Wirtschaft

Bin Salmans royaler Masterplan Riads Zukunft hängt am Aramco-Börsengang

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Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

(Foto: picture alliance/dpa)

Der saudische Kronprinz will sein abgeschottetes Land öffnen und die Wirtschaft unabhängiger vom Öl machen. Dafür sind Milliarden nötig. Die Geldspritze durch den Aramco-Börsengang braucht das Regime in Riad dringend. Doch ist bin Salman der Reformer, der er zu sein vorgibt?

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman ist nicht bekannt dafür, zu kleckern. Wenn er etwas anpackt, dann klotzt er. Der Börsengang des Ölkonzerns Saudi Aramco ist das beste Beispiel. Trotz aller Abstriche ist er immer noch der größte, den die Welt je gesehen hat. Der 34-jährige Hoffnungsträger des Königreichs ist außerdem ein perfekter Wandler zwischen den Welten. Während er sich im Westen offen gibt, hält er in seiner Heimat die Strippen fest in der Hand.

Bin Salman verfolgt große Ziele für den Wüstenstaat. Der Börsengang von Saudi Aramco ist der Dreh- und Angelpunkt eines Reformprogramms, mit dem er das Königreich unabhängiger vom Öl machen will. Wenn der Ölriese am Mittwoch in Riad auf dem Börsenparkett gelandet ist, ist bin Salman seiner "Vision 2030" einen wichtigen Schritt näher gekommen. Aramco wird knapp 30 Milliarden Dollar in die Staatskassen spülen. 23 Milliarden sammelte der Konzern bei der Platzierung von 1,5 Prozent seiner Aktien ein, samt Mehrzuteilungsoption sind es 29,4 Milliarden. Die Geldspritze kann das Regime in Riad gut gebrauchen. Die Finanzierung von Megaprojekten und neuen Industrien verschlingt viel Geld.

Trotz seines Rufes, in Geld zu schwimmen, braucht Saudi-Arabien dringend Kapital. Die Abhängigkeit vom Öl ist bis heute ungebrochen. 90 Prozent des Einkommens bezieht der saudische Staat durch Saudi Aramco. Durch den Verfall des Ölpreises sind die Einnahmen geschrumpft, gleichzeitig steigen die Ausgaben. Das Königreich erwartet auch für 2020 ein riesiges Haushaltsdefizit von knapp 50 Milliarden Euro. Schon jetzt ist klar, dass die ersten Milliarden aus dem Aramco-Börsengang für die ambitionierten Pläne des Kronprinzen nicht ausreichen werden.

"Chance, ein großer Reformer zu werden"

Dennoch gilt bin Salman als Hoffnungsträger - nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Gesellschaft. Die saudische Bevölkerung ist extrem jung: 70 Prozent sind unter 30 Jahre alt. Bislang leben sie in einer konservativen und nach außen abgeschotteten Welt. Im Jahr 2016 gibt bin Salman bei dem US-Beratungsunternehmen McKinsey eine Blaupause für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft des Königreichs in Auftrag. Damals ist er noch stellvertretender Kronprinz, aber ihm war bereits klar, dass nicht weniger als die Zukunft des Landes auf dem Spiel stehen könnte, wenn das Königshaus keine Reformen ergreift. Die Gesellschaft musste freier werden.

Tatsächlich sind seitdem Fortschritte zu verzeichnen: Das saudische Ministerium für Gemeinden und ländliche Angelegenheiten kündigte gerade erst auf Twitter an, dass die Geschlechtertrennung beim Betreten von Restaurants und Schulen sowie Vergnügungszentren aufgehoben ist. Anfang des Jahres gab es bereits einen königlichen Erlass, nach dem Frauen von nun an alleine und unabhängig von einem männlichen Begleiter reisen dürfen. Vergangenes Jahr wurde auch eine Regelung abgeschafft, die Frauen verbot, selbst Auto zu fahren. Es wirkt wie Kleinigkeiten, aber sie geben bin Salman Rückhalt im Land. Auch der Westen nimmt solche Maßnahmen positiv wahr.

"Dass da jemand antritt, der sagt, wir wollen alte Zöpfe abschneiden, wir lassen Frauen Auto fahren und wir fahren die Einschränkungen zurück, denen Frauen rechtlich unterliegen, sichert ihm Unterstützung", zitiert die Deutsche Welle den Nahost-Experten Guido Steinberg. "Ich glaube, dass er wirklich die Chance hat, ein großer Reformer zu werden - wenn er wirtschaftlich erfolgreich ist."

