Wirtschaft

Dirndl, Bier und Hendl Das Wahnsinns-Geschäft mit der Wiesn

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Der Wert des Oktoberfests geht weit über das Ideelle hinaus.

(Foto: picture alliance / dpa)

Über eine Milliarde Euro Umsatz in zwei Wochen - davon träumen viele Unternehmen. Das Münchener Oktoberfest ist eine riesige Gaudi und Geldmaschine. Aber alles hat seinen Preis - nicht nur die Maß Bier.

Samstagmittag heißt es in München wieder "O'zapft is". Dafür muss der neue Oberbürgermeister aber erst einmal ran. Nach einem Vierteljahrhundert mit Christian Ude darf Dieter Reiter nun erstmals zeigen, dass auch er anzapfen kann. Die Schläge müssen sitzen, Punkt zwölf Uhr soll das erste Bier auf dem Münchener Oktoberfest fließen - das ist gute Tradition. Ude schaffte es beim ersten Mal mit sieben Schlägen. Reiter will es auf jeden Fall in weniger schaffen. "Maß" genommen beim Timing hat er schon. Um sich Peinlichkeiten zu ersparen, ist er sogar zum "Anstich-Training" gegangen.

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Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf dem traditionellen Wiesn-Rundgang.

(Foto: picture alliance / dpa)

Neben Reiters Hammerschlag auf den Zapfhahn eines sogenannten Hirschen - ein 200-Liter-Fass Bier - gibt es dieses Jahr noch eine weitere Premiere. Erstmals kostet eine Maß mehr als zehn Euro - je nach Festzelt reicht die Preisspanne von 9,70 bis 10,10 Euro. Vergangenes Jahr lag die Schmerzgrenze noch 25 Cent darunter. 1970 war das Bier vergleichsweise spottbillig: Die Besucher mussten für den Humpen lediglich 2,56 DM zahlen - umgerechnet gerade mal 1,35 Euro. Aber die jährlich steigenden Bierpreise sind in München ebenso "gute" Tradition wie das feierliche Anzapfen im Schottenhammel-Zelt.

Zehn Euro für eine Maß Bier

Die goldene Faustregel für den Bierkonsum lautet seit Jahren: So viele Millionen Besucher, so viele Liter Bier. Im vergangenen Jahr tranken die 6,4 Millionen Oktoberfestgäste 7,7 Millionen Liter. Zurückgegangen ist der Bierkonsum wegen der steigenden Preise noch nie. Dass der Sprung durch die Zehn-Euro-Marke so schnell gekommen ist, wundert Reiter schon. Auch, dass sich der mediale Aufruhr danach in Grenzen hielt. Aber München sei eben eine reiche Stadt, sagt er - und das Oktoberfest einer der wichtigsten wirtschaftlichen Standortfaktoren der Stadt.

Bierbrauer, Einzelhändler, Hoteliers - alle profitieren vom Rummel. Schließlich ist das Oktoberfest das größte Volksfest weltweit und damit für die Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Allein im vergangenen Jahr ließen die gut sechs Millionen Besucher in 16 Tagen 1,1 Milliarden Euro in der bayerischen Landeshauptstadt. Nur einmal zum Vergleich: Das MDax-Unternehmen Gerry Weber hat im gesamten Geschäftsjahr 2012/2013 mit seinen hunderten Geschäften 852 Millionen Euro umgesetzt.

Mehr als ein Drittel der Milliardensumme, 435 Millionen Euro, wurden auf der Theresienwiese, in und neben den 14 Festzelten, bei Achterbahnfahrten und an den Bratwurstbuden umgesetzt - das macht umgerechnet 68 Euro pro Person, wie aus der Statistik des bayerischen Wirtschaftsministeriums hervorgeht. Wer dieses Jahr nur ein Maß Bier trinkt und ein Hendl isst, zahlt schon 25 Euro.

