Wirtschaft

Doch Insolvenz in Eigenregie? Poker um Lufthansa geht in die finale Runde

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Lufthansa-Chef Carsten Spohr ringt um eine Lösung. Mit der Bundesregierung verhandelt er über staatliche Finanzhilfen. Strittig ist das Ausmaß einer möglichen Beteiligung und der Einfluss der Politik.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Wie windet sich die Deutsche Lufthansa aus der Krise? Mit Staatshilfen? Oder doch eher mit einem Schutzschirmverfahren? Der Antrag könnte laut Insidern bereits "nächste Woche scharf gestellt" werden. Die Belastungen für Mitarbeiter, Aktionäre und Gläubiger wären enorm.

Parallel zu den Verhandlungen mit der Bundesregierung über Staatshilfen in Milliardenhöhe treibt die Lufthansa die Vorkehrungen für ein mögliches Schutzschirmverfahren voran. Wie das Wirtschaftsmagazin "Capital" aus Branchenkreisen erfuhr, sind die Vorbereitungen für einen entsprechenden Antrag bereits weit fortgeschritten. Der Antrag könnte bei Bedarf innerhalb weniger Tage beim Insolvenzgericht eingereicht werden, heißt es in den Kreisen.

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Als federführenden Berater hat der Konzernvorstand nach Magazin-Informationen den Neu-Ulmer Sanierungsexperten Arndt Geiwitz ins Haus geholt. Im Fall eines möglichen Schutzschirmverfahrens könnte Lucas Flöther als Sachwalter eingesetzt werden. Insolvenzrechtler Flöther war in der Vergangenheit bereits in den Verfahren der Fluggesellschaften Air Berlin und Condor als Sachwalter aktiv. Ein Lufthansa-Sprecher wollte die Informationen auf Anfrage nicht kommentieren.

Seit Wochen ringt der von der Corona-Pandemie schwer getroffene Konzern mit dem Bund um die Bedingungen eines Rettungspakets. Verhandelt wird über Staatshilfen mit einem Volumen von neun Milliarden Euro, von denen der größere Teil in Form einer direkten Beteiligung des Bundes bereitgestellt werden soll. Umstritten ist allerdings, welchen Einfluss der Staat im Gegenzug erhalten soll. Konzernchef Carsten Spohr sperrt sich dagegen, dass der Staat als Anteilseigner massiven politischen Einfluss auf die operativen Entscheidungen nimmt und bevorzugt deshalb eine stille Beteiligung des Bundes.

"Das ist kein Bluff"

Ende April hatte das Unternehmen bestätigt, dass die Lufthansa auch die Option eines Schutzschirmverfahrens prüft - als Alternative für den Fall, dass dem Konzern bei einem Einstieg des Staates nicht wettbewerbsfähige Bedingungen drohten. Bei einem Schutzschirmverfahren handelt es sich um eine Variante eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Dabei bleibt das Management im Amt, bekommt aber einen Sachwalter an die Seite gestellt, der die Interessen der Gläubiger vertreten soll.

In der Bundesregierung war die Option eines Schutzschirmverfahrens zuletzt allerdings als reine Verhandlungstaktik der Lufthansa-Spitze eingeschätzt worden. Denn auch im Fall eines Schutzschirmverfahrens wäre der Konzern, der derzeit nur einen Bruchteil seiner regulären Umsätze macht, weil die meisten Flieger am Boden sind, wohl auf einen Massekredit des Bundes angewiesen. "Das ist kein Bluff", sagte dagegen ein Insider, der mit den Vorbereitungen vertraut ist. "Die Lufthansa könnte den Antrag für ein Schutzschirmverfahren bei Bedarf nächste Woche scharf stellen." Neben dem insolvenzrechtlichen Chefberater Geiwitz, der die Lufthansa-Führung etwa schon im Umfeld der Air-Berlin-Insolvenz beraten hat, wird das Management derzeit auch von Experten der Unternehmensberatung Boston Consulting Group unterstützt.

Belastungen für andere Unternehmen drohen

Sollte es tatsächlich zu einem Schutzschirmverfahren kommen, weil die Verhandlungen mit der Bundesregierung über ein Rettungspaket nicht zum Ziel führen, würde dies nicht nur die Mitarbeiter, Aktionäre und Gläubiger der Lufthansa massiv belasten. Ein Verfahren bei einem derart großen Konzern mit mehr als 70.000 Mitarbeitern allein in Deutschland hätte indirekt auch erhebliche Folgen für zahllose andere Unternehmen.

Im Fall eines Schutzschirmverfahrens würden die Gehälter der Lufthansa-Beschäftigten für drei Monate über das Insolvenzgeld abgesichert. Diese dürften sich auf einen Betrag in Milliardenhöhe summieren. Zudem könnte sich der Konzern unter dem Schutzschirm auch seiner Pensionsverpflichtungen entledigen, die laut Geschäftsbericht zuletzt bei fast 7 Mrd. Euro lagen. In diesem Fall müsste der Pensionssicherungsverein (PSV) einstehen. Da sowohl das Insolvenzgeld als auch der PSV in Form jährlicher Umlagen von allen Unternehmen finanziert werden, würden diese Systeme massiv belastet.

"Durch eine Großinsolvenz wie im Fall der Lufthansa würde die Höhe der Umlage im nächsten Jahr explodieren. Das würde den gesamten Mittelstand massiv belasten", sagte ein Insolvenzexperte. Schon in der Vergangenheit waren die Umlagen für die Unternehmen in Deutschland nach großen Insolvenzfällen deutlich gestiegen – etwa nach der Pleite der damaligen Karstadt-Mutter Arcandor 2009. Damals war der Beitragssatz des PSV etwa auf das Fünffache des langjährigen Durchschnittssatzes gestiegen.

Der Beitrag erschien am 15. Mai bei capital.de.

Quelle: ntv.de