Wirtschaft

Bundeswehr als Kunde Militär wird für Startups salonfähig

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Drohnen des Startups Quantum Systems unterstützen bereits ukrainische Streitkräfte im Kampfgebiet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dass Startups bei der Verteidigung in Deutschland bislang kaum eine Rolle gespielt haben, liegt nicht nur am schlechten Image der Rüstungsindustrie. Doch der Ukraine-Krieg zeigt: Militär und disruptive Technologieunternehmen nähern sich immer mehr an.

Jahrelang bemüht sich Florian Seibel vergeblich, die Aufklärungsdrohnen seines Startups Quantum Systems an die Bundeswehr zu verkaufen. Erst als bekannt wird, dass der ukrainische Konsul im April kurzerhand einen Deal eingefädelt hat und bereits Drohnen des bayrischen Unternehmens ukrainische Streitkräfte im Kampfgebiet unterstützen, ändert sich das. Inzwischen hat auch die Bundeswehr acht unbewaffnete Späh-Drohnen bei Quantum Systems geordert - zu einem Stückpreis von 180.000 Euro.

Seibel hat selbst an der Hochschule der Bundeswehr studiert und war 16 Jahre als Hubschrauberpilot bei der deutschen Luftwaffe. Die Drohnen von Quantum Systems sind eigentlich für den zivilen Einsatz gedacht gewesen. So können die Aufklärungsdrohnen in der Landwirtschaft, im Bergbau oder in der Bauindustrie zum Einsatz kommen, um etwa Felder oder Grundstücke aus der Luft zu messen.

Bedenken, dass die Drohnen jetzt im Krieg zum Einsatz kommen, indem die ukrainische Armee mit ihnen die Wirkung ihrer Artillerie erhöht, hat Seibel nicht. "Ja, natürlich verdienen wir am Krieg. Es ist aber auch so, dass Quantum viele, viele Millionen investiert hat. Und es ist noch nicht so, dass da Geld zurückfließt", sagt er im Gespräch mit "ZDF heute". Nach eigenen Angaben hat Quantum Systems im vergangenen Jahr mit überwiegend nicht-militärischen Kunden einen Umsatz von zehn Millionen Euro erwirtschaftet.

Rüstungsindustrie hat ein schlechtes Image

Dass Startups bei der Verteidigung in Deutschland bislang kaum eine Rolle gespielt haben, liegt sicherlich einerseits an dem schlechten Image der Rüstungsindustrie und andererseits an den langwierigen öffentlichen Vergabeverfahren. "Die Verteidigungsindustrie war bisher sehr in der Defensive", sagt Klaus Scho von Germandrones ntv.de. "Ich kenne keine Startups, die offen sagen: 'Wir forschen oder entwickeln Systeme, die der Verteidigung dienen' oder gar Waffen herstellen."

Auch Investoren haben noch Hemmungen und stecken ihr Geld hierzulande nur zögerlich in junge Defense-Unternehmen. Viele schließen es sogar kategorisch aus, in Rüstungs-Startups zu investieren. Denn die Kritik nach solchen Investments lässt oft nicht lange auf sich warten. Das hat auch Spotify-Gründer Daniel Elk erlebt. Nachdem das Militär-Startup Helsing aus München von ihm im vergangenen Jahr ein 100-Millionen-Euro-Investement erhalten hatte, riefen Künstler und Nutzer der Musikplattform unter dem Hashtag #BoycottSpotify dazu auf, ihre Abos zu kündigen.

Anders als die Bundeswehr hat die US-Armee bereits vor eineinhalb Jahren Drohnen bei Quantum Systems gekauft. Auch zwei Übernahmegebote aus den Vereinigten Staaten hat es schon gegeben. Hierzulande nähern sich Startups und Bundeswehr nun allmählich an - das hat auch mit dem Krieg in der Ukraine zu tun. Laut Seibel täte die Bundeswehr gut daran, kleinen und innovativen Unternehmen eine Chance zu geben. Gemeinsam könnten Startups und Militär seiner Meinung nach schnell aus Fehlern lernen, Systeme entsprechend weiterentwickeln und besser auf den Kunden zuschneiden.

Seibel fordert deswegen im Gespräch mit ntv.de, dass ein Prozent des geplanten Sondervermögens der Bundesregierung in Höhe von 100 Milliarden Euro in Defense-Startups fließen soll. Germandrones-Geschäftsführer Scho gibt allerdings zu bedenken, dass der Topf vornehmlich für Produkte ausgegeben werden soll, die sofort lieferbar sind - und nicht für die Forschung. "Das bedeutet, Startups mit einer großartigen Idee, die in ein paar Jahren ein Produkt liefern können, werden wenig davon zu sehen bekommen", sagt Scho.

Ukraine-Krieg bewirkt Umdenken

Auch beim Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) hält man den gegenseitigen Nutzen einer Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und Startups für immens. "Durch den russischen Überfall auf die Ukraine erleben wir derzeit in nahezu allen Bereichen ein Dringlichkeitsgefühl für Innovationen in Deutschland, auch im Verteidigungsbereich", sagt Leiter Sven Weizenegger ntv.de. Die Zusammenarbeit mit Startups biete einen wichtigen Vorteil. Anders als Scho geht Weizenegger davon aus: "Wir können Produkte einkaufen, die bereits jetzt verfügbar sind. Das hat auch einen großen Nutzen für die Truppe, denn dadurch können wir zeitnah im Sinne der Soldaten und Soldatinnen wirksam werden."

Nach seiner Erfahrung dauert es in der Regel nur drei Monate von der ersten Idee bis zur Erprobung und zwölf Monate, bis ein Innovationsvorhaben abgeschlossen ist. "Diese Schnelligkeit ist unüblich im öffentlichen Sektor und kann als Vorbild dienen. Gerade in einer Zeit, da neue Ideen schnell Wirkung entfalten müssen, ist das ein wichtiger Beitrag, den wir liefern können", sagt Weizenegger.

In den USA und Israel kooperieren die Armeen schon lange mit Startups. "Der Umgang mit Verteidigung ist in diesen Ländern traditionell ganz anders", sagt Scho. So sei gerade in Israel jedem klar, wie wichtig es sei, dass sich das Land verteidigen kann; und auch in den USA herrsche dazu eine ganz andere Kultur. "Seit der Wende und auch schon nach dem NATO-Doppelbeschluss gibt es in Deutschland eine ganz starke pazifistische Fraktion in der Gesellschaft", sagt Scho. Diese glaube, dass Waffen die Lage oft nur schlimmer machen. Viele seien jahrelang davon überzeugt gewesen, dass es keiner Verteidigung bedarf, da es keine Bedrohung gibt. Der Ukraine-Krieg bewirke nun ein Umdenken.

Quelle: ntv.de

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