Wirtschaft

Lira bekommt Prügel Türkische Notenbank begeht Zins-Harakiri

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Zinssenkung irrational: Die türkische Inflation soll bis zum Herbst noch auf 90 Prozent steigen.

(Foto: picture alliance/dpa/XinHua)

Die Finanzwelt ist überrascht: Trotz der Extreminflation senkt die türkische Nationalbank erneut den Leitzins. Die Lira stürzt sofort auf ein Rekordtief, doch der Schritt dürfte vor allem Präsident Erdogan gefallen, der sich selbst als Zinsfeind bezeichnet.

Trotz der aus dem Ruder laufenden Inflation hat die türkische Zentralbank ihren Leitzins überraschend erneut gesenkt. Der Schlüsselsatz wird um einen vollen Punkt von bislang 13 auf nunmehr 12 Prozent zurückgenommen, wie die Währungshüter mitteilten. Ökonomen hatten einen unveränderten Wert erwartet. "Es ist wichtig, dass die finanziellen Bedingungen unterstützend bleiben, um die Wachstumsdynamik in der Industrieproduktion und den positiven Trend bei der Beschäftigung aufrechtzuerhalten", begründeten die Währungshüter ihren unerwarteten Schritt. Die Konjunktur habe im laufenden Sommerquartal wegen der schwächeren Auslandsnachfrage weiter an Schwung verloren.

US-Dollar / Türkische Lira
US-Dollar / Türkische Lira 18,42

Die türkische Landeswährung reagierte sofort auf die überraschende Maßnahme: Die Lira rutschte auf ein Rekordtief von 18,42 Lira zum Dollar ab. "Bei einer Inflation von 80 Prozent ist eine Zinssenkung irrational", erklärte Analystin Alison Shimada von Allspring Global Investment die Flucht der Anleger aus der türkischen Landeswährung. Volkswirt Liam Peach von Capital Economics geht davon aus, dass der Kurs bis Jahresende auf 24 Lira pro Dollar abrutschen wird.

Lehrbücher empfehlen Zinserhöhungen

Die Inflation ist zuletzt immer weiter in die Höhe geschossen. Die Teuerungsrate erreichte im August mit 80,21 Prozent das höchste Niveau seit 1998. Der Gipfel dürfte nach Prognose der Zentralbank erst im Herbst erreicht werden, und zwar mit Teuerungsraten von nahezu 90 Prozent. Grund für die Entwicklung sind vor allem die Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine, durch den viele Rohstoffe deutlich teurer geworden sind.

Die steigende Inflation ist aber auch eng verbunden mit der schwächelnden Lira: Die Landeswährung hat im vergangenen Jahr 44 Prozent an Wert zum Dollar verloren, in diesem Jahr bislang mehr als ein Viertel. Grund dafür wiederum ist auch, dass die Zentralbank ihren Leitzins seit vergangenem Herbst schrittweise von 19 auf aktuell 12 Prozent gesenkt hat, obwohl die ökonomischen Lehrbücher bei stark steigenden Preisen eigentlich Zinserhöhungen empfehlen.

Sinkende Zinsen machen eine Währung für Anleger unattraktiver. Die schwache Lira wiederum verteuert Importe, auf die die rohstoffarme Türkei angewiesen ist. In einer solchen Lage die Zinszügel zu lockern, widerspricht der gängigen ökonomischen Lehrmeinung. Gestützt wird ein solches unorthodoxes Vorgehen indes vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der sich selbst als Zinsfeind bezeichnet.

Quelle: ntv.de, mau/rts

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