Wirtschaft

Daimler-Minus sorgt für Schock Krieg gegen Autos oder hausgemachte Krise?

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Stabübergabe im Mai: Zetsche geht, Källenius kommt. Nun steuert Daimler auf Milliarden-Verluste zu.

(Foto: imago images / STPP)

Diesel-Skandal, Milliarden-Verluste in der Van-Sparte, Konzernumbau: Der neue Daimler-Chef Källenius legt einen glatten Fehlstart hin. Experten sagen: Hausgemachte Probleme sorgen für den dramatischen Gewinneinbruch. Die AfD meint: Die Politik ist schuld. Sie führe Krieg gegen das Auto.

Nach Daimlers Gewinnwarnung herrscht im politischen Berlin erst einmal Schockstille. Nur die AfD legt eine Blitzanalyse hin und hat auch gleich einen Schuldigen zur Hand. Der Bund nämlich sei für den Gewinneinbruch bei Daimler verantwortlich. "Die Quittungen für den wirtschaftspolitischen Katastrophenkurs dieser Bundesregierung kommen in immer rascherer Folge", sagte die Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel. Die große Koalition führe "Krieg gegen das Auto" und zerstöre damit die Grundlagen des deutschen Wohlstandes.

"Klima-Wahn, Anti-Diesel-Kampagnen, die ökonomisch unsinnige Förderung der Elektromobilität und viel zu hohe Energie- und Mobilitätskosten belasten die Industrie und zerstören die Auto-Absatzmärkte", führte die Abgeordnete aus Baden-Württemberg aus. Die aktuelle "Daimler-Krise" sei ein Vorbote von Deindustrialisierung und Wohlstandsverlust, ein sofortiges Umsteuern dringend geboten.

Tatsächlich wird Daimler umsteuern müssen. Allerdings dürfte der Konzern nicht so leicht einen Sündenbock für die eigene Misere finden. Die schlechten Nachrichten für den neuen Vorstandschef Ola Källenius reißen nicht ab. Zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Wochen musste der Autobauer seine Erwartungen für 2019 nach unten korrigieren. Die Verkaufszahlen bleiben mäßig, die Sorgen um den Diesel, die den Konzern schon lange plagen, werden nun wohl noch viel teurer als gedacht. Daimler legt weitere Milliarden auf die hohe Kante, um sich gegen Risiken zu wappnen. Und das hat Folgen: Im operativen Geschäft wird am Ende des Jahres noch weniger Gewinn übrig bleiben als 2018, kündigte Daimler an.

Börse reagiert schockiert auf Zwischenbilanz

Eigentlich hätten Källenius und sein ebenfalls neuer Finanzchef Harald Wilhelm die Zahlen für das erste Halbjahr erst übernächste Woche verkünden sollen. So schlecht, wie die Zwischenbilanz nun ausfiel, konnte Daimler so lange allerdings nicht warten. Ein Verlust von 1,6 Milliarden Euro steht im zweiten Quartal nach vorläufigen Zahlen im operativen Geschäft zu Buche. Damit liege man "signifikant unter den Markterwartungen", teilte Daimler mit. Entsprechend schockiert reagierte die Börse.

Für Källenius könnte es zum Einstieg kaum härter kommen. Schon im Juni hatte Daimler einen hohen dreistelligen Millionenbetrag zurückgelegt, um für die Folgen des Dieselskandals gewappnet zu sein. Der Autobauer muss Hunderttausende Mercedes-Fahrzeuge zurückrufen und nachbessern, weil darin nach Auffassung der Behörden die Steuerung der Abgasreinigung manipuliert wurde. Daimler sieht das nicht so, kooperiert nach eigenen Angaben aber mit den Behörden.

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Nun sollen noch einmal ganze 1,6 Milliarden Euro dazukommen - "im Zusammenhang mit laufenden behördlichen und gerichtlichen Verfahren und Maßnahmen betreffend Mercedes-Benz Dieselfahrzeuge in verschiedenen Regionen", hieß es in der Mitteilung. Details wollte Daimler nicht nennen.

