seine Wirtschaft also auf absehbare Zeit dem Wohlwollen Chinas ausgeliefert? Experten glauben das nicht. Vor allem bestimmte Teile des deutschen Maschinenbaus seien für China als Zulieferer noch "sehr wichtig", sagt Michael Laha von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). "Da sind die Chinesen noch nicht so weit vorne wie die Deutschen."

Ähnlich sieht das Jacob Gunter vom China-Forschungsinstitut Merics. Größtes "Druckmittel" Deutschlands und der EU sei aber Chinas Zugang zum europäischen Markt, sagt er. Angesichts massiver Überkapazitäten in China sei dieser für Peking "unglaublich wichtig".

Quelle: ntv.de, Von Martin Trauth/AFP

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