Wirtschaft

Inflation gewinnt an Fahrt Putin wird für die EZB zum Problem

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Wladimir Putin ließ Truppen an der Grenze zur Ukraine aufmarschieren.

(Foto: via REUTERS)

Die Spannungen zwischen dem Westen und Russland haben den Gaspreis auf ein Rekordhoch getrieben. Damit heizen sie auch die Inflation in der Eurozone an - und bringen die EZB allmählich in Zugzwang.

Seit Monaten ist die Inflation in der Eurozone hoch. Im Dezember gewann sie weiter an Fahrt, die Verbraucherpreise stiegen im Schnitt um 5 Prozent im Vorjahresvergleich. Deshalb könnte die EZB bald gezwungen sein, gegen ihren Willen die Zinsen doch zu erhöhen. Denn die Spannungen zwischen dem Westen und Russland wegen des russischen Truppenaufmarschs an der ukrainischen Grenze und der Proteste gegen den vom Kreml unterstützten autoritären Präsidenten in Kasachstan könnten dazu führen, dass die Energiepreise noch weiter steigen.

Diese Entwicklung könnte eine Kehrtwende der EZB erforderlich machen. Bislang hielt sie eisern an ihrer Linie fest: Die Zinsen bleiben niedrig, weil die hohe Inflation nur vorübergehend sei. In absehbarer Zeit werde die Preissteigerung in den grünen Bereich zurückkehren.

Tatsächlich wird die Inflation vor allem durch zwei Faktoren angeheizt: Die Preise etwa für Strom und Gas sind in Europa nach oben geschossen. Dafür gibt es verschiedene Gründe, einer ist die Wende hin zu grünen Energiequellen. Zur allgemeinen Preissteigerung tragen auch die Engpässe durch von der Corona-Krise noch immer gestörten Lieferketten bei, sie sorgen für einen Preisanstieg bei Waren und Lebensmitteln.

Da sich die Probleme bei den Lieferketten allmählich entspannten und der Energieverbrauch bei höheren Temperaturen sinke, werde die Inflation allerdings bald an Fahrt verlieren, so die Annahme vieler Ökonomen.

Hinzu kommt, dass höhere Zinsen diese Ursachen der Inflation nicht bekämpfen. Sie würden weder zu sinkenden Energiepreisen noch zu besser funktionierenden Lieferketten führen. Eine Zinserhöhung in der aktuellen wirtschaftlichen Situation hätte zudem unerwünschte Konsequenzen: Sie würde die durch die Corona-Pandemie angeschlagene Konjunktur abbremsen und könnte so etwa zu höherer Arbeitslosigkeit führen. Denn höhere Zinsen verteuern Kredite und dämpfen dadurch Investitionen und Konsum.

Ukraine-Gespräche in der Schweiz

An dieser Logik ändern zwar auch russischen Truppen an der Grenze der Ukraine und die Unruhen in Kasachstan nichts. Aber die könnten dennoch zu einem Umdenken der EZB führen, da diese Ereignisse die Energiepreise noch weiter in die Höhe schrauben könnten.

Das liegt zum einen an der Befürchtung, dass Russland die Gaslieferungen in Richtung Westeuropa drosseln könnte, um mögliche Sanktionen zu verhindern oder zu kontern. Zum anderen ist Kasachstan ein energiereiches Land voller Bodenschätze. Die russische Regierung hat Truppen entsandt und wird Präsident Wladimir Putin zufolge dort keine "Revolution" zulassen. Trotz Massenverhaftungen und eines vom kasachischen Präsidenten verhängten Schießbefehls gehen die Proteste weiter, die Lage kann jederzeit wieder eskalieren.

Vor diesem Hintergrund haben heute in der Schweiz hochrangige Gespräche zwischen den USA und Russland über den Ukraine-Konflikt begonnen. Die USA und die EU fürchten, dass Russland erneut in das Nachbarland einmarschieren könnte. Der Kreml weist das zurück und verlangt von der NATO, eine Osterweiterung kategorisch auszuschließen. Das lehnt das westliche Militärbündnis ab.

Deshalb hat die EZB ein Problem. Wenn die Energiepreise wegen des Konflikts weiter steigen, wäre sie womöglich gezwungen, von ihrer Linie abzuweichen. Zentralbank-Direktorin Isabel Schnabel sagte am Wochenende überraschend, wenn Energie teurer werde, könne dies die EZB zu einer Abkehr von ihrer bisherigen Geldpolitik veranlassen. Die Geldpolitik könne es sich nicht leisten, diese Entwicklung zu ignorieren, wenn sie ein Risiko für die mittelfristige Preisstabilität darstelle.

Angst vor Lohn-Preis-Spirale

Hinzu kommt: Mittlerweile wächst die Gefahr, dass sich in der Bevölkerung die Erwartung einer hartnäckigen Inflation festsetzt. Und damit könnte eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt werden. Sie entsteht, wenn Arbeitnehmer höhere Löhne auf breiter Front durchsetzen und Unternehmen als Ausgleich die Preise erhöhen - woraufhin die Arbeitnehmer höhere Löhne durchsetzen und eine Kettenreaktion entsteht. Gegen eine solche Entwicklung gelten Zinserhöhungen als klassisches Mittel.

Derzeit deutet in der Eurozone noch nicht viel auf eine solche Spirale hin. Doch die ersten Gewerkschaftsvertreter sprechen bereits von höheren Löhnen, um die Energiepreise auszugleichen. Wenn die Verhandlungen zwischen Russland und den USA scheitern und daraufhin die Preise für Gas und Öl weiter nach oben klettern, dürften diese Rufe sehr viel lauter werden.

Quelle: ntv.de

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