Alles rund ums größte Volksfest der Welt geht ins Geld. Wer nicht bei Freunden, Verwandten und Bekannten schlafen kann, muss anderswo unterschlüpfen. 400 Millionen Euro zahlten "Zuagroaste" dafür vergangenes Jahr. Hinzu kamen 275 Millionen Euro, die sie für Verpflegung, Einkäufe, Taxifahrten oder öffentliche Verkehrsmittel ausgaben. Nicht mitgerechnet sind dabei Ausgaben für Dirndl und Lederhosen. Der Trend zum Trachtenlook ist ein neueres Phänomen, berichten gestandene Oktoberfestgänger. Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Wer mit der Mode gehen will, muss also noch mal in die Tasche greifen. Ein stilechtes "Oktoberfestgewand" kann durchaus eine fünfstellige Summe kosten. Wer es preisgünstiger mag, kauft sie beim Discounter oder leiht sich gegen eine Gebühr eine Tracht.

Geschäftlich auf der Wiesn

Nicht jeder kommt zum Oktoberfest aus purem Spaß an der Freud. Für einige ist der Besuch auch ein Arbeitstermin. Zahlreiche Unternehmen aus der Region, die etwas auf sich halten, laden Mitarbeiter und Kunden zumindest einmal in der Saison zum zünftigen Beisammensein ein. Auch Firmen aus dem Rest der Republik, die Kunden im Münchener Raum haben, pflegen diese Tradition.

Den alljährlichen Spaß lassen sie sich auch gerne einiges kosten. Je nach Kassenlage wird exklusiv Ente bei Käfer oder Steckerlfisch bei der Fischer-Vroni, Hendl bei Ammer oder auch Ochse geschlemmt. Es geht aber auch anders: Für zehn Leute in einem "normalen" Festzelt zahlen Unternehmen 400 Euro. Dafür bekommt jede Person zwei Bier und als Grundlage ein Hendl dazu. Egal was es gibt, heruntergespült wird alles mit Oktoberfest-Bier, das nur von den sechs Münchner Brauereien gebraut werden darf. 

Hilfreich für geschäftliche Termine sind sogenannte Boxen. Abgeschirmt von Musik und Gesang versteht man mehr, als nur den unmittelbaren Tischnachbarn. Wer dann erfährt, dass die Kundschaft aus Indien weder Fleisch noch Alkohol zu sich nimmt, kann wenigstes mit seinen Gästen das Festzelt verlassen, um bei ihnen Punkte mit einer Fahrt auf dem Powertower zu sammeln. Das Fahrgeschäft hat natürlich auch noch andere Highlights zu bieten - falls es bei den Gästen diesbezüglich auch Bedenken gibt.

Die Tücken der Wiesn

Trotz des reichhaltigen Angebots an Essen, Trinken und Vergnügen kassieren Unternehmen in den vergangenen Jahren immer mehr Absagen von Kunden. Das Oktoberfest genießt zwar immer noch einen großen Nimbus, aber Geschäftsveranstaltungen vor der Volksfest-Kulisse sind aus Gründen der "guten Unternehmensführung" mittlerweile bei vielen größeren Unternehmen verbrämt. Die Vermischung von Privatem und Geschäftlichem wird immer häufiger untersagt. Der krisengeplagte Karstadt-Konzern ist nicht mehr mit einer offiziellen Veranstaltung vor Ort. Gleiches gilt aber auch für gesunde Unternehmen wie Siemens und Airbus. Für den neuen Bürgermeister gilt das nicht. Er wird in den kommenden zwei Wochen ein bis zwei Mal täglich auf dem Festplatz erscheinen.

Die Absagen wird die Stadt sehr gut verschmerzen. Bei aller wirtschaftlichen Relevanz ist allen mittlerweile klar, dass das Oktoberfest deutlich an seine Grenzen stößt. Schon räumlich gibt es keinen Platz mehr. Reiter sieht die Kapazitätsgrenze für München bei sieben Millionen Besuchern erreicht und genau diese Besucherzahl könnte dieses Jahr erreicht werden.

Auch die Einheimischen sind nicht erpicht auf noch mehr Besucher. Im Vorfeld des diesjährigen Massenereignisses machte sich bereits Unmut breit, weil auf Plakaten parallel zum Oktoberfest für Kulturveranstaltungen in München geworben wurde. Für viele Einheimische ist die Schmerzgrenze schon lange erreicht. 16 Tage Oktoberfest bedeutet Geld, aber auch ein absoluter Ausnahmezustand. Und der neue Bürgermeister ist mittendrin.

Quelle: n-tv.de

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