Wirtschaft

"Nicht auf Trumps Niveau fallen" Mexiko sucht Notfallpläne mit Verstand

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(Foto: REUTERS)

Donald Trump verursacht die "schlimmste Krise seit mehr als hundert Jahren", sagt der reichste Mann Mexikos, Carlos Slim. Nationalistische Parolen und Boykottaufrufe sind für das Land dennoch keine Option.

"Mexiko steht zusammen - wie zuletzt beim Erdbeben von 1985", lobte der mexikanische Multimilliardär Carlos Slim vor kurzem seine Landsleute. Der Vergleich hinkt nicht. Donald Trump und seine Drohungen erschüttern das Land in seinen Grundfesten. Seine Mauer-Pläne, die Ankündigung, das Handelsabkommen Nafta zu kündigen oder die US-Fabriken - die größten Arbeitgeber im Land - zu demontieren: Der neue US-Präsident scheint alles, worauf die mexikanische Wirtschaft aufbaut, zertrümmern zu wollen. Es sei die "schlimmste Krise seit mehr als hundert Jahren", so der 77-jährige Großunternehmer mit libanesischen Wurzeln weiter. Der Druck auf Mexiko ist immens. Dennoch: Zu vorschnellen Handlungen scheinen die Regierung oder die Bevölkerung deshalb nicht zu neigen.

Leicht ist das nicht. 80 Prozent des Exports geht in die USA. Ohne wirtschaftlichen Austausch zwischen den beiden Ländern wird die Arbeitslosigkeit insbesondere in den Grenzstädten, wo die meisten US-Firmen angesiedelt sind, dramatisch steigen. Laut der US-mexikanischen Handelskammer Amcham stellen die 1400 US-Unternehmen in Mexiko 30 Prozent der Arbeitsplätze. 35 Prozent der Arbeitsplätze hängen direkt am Außenhandel. "Mexiko ist wegen seiner starken Exportausrichtung auf die USA im Falle eines Handelskonflikts klar in der schwächeren Position", sagt Ökonom Wolf Rütger Teuscher von der DZ Bank.

Werden an der Grenze keine Kühlschränke mehr montiert, Armaturenbretter zusammengebaut oder Jeans genäht, bricht die mexikanische Wirtschaft zusammen. Slim selbst war einmal mit 77 Milliarden Dollar der reichste Mann der Welt. Wegen der schwächelnden mexikanischen Wirtschaft und des Wertverfalls des Peso, büßte er angeblich ein Drittel seines Vermögens ein.

Das Verhältnis zwischen den beiden ungleichen Nachbarn USA und Amerika war schon vor der Wahl Trumps fragil. Mit ihm sind die Risse jetzt überall sichtbar: Politisch herrscht Eiszeit. Der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto sagte nach den gezielten Provokationen seines neuen Kollegen in den USA seinen geplanten Besuch in Washington konsequent ab. Trump hatte kurz zuvor das Dekret zum Bau der angekündigten "Mauer" an der südlichen Grenze der USA unterzeichnet.

Die Notenbank als Feuerwehr

Unter dem Druck, dass Trump Zölle von bis zu 35 Prozent auf Einfuhren aus dem Nachbarland erheben will, hat die Landeswährung seit seiner Wahl zehn Prozent an Wert verloren. Die Notenbank tut, was sie tun kann: Sie versucht die Talfahrt des Peso mit höheren Zinsen zu stoppen. Am Donnerstag erhöhte sie den Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Geld um einen halben Punkt auf 6,25 Prozent. Bislang waren diese Bemühungen um die Stabilisierung der Währung allerdings eher von mäßigem Erfolg gekrönt.

Die Inflation in Mexiko war schon zuvor kaum zu bändigen. Im vergangenen Jahr hat die Notenbank die Zinsen gleich fünf Mal angehoben. Die Freigabe der Benzinpreise durch die Regierung Anfang des Jahres feuerte die Teuerungsrate zusätzlich an. Zuvor war der Spritpreis künstlich niedrig gehalten worden. Je schwächer der Peso wird, desto teurer die Energieimporte. Ein Teufelskreis. Bereits im November hatte Zentralbankchef Agustin Carstens die Politik Trumps als "Orkan" für die mexikanische Wirtschaft bezeichnet. Mexiko muss seine nächsten Schritte nun wohl abwägen.

