Wirtschaft

"Es ist ein Albtraum" US-Notenbank schwingt die Zins-Keule

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Kämpft gegen die Inflation: Fed-Chef Jerome Powell.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Die Inflation in den USA scheint gekommen, um zu bleiben. Die US-Notenbank Fed steht deshalb vor dem nächsten Jumbo-Zinsschritt. Und es werden wohl weitere folgen müssen.

Die mächtigste Notenbank der Welt hat einen zähen Gegner: Trotz aggressiver Zinserhöhungen bekommt die US-Zentralbank Fed die heftige Inflation nicht in den Griff. Es bleibt den Notenbankern deshalb wohl nichts anderes übrig, als die Zinsen auf ihrer morgigen Sitzung weiter kräftig nach oben zu schrauben. Die Frage ist lediglich, wie kräftig.

Die meisten Analysten gehen davon aus, dass der Leitzins zum dritten Mal in Folge um satte 0,75 Prozentpunkte steigt und damit die Spanne von 3 bis 3,25 Prozent erreichen wird. Einige erwarten sogar eine Anhebung um einen vollen Prozentpunkt. So stark hat die Fed die Zinsen nicht mehr angehoben, seit sie Anfang der 1990er Jahre anfing, den Leitzins als ihr wichtigstes Instrument zu verwenden.

Das zeigt, wie groß die Probleme der Fed sind. Im März hatte sie sich von der jahrelangen Null-Zins-Politik verabschiedet, um mit einer Reihe von Zinserhöhungen die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Zuletzt gab der Preisdruck zwar weiter nach, doch nicht so deutlich wie erhofft. Im August lag die Inflationsrate bei 8,3 Prozent und damit nur etwas unter dem Juli-Niveau. "Der Inflationsbericht für August ist ein Alptraum. Damit ist eine Zinserhöhung um 100 Punkte definitiv auf dem Tisch", sagte Diane Swonk, Chefvolkswirtin bei dem Beratungsunternehmen KPMG.

Die Fed strebt als Idealwert für die Konjunktur eine Jahresteuerung von 2 Prozent an und ist davon trotz des jüngsten Rückgangs noch meilenweit entfernt. Sie will unbedingt verhindern, dass sich die Erwartung einer anhaltend hohen Inflation in den Köpfen der Amerikaner festsetzt und die Fed an Glaubwürdigkeit verliert.

Fed in der Zwickmühle

Die Notenbank fürchtet vor diesem Hintergrund, dass sich eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt: Arbeitnehmer setzen sehr hohe Löhne durch, da sie davon ausgehen, dass die Inflation auf absehbare Zeit nicht in den grünen Bereich zurückkommt. Unternehmen erhöhen als Ausgleich die Preise. Daraufhin steigt das allgemeine Preisniveau weiter, es entsteht eine Kettenreaktion. In den USA sind die Voraussetzungen dafür gegeben. Die Arbeitslosenquote ist niedrig, der Konsum ist stabil.

Die Konjunktur schwächelt zwar, entwickelte sich zuletzt aber besser als angenommen. Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu Jahresbeginn schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwar auch im zweiten Quartal. Das Minus fiel mit - auf das Jahr hochgerechnet - 0,6 Prozent nicht so stark aus, wie in einer ersten Schätzung gemeldet.

Bei jedem weiteren Zinsschritt der Fed steigt die Wahrscheinlichkeit einer wirtschaftlichen Talfahrt. Höhere Zinsen verteuern Kredite und machen Sparen attraktiver. Unternehmen investieren weniger, Verbraucher geben weniger Geld aus. Das bremst die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und sorgt dadurch tendenziell für geringeren Preisauftrieb.

Die Situation ist für die Fed auch deshalb so kompliziert, weil die Inflation auch von Faktoren angeheizt wird, auf die sie keinen Einfluss hat: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine macht Energie teurer. Die harten Lockdowns in China wirbeln die weltweiten Lieferketten immer wieder durcheinander, sorgen für Engpässe und führen damit zu höheren Preisen.

Powell gibt sich entschlossen

Hinzu kommt, dass Zinserhöhungen mit einer Verzögerung auf die Preise wirken - als Faustregel gilt eine Dauer zwischen 12 und 18 Monaten. Im ungünstigsten Fall schlagen die Fed-Zinsschritte erst dann voll durch, wenn sich die Wirtschaft bereits in der Rezession befindet.

Offenbar versuche die Notenbank nun, Versäumnisse wettzumachen, da sie die Zinswende trotz der stark steigenden Inflationsrate sehr zögerlich angegangen sei, sagte Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner. Bis zum Jahresende werde die Fed den Leitzins voraussichtlich noch auf ein Niveau von 4,0 Prozent hochtreiben. "Die restriktivere Geldpolitik wird Anfang 2023 wohl eine Rezession in den USA auslösen. Diese dürfte aber eher moderat ausfallen", lautet die Prognose des Ökonomen. Anlagestratege Brian Jacobsen vom Vermögensverwalter Allspring verweist derweil darauf, dass an den Märkten mittlerweile darüber spekuliert wird, ob die Fed die Zinsen im aktuellen Straffungszyklus sogar auf 4,5 Prozent treiben könnte.

Fed-Chef Jerome Powell hat Leitzinsen von 3,0 bis 3,5 Prozent als "moderat restriktives Niveau" bezeichnet, wobei die Wirtschaft bereits leicht gebremst wird. Dabei wird es laut Fed-Direktor Chris Waller aber nicht bleiben: Der Leitzins müsse auf ein Niveau steigen, das die Güternachfrage in der Wirtschaft deutlich zügele. Die Fed sei zu entschlossenem Handeln bereit, um die Inflation wieder auf den Zielwert von zwei Prozent zu drücken.

Die Volkswirte der BayernLB erwarten, dass die Fed-Vertreter "unisono restriktive Töne" anschlagen werden. Dies auch, um Spekulationen zu dämpfen, dass die Notenbank 2023 einen geldpolitischen Schwenk vollziehen und ihre Straffungspolitik überdenken könnte. DWS-Volkswirt Christian Scherrmann geht davon aus, dass die Fed keine Senkung vor 2024 signalisieren wird. Powell hatte jüngst bekräftigt, die Aufgabe der Fed sei noch nicht erfüllt. Die Geschichte diene als warnendes Beispiel dafür, dass man die Geldpolitik nicht verfrüht lockern dürfe.

Quelle: ntv.de, mit rts

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