Speicher nur halbvollTeureres Gas, wenig Reserve: Reiches Ministerium appelliert an Händler
Der Preis für europäisches Erdgas steigt auf das höchste Niveau seit Beginn des Iran-Kriegs. Händler hält das davon ab, Gas einzuspeichern. Ein fataler Zustand, meinen Wirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur. Es sei die Pflicht der Unternehmen, ausreichend vorzusorgen.
Seit Monaten wird wegen der hohen Preise am Weltmarkt infolge des Iran-Krieges kaum Gas eingespeichert. Die Sperrung der Straße von Hormus hat das weltweite Angebot an Flüssigerdgas reduziert. Die deutschen Speicher sind deshalb nur zu gut 50 Prozent gefüllt. Die vollständige Befüllung bis zum Beginn der Heizsaison ist daher bereits kaum noch machbar.
Mit Blick auf die niedrigen Gasspeicherstände sehen Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur nun die Wirtschaft in der Pflicht. Die Füllung der deutschen Speicher sei "sehr gering", räumte eine Sprecherin des Ministeriums in Berlin ein. "Wir beobachten die Lage genau, auch im geopolitischen Kontext, und fordern die Händler auf einzuspeichern." Zum 1. November müssten die deutschen Gasspeicher nach gesetzlichen Vorgaben eigentlich zu jeweils 80 Prozent gefüllt sein, mit einigen festgelegten Ausnahmen.
Die für den internationalen Transport von Öl und Gas strategisch wichtige Straße von Hormus ist seit Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen Iran praktisch blockiert. Das treibt die Preise in die Höhe. Für Händler, die normalerweise im Sommer Gas kaufen, um es in der Heizperiode im Winter zu verkaufen, ist der Einkauf deshalb derzeit wenig attraktiv.
Der Preis für europäisches Erdgas stieg am Mittwoch auf das höchste Niveau seit der Anfangsphase des Iran-Kriegs. Der richtungweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat wurde an der Börse in Amsterdam zu 64,60 Euro je Megawattstunde (MWh) gehandelt. Das ist der höchste Stand seit Mitte März.
Auch Netzagentur-Chef Klaus Müller nimmt die Händler in die Pflicht. "Es ist ausreichend Gas verfügbar. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Gashändler seinen Kunden erklären möchte, dass es im Winter nicht genug Gas gibt, weil er nicht ausreichend vorgesorgt hat", sagte er dem Portal t-online. "Ich erwarte, dass die Gashändler ihrer Verantwortung nachkommen."
Russland war lange wichtigster Gaslieferant
Deutschlands wichtigster Gaslieferant war lange Russland, der mit Ausbruch des Ukraine-Kriegs aber wegbrach. Im Frühjahr 2022 wurden deshalb auf Betreiben des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck Füllstandsvorgaben eingeführt, die seither gelockert wurden.
Auf die Frage, ob die Gasversorgung für den Winter gesichert sei, äußerte sich eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums nicht klar, sondern appellierte an die Verantwortung der Händler. Denn die Lage sei mittlerweile eine andere als während der Gaskrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Inzwischen verfüge Deutschland über eigene Importkapazitäten für Flüssigerdgas (LNG) und könne sich laufend versorgen. "Fast die Hälfte unseres Gasbedarfs kommt aus Norwegen. Dazu bekommen wir Pipeline-Gas aus Frankreich und aus Belgien", so die Sprecherin. Dazu werde über die deutschen Terminals Flüssiggas (LNG) importiert, das zu einem Großteil aus den USA stammt, hieß es weiter.
Man sei jederzeit in der Lage zu reagieren, versicherte die Sprecherin. "Oberste Priorität ist die Versorgungssicherheit für den Winter zu gewährleisten." Künftig soll eine strategische Gasreserve die Versorgung sichern. Die Finanzierung ist aber noch unklar. Das Bundeswirtschaftsministerium kaufe kein Gas ein. Ministerin Katherina Reiche führe aber politische Gespräche, um Gaslieferverträge mit weiteren potenziellen Lieferanten den Weg zu bereiten.
