Wirtschaft

"Wirklich geschmacklos" Novartis verlost teuerstes Medikament

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Novartis will 100 Dosen des teuersten Medikaments der Welt kostenlos abgeben.

(Foto: REUTERS)

Mit einer Dosis des Mittels Zolgensma können schwerkranke Kinder geheilt werden. In einer weltweiten Aktion sollen nun nach dem Zufallsprinzip 100 Kinder das Medikament kostenlos erhalten. Das ruft Kritik hervor.

Der Pharmakonzern Novartis sorgt mit seiner Offensive beim Einsatz des Zwei-Millionen-Dollar teuren Gentherapeutikum Zolgensma für Kritik. In den nächsten zwölf Monaten will das Unternehmen 100 Dosen des Medikaments kostenlos zur Verfügung stellen. Die Empfänger sollen ausgelost werden. "Das ist wirklich geschmacklos", sagte Kacper Rucinski, Mitbegründer der britischen Patientenvertretung TreatSMA. "Das führt dazu, dass die Patienten in Konkurrenz gegeneinander treten."

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Olga Germanenko, Vorstandsmitglied bei der Dachorganisation europäscher Patientenvertretungen SMA Europe, sagte, das Programm lasse Zolgensma "wie einen Gewinnspiel-Preis aussehen". Rucinski zufolge würden die Patienten stattdessen ein Programm begrüßen, welches den Patienten oder Ländern mit den höchsten Bedürfnissen Priorität einräume.

Novartis erklärte, der Konzern könne nicht jeden berechtigten Patienten mit Zolgensma versorgen, da das Angebot begrenzt sei. Das Medikament wird derzeit nur in einem Werk in den USA produziert, wobei die Schweizer hoffen, innerhalb des nächsten Jahres zwei weitere Produktionsstätten eröffnen zu können. Das sogenannte globale Managed-Access-Programm zielt den Angaben zufolge darauf ab, Zolgensma einer begrenzten Anzahl von Patienten zur Verfügung zu stellen.

100 Dosen werden verteilt

Ärzte könnten Anträge für die Behandlung einreichen, die Patienten würden alle zwei Wochen nach dem Zufallsprinzip ausgesucht und erhielten eine kostenlose Dosis. Avexis erklärte, man werde etwa 100 kostenlose Dosen verteilen. Allein Europa sollen rund 1600 Kinder an spinaler Muskelatrophie (SMA) des Typs 1 leiden. In seiner schwersten Form führt SMA vom Typ1 innerhalb der ersten Lebensjahre zum Tod. Mit dieser Krankheit kommt etwa eines von 10.000 Neugeborenen zur Welt. Auslöser ist ein Gendefekt, der dazu führt, dass die Nerven im Rückenmark die Muskeln nicht ausreichend versorgen.

Bislang ist das Medikament allein in den USA zugelassen und nur für Kinder unter zwei Jahren. Ein Sprecher von Novartis sagte, man habe sich von einer Gruppe von Bioethikern beraten lassen und sich so für das Programm entschieden. Das Problem sei, dass man mit einem komplizierter Kriterienkatalog einige Patienten unfairerweise diskriminieren könnte. "Letztendlich haben wir es mit einem schwierigen ethischen Dilemma zu tun", sagte er. "Leider gibt es keine perfekte Lösung."

An einigen Orten können Patienten bereits ein konkurrierendes SMA-Medikament namens Spinraza von Biogen bekommen. Dieses muss aber dauerhaft gegeben werden. Zolgensma ist eine der ersten einer Reihe von neuen Therapien, die als Gentherapien bekannt sind und die versprechen, bestimmte Erbkrankheiten mit einer einzigen Behandlung zu heilen, indem sie eine funktionierende Kopie des fehlerhaften Gens zur Verfügung stellen.

Befristete kostenlose Abgabe in Deutschland?

Unterdessen hat Novartis auf Appelle des Bundesgesundheitsministeriums und von Krankenkassen reagiert. Diese hatte gefordert, das Mittel an Kinder befristet kostenlos abzugeben. Die Novartis-Tochter Avexis bot nun an, vor der Zulassung in Europa mit den Kassen Regelungen zu einer Nachvergütung zu treffen. Novartis erwartet eine Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) in der ersten Jahreshälfte 2020.

Sollte das Mittel vor einer europäischen Zulassung aus den USA importiert werden, müssten die Krankenkassen zunächst allenfalls einen "nominellen Betrag von zehn Euro" zahlen, heißt es in dem Vorschlag. Erst nach einem abgeschlossenen Nutzenbewertungsverfahren werde dann der mit den Kassen vereinbarte Erstattungsbetrag fällig. Sollte die EMA das Präparat nicht zulassen, entfalle die Erstattung, heißt es in dem Schreiben.

Zwei Kinder in Deutschland haben das Medikament nach Herstellerangaben bisher erhalten, bezahlt von gesetzlichen Krankenkassen. Über eine "beispiellose Medienkampagne" sei auf Kassen und Ärzte Druck ausgeübt worden, bemängelte kürzlich ein Brief des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Kliniken, des Verbands der Universitätsklinika und diverser Kassen an Gesundheitsminister Jens Spahn.

Quelle: ntv.de, jwu/DJ/dpa