*Datenschutz

Ein Boykott von US-Unternehmen wäre eine naheliegende Reaktion auf den amerikanischen Protektionismus. Die sozialen Medien sind voll von solchen Aufrufen. Auf Trumps Lieblings-Plattform Twitter sieht es so aus, als stünde Mexiko kurz davor, die US-Unternehmen zum Teufel zu jagen: #Adios Starbucks, #AdiosMacdonalds. Aber ernst ist das wohl nicht gemeint. In den Fastfood- und Caféhausketten ist nichts von Boykott zu spüren. Die Internetgemeinde scheint bloß ihrem Frust Luft zu machen.

Tatsächlich hätten die Attacken Trumps dazu geführt, dass sich "ein Teil der öffentlichen Meinung in unsere Nationalflagge einwickeln will", erzählt der Autor Jorge Zepeda Patterson der "Schwäbischen Zeitung". Aber es gibt auch viele Stimmen, die solche Kampagnen für falsch halten. "Auf den schwachsinnigen Nationalismus Trumps mit einem mexikanischen Nationalismus zu reagieren, bedeutet, uns in den Fuß zu schießen", warnt der Schriftsteller nachdrücklich. Wenn man den Protektionismus der US-Regierung mit einem Boykott zu beantworten suche, "lassen wir uns auf das Niveau des extravaganten Bewohners des Weißen Hauses herab". Die Vernunft versucht, sich ihren Weg zu bahnen.

"México primero" statt "America first"

Auch Großunternehmer Slim beschwichtigte zwei Tage nach dem diplomatischen Showdown zwischen den Präsidenten der USA und Mexikos hochkochende Emotionen und mahnte zu vernünftigen Maßnahmen. Trump wolle zurück in die Vergangenheit, hänge regressiven Utopien an, träume vom Industrieboom des frühen 20. Jahrhunderts, der den USA Wohlstand gebracht habe. "Aber das ist so, als ginge er in der Zivilisation zurück und nicht nach vorne, das wird nicht klappen." Er verkenne, dass dies die Kosten für die Konsumenten in seinem Land explodieren ließe. Trump könne nicht in kürzester Zeit alle Fabriken in Mexiko abbauen lassen und in die USA zurückbeordern. "Das funktioniert nicht."

Mexiko müsse stattdessen "wieder mehr auf seinen nationalen Markt schauen". Slim forderte, ihn durch mehr nationale Investitionen, zum Beispiel mehr Ausgaben für Infrastruktur anzukurbeln. In den sozialen Medien wird das durch den Aufruf begleitet, eher mexikanische Produkte zu kaufen: "México primero" statt Trumps "America first".

Es gibt sogar vereinzelte Stimmen, die meinen, die mexikanische Wirtschaft sei gar nicht so schlecht aufgestellt: Zumindest im Dezember und Januar war das Wachstum - trotz aller Unkenrufe - robust. Exportunternehmen könnten von der derzeitigen Lage profitieren. Sie können ihre Waren durch den schwachen Peso zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Der Tourismus boomt. Wie gut Mexiko die Trumpsche Politik letztlich wegstecken wird, lässt sich laut Experten frühestens im März besser sagen, wenn mehr Daten vorliegen.

Derweil versucht nicht nur Slim in der Auseinandersetzung mit dem mächtigen Nachbarn eine Chance zu sehen. "Wir sollten uns woanders hinwenden. Nach Süden oder Europa", sagte zum Beispiel der Anwalt Claudio Flores der "Schwäbischen Zeitung" in Anspielung auf die übergroße Abhängigkeit von den USA. Die Zeit ist mehr als reif.

Quelle: n-tv.de

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