Die dunkle Seite der Macht

Infos zur Aramco-Aktie

Für ausländische Anleger ist der Aramco-Börsengang nur aufgrund seiner Größe ein Spektakel. Als Geldanlage für private Aktionäre taugen die Aramco-Aktien allerdings kaum.

  • Saudi-Arabien will die Einnahmen aus der Teilprivatisierung im eigenen Land halten.
  • "Saudi Arabien Oil Co." (Saudi Aramco) erfüllt keine der international üblichen Transparenzstandards und Berichtspflichten.
  • Voraussetzung für den Einstieg sind ein Bankkonto und ein Depot in Saudi-Arabien.

Die Aramco-Aktien (Tadawul-Kürzel: 2222) sind vorerst nur an der Börse in Riad gelistet. Der Handelsplatz ist nicht nach westlichen Standards reguliert. Die Aramco-Aktie verfügt zwar über die ISIN SA14TG012N13, taucht damit aber in der n-tv.de Kursversorgung nicht auf.

Es gibt aber auch die düstere Seite des Reformers: Bin Salmans Drang, Saudi-Arabien zu modernisieren, werde von einigen der brutalsten und willkürlichsten Unterdrückungsserien in seiner Geschichte begleitet, klagt die "Washington Post" an. Die Zeitung beruft sich auf Angaben der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch. Neben dem Krieg im Jemen wird vor allem die Menschenrechtssituation kritisiert. Die Chronik beginnt 2017 mit Säuberungen der Geheimdienste sowie der Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden - bin Salman ist damals gerade zum Kronprinzen ernannt worden.

Es folgt eine Welle politischer Verhaftungen. Zunächst trifft es prominente Geistliche, Akademiker und Menschenrechtsaktivisten, dann im Mai 2018 Frauenrechtlerinnen. Brutaler Höhepunkt der Verfolgungen ist der Fall Jamal Khashoggi, der Mord an dem saudischen Journalisten im vergangenen Jahr. Bin Salman bestreitet zwar jede direkte Verantwortung, aber US-Geheimdienste und eine UN-Expertenkommission sind überzeugt: Der Kronprinz hat den Mord an Khashoggi in Auftrag gegeben. Auch 2019 gab es Verhaftungen. Auch sollen Investoren unter Druck gesetzt worden seien, die Aramco-Aktie zu kaufen.

Bin Salman weiß, er braucht die politische Rehabilitation auf internationaler Bühne. Deshalb hat er aber nicht die Fähigkeit verloren, zu herrschen. Die Unterdrückung unter dem saudischen Kronprinzen trübe die Reformen, schreibt Human Rights Watch in einer Analyse mit dem Titel "Die hohen Kosten des Wandels". Und die "Washington Post", für die der zu Tode gefolterte Kashoggi als Kolumnist tätig war, schreibt: Westliche Investoren sollten sich überlegen, wie sich Saudi-Arabien in den fast fünf Jahren seit dem Tod des früheren Herrschers König Abdullah verändert habe. Der Islamwissenschaftler Sternberg, der immerhin eine erfolgreiche Wende für möglich hält, ist ebenfalls der Meinung, dass das Land weniger religiös wird, dafür aber politisch autoritärer.

Der politische Wandel steht ebenso in den Sternen wie der wirtschaftliche. Kleinere nationale Projekte profitieren bislang nicht von den staatlichen Fördermaßnahmen. Der saudische Kronprinz liebt eben die Superlative. Das zeigen auch die Pläne für eine futuristische Stadt mit dem schillernden Namen Neom im Wüstensand. Die Investitionssumme von 500 Milliarden Dollar stimmt skeptisch, Kritiker wittern Eitelkeiten. Riad habe "Investitionen gekürzt, laufende Ausgaben erhöht und eine anhaltende Vorliebe für Mega-Projekte gezeigt," schreibt Nahost-Chefökonom Ziad Daoud von Bloomberg. Die jüngsten Ausgabenmuster der Regierung hätten die Erwartungen enttäuscht.

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Zur Infografik: Das autoritär regierte Saudi-Arabien gibt seit Jahren mehr Geld aus als es einnimmt. Das Defizit in der Staatskasse liegt nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) aktuell bei 6,1 Prozent der jährlichen Wirtschaftskasse. Haupteinnahmequelle ist der Verkauf von Rohöl.

Quelle: ntv.de