Dudenhöffer: Van-Sparte muss Sorgen machen

Gegen den Konzern läuft abgesehen von strafrechtlichen Ermittlungen gegen einzelne Mitarbeiter noch ein sogenanntes Ordnungswidrigkeitenverfahren, das mit einer hohen Geldbuße enden könnte. Dort sei aber noch kein Ende absehbar, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Freitag. Zudem ist immer noch offen, ob, und wenn ja, welche finanziellen Folgen die Manipulationsvorwürfe in den USA haben werden. Ein erweiterter Rückruf von Takata-Airbags schlägt einigermaßen überraschend mit einer weiteren zusätzlichen Milliarde zu Buche.

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer spricht insgesamt von "hausgemachten Problemen" beim Stuttgarter Autobauer. "Die Konjunktur ist ja noch gar nicht eingepreist", sagte er. Sorge müsse vor allem die Entwicklung der Van-Sparte bereiten, die offensichtlich größere Probleme habe, betonte Dudenhöffer. Zwei Milliarden Euro Verlust im operativen Geschäft hat der Bereich im zweiten Quartal angehäuft. "Das ist eigentlich ein kleiner Geschäftsbereich und der haut ihnen die größten Verluste rein", sagte Dudenhöffer.

Was genau möglicherweise schief läuft bei den Vans, erklärte Daimler nicht, sprach aber von einer "Überprüfung und Priorisierung des Produktportfolios" in der Sparte, die rund 500 Millionen Euro koste. Details sind unklar, naheliegend ist aber, dass es dabei zumindest auch um die X-Klasse geht. Schon im Frühjahr hatte der damalige Finanzchef Bodo Uebber eingeräumt, dass das Geschäft mit den erst 2017 eingeführten Pick-ups nicht so läuft wie gedacht und Daimler deshalb auf einen der zwei Produktionsstandorte - den in Südamerika - verzichtet.

Kerngeschäft entwickelt sich schleppend

Ausgleichen kann Daimler diese hohen finanziellen Belastungen derzeit kaum. Das Kerngeschäft mit Mercedes-Benz-Autos läuft weiter schleppend. Mit rund 1,13 Millionen ausgelieferten Fahrzeugen im ersten Halbjahr liegt Daimler immer noch einigermaßen deutlich unter den Zahlen des Vorjahres. Weltweit ist die Konjunktur erlahmt. Dazu kommt, dass der Stuttgarter Autobauer vor allem die neuen Modellversionen seiner als sichere Bank geltenden SUVs derzeit nicht schnell genug auf den Markt bekommt. Außerdem kosten die Entwicklung der neuen Elektroautos und die Forschung zum autonomen Fahren viel Geld. Auch der bereits laufende Konzernumbau ist teuer.

Schwere Schelte von den Investoren ist Källenius und Wilhelm damit sicher. Eine Umsatzrendite von drei bis fünf Prozent, die Daimler jetzt im Kernbereich Mercedes-Benz erwartet, ist gerade einmal die Hälfte dessen, was sich der Konzern langfristig vorgenommen hat. Der Wert gibt den Anteil vom operativen Gewinn am Umsatz an. Nach 14,3 Milliarden Euro 2017 war das Ergebnis vor Zinsen und Steuern 2018 um mehr als ein Fünftel eingebrochen. Damit waren es zwar immer noch gut 11,1 Milliarden Euro, Daimler verfehlte aber seine Ziele.

"Damit können und wollen wir nicht zufrieden sein", hatte Källenius' Vorgänger Dieter Zetsche gesagt und "Gegenmaßnahmen" angekündigt. Wie die genau aussehen sollen, bleibt vage, auch wenn mittlerweile zumindest klar ist, dass Daimler keine Jobs abbauen will. Der Druck auf Källenius, seine Pläne zu konkretisieren, dürfte nach den jüngsten schlechten Nachrichten noch wachsen.

Quelle: n-tv.de, mau/dpa

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