Fast 50 Prozent InflationSo schlecht geht es den Iranern wirtschaftlich
Von Christina Lohner
Die Lebenshaltungskosten im Iran explodieren. Dabei muss schon jetzt mehr als jeder Dritte mit rund acht Dollar pro Tag auskommen. Das Regime steckt Geld lieber in Waffen, als der Bevölkerung zu helfen. Verschärft wird die ökonomische Krise durch die westlichen Sanktionen.
Der Iran steckt Experten zufolge in der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte, gekennzeichnet von einem drastischen Währungsverfall und Hyperinflation. So gingen die aktuellen Massenproteste ausgerechnet von bislang regimetreuen Basarhändlern aus. Schnell schlossen sich andere Bevölkerungsgruppen an. Die Menschen protestieren auch aus wirtschaftlicher Not gegen das Regime.
Das Wirtschaftswachstum ist schon seit Jahren gering, die Preissteigerungen hoch. Infolge der Verschärfung der US-Sanktionen im Streit um das Atomprogramm spitzte sich die Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr zu, wie Klaus-Jürgen Gern, der am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die internationale Konjunkturprognose leitet, ntv.de erklärt. "So wurden die Ölexporte, die die wesentliche Devisenquelle bilden, nochmals deutlich erschwert." In der Folge brach gegen Ende des abgelaufenen Jahres die Währung massiv ein. Ein Euro kostete auf dem freien Devisenmarkt erstmals mehr als 1,7 Millionen Rial, wie iranische Finanzportale berichteten, ein Dollar rund 1,4 Millionen Rial. Ein Jahr zuvor hatte ein Dollar noch 820.000 Rial gekostet.
Der Währungsverfall heizt die ohnehin schon hohe Inflation weiter an, denn Importe müssen meist in Dollar bezahlt werden. Die Inflation hat seit Monaten astronomische Ausmaße erreicht - im Oktober lag sie nach offiziellen Angaben bei fast 49 Prozent, aktuell nur leicht darunter - und macht selbst alltägliche Einkäufe für viele Menschen unerschwinglich. "Besonders stark stiegen die Lebensmittelpreise sowie Preise für importierte Medikamente, was große Teile der Bevölkerung in existenzielle Nöte bringt", sagt Gern. Rasant steigende Mieten zwingen zudem viele junge Iraner, wieder bei ihren Eltern einzuziehen.
Fiskalisch lässt sich laut Gern schwer gegensteuern, denn der Staatshaushalt verzeichnet seit geraumer Zeit hohe Defizite. Ali Fathollah-Nejad, Autor des Buchs "Iran - Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät", sagt im Gespräch mit ntv.de: "Die Menschen in Iran merken, dass die Politiker des Landes keinerlei Antworten haben auf diese wirtschaftliche Talfahrt." Fathollah-Nejad lehrt Nahostpolitik und internationale Sicherheit an der Hertie School in Berlin und leitet die Denkfabrik Center for Middle East and Global Order (CMEG).
Wasser und Strom fehlen
Dabei leiden die Iraner schon lange unter strukturellen Problemen wie Armut und Arbeitslosigkeit. Letztere ist nach offiziellen Angaben moderat, der Internationale Währungsfonds beziffert sie mit gut neun Prozent. "Die Arbeitslosigkeit dürfte in Wahrheit aber deutlich höher liegen", sagt Gern.
Mit zuletzt fast 33 Millionen Menschen müssen nach Angaben der Weltbank mehr als ein Drittel der Einwohner mit weniger als umgerechnet 8,30 US-Dollar pro Tag auskommen. Die Zahl dürfte demnach noch deutlich steigen. Besonders betroffen sind Frauen.
Selbst an Wasser und Strom mangelt es zudem immer öfter. In der Millionenstadt Teheran kommt es ebenso wie in entlegenen Provinzen zu Stromausfällen, wegen des Wassermangels will die Regierung die Hauptstadt gar verlegen. Die Energie- und Wasserknappheit stört auch die Wirtschaft. Starke Bodensenkungen infolge von Wassermangel gefährden der Weltbank zufolge Infrastruktur und die langfristige Produktivität.
Statt die Nöte der eigenen Bevölkerung zu lindern, setzt das Mullah-Regime im Konflikt mit Israel staatliche Mittel zur Unterstützung bewaffneter Gruppen in den palästinensischen Gebieten, im Libanon und im Jemen ein, so der Vorwurf der Protestierenden. In der vergangenen Woche brachte die Regierung zwar erste Wirtschaftsreformen auf den Weg und strich unter anderem Subventionen für Importeure, die bislang von einem staatlich begünstigten Wechselkurs profitiert hatten.
"Mit dem Rücken an der Wand"
Das könnte allerdings zunächst zu einem weiteren Preisanstieg führen, warnte eine Regierungssprecherin. Ihr zufolge soll der Gegenwert der gestrichenen Subventionen direkt bei den Endverbrauchern ankommen. Dafür stünden jeder in einem iranischen Haushalt lebenden Person nun monatlich zehn Millionen Rial Guthaben zu, umgerechnet fast sechs Euro - Stimmen aus der Bevölkerung zufolge ein Tropfen auf den heißen Stein.
Die Sanktionen gegen das Regime haben eine lange Vorgeschichte. US-Präsident Donald Trump war bereits während seiner ersten Amtszeit 2018 aus dem internationalen Atomabkommen ausgestiegen und hatte im Alleingang Wirtschaftssanktionen gegen den Iran wieder eingesetzt. Das Abkommen sollte die Fähigkeit des Iran zur Urananreicherung begrenzen, ein Ausgangspunkt für den Bau von Atomwaffen. Seit vergangenem Herbst sind im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm zudem die UN-Sanktionen wie das allgemeine Waffenembargo wieder in Kraft; auch die EU hat Sanktionen verhängt.
Bereits vor einem Jahr hatte der Rial im Vergleich zu Trumps Wiedereinführung der Sanktionen mehr als 90 Prozent seines Werts zum Dollar verloren. Ende 2025 stürzte der Rial dann innerhalb weniger Stunden auf ein neues Rekordtief. Vor allem Teheraner Händler von Importgütern wie Elektronik schränkten oder stellten ihre Verkäufe daraufhin komplett ein - und lösten damit die Massenproteste aus. Angesichts der heftigen Kursschwankungen konnten sie keine verlässlichen Preise für ihre Importware mehr nennen und wussten nicht, welche Verluste ihnen aus bereits verkauften Produkten drohen.
"Das ist eine neue Qualität. Die andere neue Qualität ist die Ratlosigkeit und die Orientierungslosigkeit der Machthaber in Iran, die nach wie vor das meiste Geld in regimestützende Institutionen fließen lassen", sagt Experte Fathollah-Nejad ntv.de. Das meiste Geld gehe an den Sicherheits- und Militär-, den Propaganda- und den klerikal-kommerziellen Apparat, schreibt er in der "Frankfurter Allgemeinen". Seit einem Jahr werde den Revolutionsgarden zudem erlaubt, für ihre eigenen Zwecke immense Mengen Öl zu verkaufen.
"Da bleibt sehr wenig Geld für die Menschen, für wohlfahrtsstaatliche, aber auch für Entwicklungsinvestitionen", resümiert Fathollah-Nejad gegenüber ntv.de. Die Bevölkerung stehe "mit dem Rücken an der Wand".