Wirtschaft

Verweigerung von Mietzahlungen Skrupelloses Adidas macht fassungslos

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Adidas schießt ein Eigentor: All diejenigen, die Großkonzerne für elende Gauner halten, sehen sich bestätigt.

(Foto: REUTERS)

Die Entscheidung großer Konzerne, einfach keine Mieten mehr zu zahlen, mag unternehmerisch nachvollziehbar sein. Sie zeugt aber von Unverfrorenheit: Alle sollen den Gürtel enger schnallen - nur sie nicht? Der ideelle Schaden ist enorm.

In diesen Tagen voller Hiobsbotschaften gibt es immer wieder die kleinen Geschichten, die wie Märchen klingen und doch real sind. Eine davon spielte im niedersächsischen Bad Nenndorf. Nachdem eine Friseurmeisterin einem Stammgast, der zugleich ihr Vermieter ist, von ihren Zukunftsängsten erzählte, kündigte er an, auf mindestens eine Monatsmiete zu verzichten. Drei Jahre lang hatte sie immer pünktlich und voll bezahlt, weshalb der Besitzer des Geschäfts "ihr etwas zurückgeben wollte". Die Frau weinte, als sie von ihrem unverhofften Glück erfuhr.

Verzicht zugunsten derer, die nicht wissen, ob sie kommenden Monat die Miete zahlen können - das ist gelebte Solidarität. Und Großvermieter? Immerhin legte die börsengehandelte Deutsche Wohnen, Berlins größter privater Immobilienkonzern mit rund 100.000 Bleiben in der Hauptstadt, einen 30 Millionen Euro umfassenden Hilfsfonds für Wohn- und Gewerbemieter in finanzieller Not auf. Beachtlich ist die Begründung: "Wir sind fest davon überzeugt, dass wir in Krisenzeiten Solidarität zeigen müssen - umso mehr, da die Deutsche Wohnen sehr stark aufgestellt ist." Dem Unternehmen zufolge soll dafür die Dividende gekürzt werden - das heißt, der Fonds geht zulasten der Aktionäre. Wer mag, kann das als PR-Trick zur Imageverbesserung abtun. Aber lieber so, als alles auf den Staat abzuwälzen, wie es etwa die Schuhladenkette Deichmann versucht.

Insofern ist das Signal fatal, das der Sportartikelhersteller Adidas und andere Konzerne mit ihrer Entscheidung aussenden, einfach die Mietzahlungen für ihre Filialen bis auf Weiteres einzustellen und das Geld - wenn überhaupt - später zu zahlen. Jeder muss den Gürtel enger schnallen - nur wir nicht. Dabei gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe aus Sicht einzelner Unternehmen, diesen Cut zu machen. Auch sie haben Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Die Parfümeriekette Douglas und Deichmann könnten fortgesetzte Mietzahlungen in die Pleite treiben, was den Staat eine Menge kosten würde. Das ist aber nur Theorie, denn möglich wäre ein Kredit der staatlichen Förderbank KfW, um eventuelle Engpässe zu überwinden.

Gruselig, schamlos, rücksichtlos

Gruselig aber ist die Unverfrorenheit, das Heil darin zu suchen, die eigene Krisenbewältigung schamlos auf andere Firmen abzuwälzen, selbst wenn es hier, könnte man sagen, mit Betreibern riesiger Einkaufszentren und Vermietern in Toplagen die Richtigen erwischt. Deren Eigentümer stehen nicht unbedingt vor Hartz IV, wenn Adidas und Douglas nicht zahlen. Den Vogel schoss der Schuhhändler Deichmann ab, der seine Ankündigung sogar noch PR-mäßig zur Goodwill-Maßnahme im Interesse der Menschheit aufmotzte. Mit der Schließung übernehme das Unternehmen "Verantwortung für die Gesundheit aller Mitmenschen, unserer Beschäftigten und Kunden". Ehe dann der Hammer kam: "Außerdem erwarten wir von den politisch Verantwortlichen, dass die durch die Zwangsschließungen entstehenden Mietschäden für die beteiligten Vertragsparteien ersetzt werden." Der Steuerzahler soll also für die Miete aufkommen, die Deichmann für seine Filialen nicht zahlen will. Kein Wunder, dass es (unsinnige) Boykottaufrufe gibt.

