Wirtschaft

Trump droht schon malUS-Regierung fürchtet finanzielle Nuklearoption Europas

23.01.2026, 16:04 Uhr DSCF1383-2Von Jan Gänger
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US-Präsident Donald Trump hat den Europäern mit vehementen Vergeltungsmaßnahmen für den Fall gedroht, dass sie in großem Stil US-Staatsanleihen abstoßen. (Foto: AP)

Staatsanleihen als Waffe der Europäer gegen Donald Trump? Die USA wollen eine Diskussion darüber im Keim ersticken. Und das, obwohl ein Einsatz derzeit völlig unwahrscheinlich ist. Das bekommt auch die Deutsche Bank zu spüren.

Es wäre die finanzielle Nuklearoption der Europäer, um Donald Trump unter Druck zu setzen: der massenhafte Verkauf von US-Staatsanleihen. Bisher hat das zwar weder die EU-Kommission noch die Regierung eines der Mitgliedsländer angedroht. Es gibt auch keine Anzeichen, dass das überhaupt erwogen wird. Doch der US-Präsident kündigte nun vorsichtshalber trotzdem an, es werde dann einen "heftigen Gegenschlag" geben.

Der Grund: Über die Option eines möglichen Abstoßens von US-Staatsanleihen wird seit einigen Tagen am Finanzmarkt diskutiert - unabhängig davon, wie realistisch das ist. Anlass war der Streit mit den USA um Grönland. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos warnte US-Finanzminister Scott Bessent die europäischen Staaten vor Vergeltungsmaßnahmen gegen die USA. "Ich sage allen: Lehnen Sie sich zurück. Atmen Sie tief durch."

Dabei scheint der Schuldenberg ein gutes Instrument zu sein, um sich gegen Trumps Zolldrohungen zu wehren. Die USA sind mit 38 Billionen Dollar verschuldet - Tendenz steigend. Alleine im vergangenen Jahr lag das Defizit bei 1,7 Billionen Dollar. Und der größte Gläubiger der USA ist Europa.

Der "Financial Times" zufolge besitzen die europäischen NATO-Länder US-Staatsanleihen im Wert von 2,8 Billionen Dollar, zusammen mit Kanada sind es sogar 3,3 Billionen US-Dollar. Das ist mehr als die offiziellen Bestände Chinas, dessen Bestände an US-Staatsanleihen immer wieder als potenzielle geopolitische Waffe bezeichnet wird.

Anker des globalen Finanzsystems

Würden europäische Staaten sich in einer gemeinsamen Strategie all ihrer US-Staatsanleihen entledigen, wäre das für die USA schmerzhaft. Angesichts des dann riesigen zusätzlichen Angebots müssten sie bei neuen Papieren höhere Zinsen bieten, um sie attraktiv zu machen. Das wiederum würde die Kreditkosten der US-Regierung in die Höhe treiben - die US-Regierung müsste mehr zahlen, um sich am Markt Geld zu leihen und ihren riesigen Schuldenberg zu finanzieren.

Dass es zu einem Abverkauf kommen wird, ist aber unrealistisch. Denn der dürfte nicht nur für die USA schmerzhaft werden, sondern auch für den Rest der Welt. Der US-Finanzmarkt ist mit weitem Abstand weltweit der größte und liquideste. Der Dollar ist die globale Reservewährung. Ein großangelegter europäischer Verkauf von US-Staatsanleihen würde den Dollar abstürzen und den Euro in die Höhe schießen lassen. Allein das dürfe ausreichen, viele europäische Länder in eine Rezession zu stürzen.

Die US-Staatsanleihen sind der Anker des globalen Finanzsystems. Europäische Banken und Investoren sind mit US-Staatsanleihen vollgestopft. Sie massenhaft auf den Markt zu werfen, dürfte keine besonders gute Idee sein. Das würde einen Wertverfall der Anleihen und massive Verwerfungen an den Finanzmärkten auslösen.

Selbst wenn Regierungen dennoch einen Abverkauf auslösen wollten: Sie haben derzeit nicht die Werkzeuge dafür. US-Staatsanleihen werden zum Löwenanteil von privaten Investoren gehalten - von zahllosen institutionellen Anlegern wie Versicherungen, Banken und Pensionskassen sowie von Millionen Privatpersonen.

Skandinavische Fonds verkaufen Bestände

Ein Teil der in Europa liegenden US-Vermögenswerte wird außerdem im Auftrag von Anlegern aus anderen Teilen der Welt gehalten. Belgien ist einer der größeren Gläubiger der USA, weil erhebliche Bestände bei Euroclear in Brüssel liegen - ein Abwickler für Wertpapiergeschäfte, der als zentrale Verwahrstelle für alle gängigen Wertpapiere dient. Private Investoren zum Verkauf von US-Staatsanleihen durch neue Regeln zu zwingen, dürfte in der EU viele Jahre dauern.

Das ändert nichts daran, dass seit Trumps Amtsantritt zahlreiche Investoren - darunter auch US-amerikanische - ihr Engagement in den USA zurückfahren. Für Aufmerksamkeit sorgte Anfang der Woche die Ankündigung des dänischen Pensionsfonds AkademikerPension, sich bis Ende des Monats von seinen gesamten Beständen von US-Staatsanleihen im Wert von rund 100 Millionen Dollar zu trennen. Die Entscheidung stehe zwar nicht direkt im Zusammenhang mit dem Streit zwischen Dänemark und den USA um Grönland, sagte Investmentchef Anders Schelde. Er fügte jedoch hinzu: "Aber natürlich hat das die Entscheidung nicht erschwert."

Am Mittwoch folgte der große schwedische Pensionsfonds Alecta. Er verkaufte "wegen politischer Risiken in den USA" einen Großteil dieser Papiere im Volumen von rund acht Milliarden Dollar. Das sind angesichts des riesigen Marktes für US-Staatsanleihen überschaubare Beträge.

Analyse sorgt für Wirbel

Aber es sorgt offenbar für Nervosität. Bessent kritisierte in Davos öffentlich eine kritische Studie von einem Analysten der Deutschen Bank. Der US-Finanzminister sagte, Vorstandschef Sewing habe ihn angerufen und erklärt, die Bank stehe nicht hinter dem Bericht. Ein Sprecher der Deutschen Bank lehnte eine Stellungnahme ab. Er betonte jedoch, dass die Analyse-Abteilung ("Research") unabhängig arbeite und deren Ansichten nicht zwangsläufig die Meinung des Managements widerspiegelten.

In der Analyse war die Möglichkeit erörtert worden, europäische Investoren könnten wegen des Streits um Grönland US-Vermögenswerte abstoßen. "Europa besitzt Grönland und auch eine Menge Staatsanleihen. Wir haben den größten Teil des letzten Jahres damit verbracht, zu argumentieren, dass die USA trotz ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke eine entscheidende Schwäche haben: Sie sind darauf angewiesen, dass andere ihre Rechnungen über große Außenhandelsdefizite bezahlen", heißt es in der Studie.

Selbst eine "Verlangsamung unserer Neukäufe von US-Finanzanlagen" könnte Wirkung zeigen. Es bedürfe nicht unbedingt offizieller Maßnahmen seitens Europas, um Druck auf die USA auszuüben. Angesichts des ständigen Bedarfs der USA an Käufern für neue Staatsanleihen, könnte allein schon eine Kaufzurückhaltung von Investoren ausreichen.

Das ist ein Gedanke, den die US-Regierung nicht hören will.

Quelle: ntv.de

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