Wirtschaft

Fairness zahlt sich aus Khora will es besser machen als Gorillas

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Anders als bei der Konkurrenz bekommen die Rider von Khora keinen pauschalen Stundenlohn.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein Kollektiv aus Fahrradkurieren zeigt den Platzhirschen der Lieferdienst-Branche, dass es auch anders geht. Khora setzt auf flache Hierarchien und faire Arbeitsbedingungen. Die Kreuzberger können es sich leisten, auf satte Investorengelder zu verzichten.

Ein monatelanger Streit um die Arbeitsbedingungen beim Blitzlieferdienst Gorillas und die Versuche des erfolgreichen Startups, eine geplante Betriebsratswahl zu stoppen, zeigen, wie sehr die Branche noch immer mit befristeten Verträgen, mangelnder Ausrüstung für Fahrer und einer schlechten Dienstplanung kämpft.

Welche Konsequenzen es haben kann, wenn ein Unternehmen wegen schlechter Arbeitsbedingungen in der Kritik steht, zeigte sich im August 2019: Damals kündigte der britische Essensdienstlieferant Deliveroo seinen Rückzug aus Deutschland an. Der Kurierfahrer Stefano Lombardo verlor praktisch von einem Tag auf den anderen seinen Job, ebenso wie etliche Kollegen. In Berlin gründete er deswegen kurzerhand den alternativen Lieferdienst Khora. Das Unternehmen versteht sich als Kollektiv mit flachen Hierarchien und fairen Arbeitsbedingungen.

Das erste Mal auf einen Khora-Fahrer aufmerksam geworden war Dana Shanti im November 2019. Die beiden kamen ins Gespräch und tauschten Telefonnummern aus. Im März 2020 rief er sie an - seitdem fährt die 43-Jährige für Khora. Auch die leidenschaftliche Kurierfahrerin war damals bei Deliveroo angestellt und hatte ihren Job verloren. Als das Unternehmen den deutschen Markt verließ, war das für sie ein großer Schock.

Gorillas-Rider sind noch nicht übergelaufen

"Eigentlich bin ich Kurierfahrerin, weil man die Arbeit nicht mit nach Hause nimmt. Bei Khora funktioniert das jetzt allerdings nicht mehr ganz so gut, weil es kein Angestellten-Verhältnis gibt, sondern: Wir sind Khora", sagt Shanti ntv.de. An der Arbeit im Kollektiv schätzt sie vor allem die Unabhängigkeit von Investoren, mit denen will sie nämlich lieber nichts zu tun haben. "Ich mag an Khora, dass wir versuchen, eine neue Gesellschaftsstruktur aufzubauen, und nicht in die Taschen von großen Chefs arbeiten."

Ehemalige Gorillas-Rider seien zwar noch nicht zu dem genossenschaftlichen Kollektiv übergelaufen. Seit der Gründung im Sommer 2019 hat sich trotzdem einiges getan. Inzwischen fahren 15 Rider für Khora, und das Kollektiv arbeitet mit 38 Restaurants zusammen, hauptsächlich in den Berliner Stadtteilen Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln. Der Lieferdienst fährt nach eigenen Angaben bis zu 250 Bestellungen pro Woche aus. "Bei Khora ist nicht automatisch alles besser als bei Gorillas, nur weil wir selber Verantwortung übernehmen. Wir verdienen auch nicht unbedingt mehr als ein Gorillas-Fahrer", sagt Shanti.

Anders als bei der Konkurrenz bekommen die Rider keinen pauschalen Stundenlohn. Das Geld, das die Kuriere mit den Fahrten verdienen, fließt in eine Genossenschaft, die die Gelder an die Fahrer verteilt. Über diese Genossenschaft sind die Kuriere auch krankenversichert und können eine Arbeitslosen- und Berufsunfallversicherung bekommen.

Konkurrent Wolt macht es Khora schwer

Wie viele andere Lieferdienste hat auch Khora von der Corona-Pandemie profitiert. Hart sei es für das Kollektiv erst geworden, als Wolt auf den deutschen Markt gekommen sei. Einige der Fahrer seien dann zu dem finnischen Unternehmen gewechselt, das sich auch für faire Arbeitsbedingungen einsetze, aber besser bezahle und weniger Stress mit sich bringe.

Anders als bei Lieferando, die von den Restaurants 30 Prozent Provision verlangen, sind es bei Khora je nach Deal zwischen 20 und 25 Prozent. Neben der größeren Gewinnspanne schätzen die Restaurants, mit denen das Kollektiv zusammenarbeitet, laut Shanti auch die Idee, die hinter Khora steckt. "Die Restaurants, die mit uns exklusiv arbeiten, sind auch eher alternativ. Viele von ihnen bieten vegane Gerichte an und stehen für eine antikapitalistische Idee." Einige würden aber auch gleichzeitig mit Wolt und anderen Anbietern zusammenarbeiten, denen ginge es dann darum, auf möglichst vielen Plattformen vertreten zu sein.

Während Kundinnen und Kunden in den Anfangszeiten noch über Messengerdienste wie Whatsapp ihre Bestellungen aufgegeben haben, nutzt Khora heute die App CoopCycle. Die Anwendung des französischen Digital-Unternehmens hat sich auf Dienste für kollektiv organisierte Fahrradkuriere spezialisiert. Einige Kunden werden laut Shanti über die Restaurants selbst auf Khora aufmerksam. Über die Klientel sagt sie: Unsere Kunden sind eine Mischung aus Leuten, die es sich leisten können und Menschen, die für bestimmte Werte stehen. Im Vergleich mit anderen Essenslieferdiensten ist Khora im Schnitt nämlich etwas teurer.

"Wir haben nie rote Zahlen geschrieben"

"Wer Kurierfahrer wie Tagelöhner behandelt, braucht sich nicht zu wundern, wenn zunächst das Personal wegbleibt und später auch die Kunden", sagt Otto Strecker, Vorstand der auf die Lebensmittelwirtschaft spezialisierten AFC Consulting Group AG und Honorarprofessor an der Universität Bonn, zu ntv.de. Mehr Transparenz und faire Löhne für die Kuriere und höhere Provisionen für die Gastronomie funktionieren laut seiner Einschätzung aber nicht im Massenmarkt. Khora werde deswegen gar nicht erst versuchen wollen, Lieferando in der Breite anzugreifen, und könne es sich auch niemals leisten.

"Allein die Werbeschlacht zwischen Lieferando, Lieferheld und Foodora kostete einer Recherche von 'Capital' zufolge 780 Millionen Euro, bis 2019 Lieferando schließlich die Wettbewerber übernahm", sagt Strecker. Das Geschäft adressiere vielmehr eine Nische: Höherwertige Restaurants mit etwas anderen, nachhaltigeren Produkten, die zum Gesamtkonzept passen. "Diese Nische existiert vor allem in großstädtisch-aufgeklärten Milieus, lässt sich allerdings nicht beliebig multiplizieren und skalieren."

Auch wenn es das Kollektiv im vergangenen Monat schwer gehabt hat. "Wir haben nie rote Zahlen geschrieben. Das würde auch gar nicht funktioniere", sagt Shanti. Im Sommer mussten etwa die Löhne der Rider aus Rücklagen aufgestockt werden, damit jeder wenigstens 10 Euro die Stunde verdient hat. Trotzdem schreibe Khora schwarze Zahlen. "Wir wollen keine Schulden machen. Auch wenn das bedeutet, dass eine Menge Arbeit gemacht wird, die nicht bezahlt wird."

Quelle: ntv.de

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