Fassungslos macht die Rücksichtslosigkeit. Noch ist nämlich keiner der Konzerne in der finanziellen Bredouille, schon gar nicht Adidas. Der Konzern machte im vergangenen Jahr 1,9 Milliarden Euro Gewinn und hat so hohe Rücklagen, dass er ankündigte, dieses Jahr Aktien im Wert von beinahe 1 Milliarde Euro zurückzukaufen. Wie wäre es denn, wie die Deutsche Wohnen den Anteilseignern die Dividende zu kürzen? Die Aktionäre sollten sich dann erst einmal trauen, das auf einer Hauptversammlung öffentlich anzuprangern.

Adidas und C. führen die Politik vor

Ätzend ist auch, dass Adidas und die anderen Mietzahlverweigerer die Politik vorführen und diskreditieren, wieder mal - bescheuert, wie sie nun mal in den Augen vieler Leute ist - ein Nothilfe-Gesetz verabschiedet zu haben, das voller Lücken ist, die "die Reichen" nach Lust und Laune für sich ausnutzen können. Die Initiative zielte darauf ab, den Menschen im Land ein bisschen die Existenzsorgen zu nehmen, nicht bald auf der Straße zu landen - deshalb sollte es so schnell wie möglich in Kraft treten. Es war als Beruhigungspille gedacht, aber nicht für Adidas und andere Unternehmen mit Milliardenumsätzen und Gewinnen in wenigstens zwei- oder dreistelliger Millionenhöhe.

Der angerichtete Schaden ist vor allem auch ein ideeller. All diejenigen, die Konzerne, insbesondere die Riesen aus dem Dax oder Dow Jones, für elende Gauner halten, die das Allgemeinwohl null interessiert, sehen sich mal wieder bestätigt. Die Unternehmen haben (noch) ohne finanzielle Not ein Gesetz ausgeschlachtet, das die Bundesregierung beschlossen hat für Mieter, Selbstständige und Ladenbetreiber, die in der Krise in ernsthafte Zahlungsschwierigkeiten geraten. Ihnen darf für einen begrenzten Zeitraum nicht gekündigt werden. Die Miete müssen sie aber später nachzahlen, falls der Immobilieneigentümer darauf besteht.

Umso erstaunlicher ist es, dass Adidas sich kurzerhand sein Image versaut, entschlossen wie kaum ein anderer deutscher Konzern den Weg der Nachhaltigkeit zu gehen. Der Sportartikelhersteller setzt jedes Jahr einige Millionen Paar Schuhe ab, die recycelten Plastikabfall enthalten, der dem Unternehmen zufolge zum Beispiel an Stränden der Malediven eingesammelt wurde. Adidas hat eine Vision im Kampf gegen den Plastikwahn. Ab 2024 will das Unternehmen nur noch recyceltes Polyester verwenden. "Am Ende werden die Produkte wieder der Erde zurückgeben, weil sie biologisch voll abbaubar sind." Klingt toll. Aber wer soll Adidas jetzt noch glauben, es gut mit der Welt zu meinen?

Immerhin kam die Kritik inzwischen bei Adidas an. Am Sonntagnachmittag veröffentlichte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ein Interview mit Vorstandschef Kasper Rorsted, in dem er erklärte, es gehe um gerade einmal vier Privatvermieter, die ihre Miete für April natürlich erhielten. "Wir reden ausschließlich über unsere eigenen Läden, die wir selbst betreiben. Dort sind unsere Vermieter in der Regel große Immobilienvermarkter und Versicherungsfonds, sie haben für diese Maßnahme überwiegend Verständnis gezeigt." Dann scheint ja alles bestens zu sein - bis auf die Kommunikationsabteilung von Adidas. Vielleicht sollte Rorsted auch mit ihr einmal über das Thema reden, bevor eine Ankündigung zum PR-Gau wird.

Quelle: ntv.de