Wirtschaft

Kleber, Farbe, Fernsteuerung Modellbau punktet mit "Star Wars" und "Cars"

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Heutzutage ist schwer vorstellbar, dass sich junge Menschen tagelang konzentriert über Plastikteile beugen.

(Foto: picture alliance / Ina Fassbende)

Ferngesteuerte Autos und Flugzeuge aus Plastik zu bauen, scheint ein Hobby für Rentner zu sein. Doch die Zahlen des Handelsverbands Spielwaren zeigen: Nachdem der Hype um Drohnen abgeebbt ist, entdeckt auch die Jugend diese Kunst wieder für sich.

Wer behauptet, Lutz Bellmann baue Modellflugzeuge, der tut ihm Unrecht. Lutz Bellmann lebt Modellbau - und ist dabei alles in einem: Künstler, Historiker, Ingenieur, Rentner. Seit sechs Jahren geht der 70-jährige Düsseldorfer seiner Leidenschaft nach - und es ist schwer zu sagen, in was er mehr Zeit und Geld investiert hat: in die Modelle oder in seine Werkstatt. Unzählige Mini-Farbtöpfe stehen dort fein sortiert in den Regalen. Pinsel in allen Stärken und Größen, Pinzetten, winzige Diamant-Bohrköpfe aus seiner Zeit als Zahnarzt - ordentlich verteilt auf selbst gebaute Schubladen. Kaum zu glauben, dass alle Modelle, die hier entstanden sind, in eine einzige Doppelvitrine im Wohnzimmer passen. Schon bald dürfte ein weiteres dazukommen: Eine Stearman PT-17 Kaydet von Boeing, Maßstab 1:48.

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Lutz Bellmann lebt Modellbau.

(Foto: picture alliance / Ina Fassbende)

"Ein Schulungsflugzeug, das vor allem am Ende des Zweiten Weltkriegs zum Einsatz gekommen ist, aber auch danach", sagt Bellmann und hebt mit geübtem Griff den kleinen Doppeldecker von der Werkbank. "Es sieht gut aus, dass ich noch diesen Monat fertig werde." Nach mehr als vier Monaten Arbeit.

Drohnen statt Modellflugzeuge

Bellmanns Hobby wirkt wie aus einer anderen Zeit. In der Ära von Snapchat, Instagram und Facebook ist es schwer vorstellbar, dass sich junge Menschen tage-, ja wochenlang über Plastikteile beugen, sie aus ihren Halterungen brechen, bemalen, zusammenkleben. Die Branche ist im Umbruch - vor allem der Marktführer für Plastikmodellbau in Deutschland, die Firma Revell im ostwestfälischen Bünde.

"Der Stellenwert des klassischen Plastikmodellbaus ist geringer geworden", sagt Joachim Stempfle, Spielzeugexperte beim Marktforschungsunternehmen NPD Group. "Da hat sich vor allem Revell inzwischen viel breiter aufgestellt und ist quasi zu einem Technikunternehmen geworden."

Ferngesteuerte Autos, Quadrocopter oder Drohnen gehören längst zur Produktpalette. 2015, im bisher stärksten Umsatzjahr der Firmengeschichte, entfiel von den Erlösen in Höhe von rund 58 Millionen Euro fast die Hälfte (25 Millionen Euro) auf die Sparte Remote Control (RC, ferngesteuerte Spielzeuge). Allerdings ist die Konkurrenz mit Firmen wie Simba, Dickie, Siku oder Stadlbauer (Carrera) hier deutlich größer als beim Plastikmodellbau, dessen Umsatz damals bei 23 Millionen Euro lag - Tendenz sinkend.

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Ferngesteuerte Autos gehören längst zu Produktpalette von Revell.

(Foto: picture alliance / Daniel Karman)

Anfang dieses Jahres meldete Revells US-Mutter Hobbico Insolvenz an. Vor wenigen Tagen wurde der Verkauf der deutschen Holding an eine Münchner Investmentfirma bekannt. Schon 2016 hatte Hobbico den Vertrieb seiner Produkte über die deutsche Tochter eingestellt. Die Gesamtumsätze von Revell gingen seither zurück - auf rund 45 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Dazu trägt wohl auch bei, dass der Hype um Drohnen und ferngesteuerte Fluggeräte inzwischen abgeebbt ist. Dem Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels zufolge gingen die branchenweiten Umsätze in dem Bereich 2017 um fünf Prozent auf 83 Millionen Euro zurück. "Es passen nicht unbegrenzt viele RC-Fahrzeuge und -Flugobjekte in deutsche Kinderzimmer", sagt der stellvertretende Verbandsgeschäftsführer, Steffen Kahnt. Gesucht wird deshalb das neue große Ding - etwa Virtual-Reality-Technik für Drohnenflüge oder ferngesteuerte Kampfroboter.

Branchenplus dank "Cars" und "Star Wars"

Doch auch das klassische Geschäft mit dem Modellbau wird nicht vernachlässigt. Fünf Prozent betrug das Branchenplus in der Sparte laut Verband sogar im vergangenen Jahr. "Die Branche schaffte es spürbar, jüngere Modellbauer zu gewinnen", teilte er anlässlich der anstehenden Intermodellbaumesse in Dortmund mit - auch wenn der Umsatz mit 13 Millionen Euro deutlich hinter den anderen Bereichen zurückblieb.

Grund für den vorsichtigen Erfolg seien vor allem Produktlizenzen für den Disney-Kinofilm "Cars" sowie unkomplizierte Steckmodelle, für die kein Klebstoff mehr benötigt wird. Auch mit Lizenzen für "Star Wars" und "Star Trek" bemüht sich Revell seit längeren um die Jugend.

Solche neuartigen Modelllinien stören Profi Bellmann nicht. "Die jüngere Generation findet dann eben über "Star Wars" den Zugang", sagt er. Sein Metier sind dennoch historische Flugzeugmodelle, vor allem aus Zeiten des Ersten Weltkriegs. Das erste Modell, das er im Rentenalter angegangen sei, war allerdings die Titanic. "Das würde ich heute natürlich besser machen", sagt Bellmann. "Aber viele Techniken gehörten damals einfach noch nicht zu meinem Portfolio des Könnens."

Quelle: n-tv.de, Matthias Arnold, dpa