Sewing distanziert sichDeutsche-Bank-Analyst versetzt Washington in Alarmbereitschaft

Eine kurze Mail eines Top-Analysten der Deutschen Bank entwickelt sich zum Politikum. Aussagen über US-Staatsanleihen, Trump und Grönland rufen die US-Regierung auf den Plan - und zwingen Konzernchef Sewing, sich zu distanzieren.
Die E-Mail, die für die Deutsche Bank zu einem Politikum wurde, kommt recht harmlos daher. "Thoughts on Greenland" tippte George Saravelos, Chef des Devisen-Research der Bank und einer ihrer bekanntesten Analysten, am vergangenen Sonntag in die Betreffzeile. Um 16.12 Uhr deutscher Zeit schickte er die Mail an seinen Verteiler.
In der nur ein paar Absätze langen Researchnotiz schrieb Saravelos über die Möglichkeit, dass die Europäer im Streit um die Grönland-Ansprüche von US-Präsident Donald Trump US-Staatsanleihen als Druckmittel einsetzen könnten. Europa sei Amerikas größter Kreditgeber. Mit Verweis auf die amerikanischen Bonds in einem Volumen von rund 8 Billionen Dollar, die sich in den Händen europäischer Investoren befinden, schrieb der Analyst: "In einem Umfeld, in dem die geoökonomische Stabilität des westlichen Bündnisses existenziell bedroht ist, ist unklar, warum die Europäer bereit sein sollten, diese Rolle zu übernehmen."
Auch wenn Saravelos in seiner Kurzanalyse lediglich die Fakten anführte, und zwar, dass die US-Seite durch ihre Staatsverschuldung sehr wohl verwundbar sei, traf sein Hinweis offenbar einen heiklen Punkt. Durch die Eskalation im Grönland-Konflikt bekam das Thema eine neue Brisanz – nicht zuletzt, weil der dänische Pensionsfonds AkademikerPension jüngst mitgeteilt hatte, seinen gesamten Bestand an US-Staatsanleihen in Höhe von rund 100 Mio. Dollar zu verkaufen.
Anfang der Woche schalteten sich hochrangige US-Regierungsvertreter ein und nahmen den Report und Saravelos‘ Arbeitgeber massiv unter Beschuss. Die Deutsche Bank verbreite "falsche Narrative", die dann von Medien aufgegriffen würden, wütete US-Finanzminister Scott Bessent. Der Vorgang sei ein Beispiel für europäische "Hysterie".
Die scharfe Kritik auf höchster Ebene der Trump-Regierung muss wiederum in der Spitze der Deutschen Bank für Unruhe gesorgt haben. Am Mittwoch berichtete Bessent dann von einem Anruf von Bankchef Christian Sewing, in dem sich dieser von dem Marktreport seines Mitarbeiters distanziert habe. "Der CEO der Deutschen Bank hat angerufen und klargestellt, dass die Deutsche Bank sich dieser Analystenmeinung nicht anschließt", sagte Bessent am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Sie stamme von "einem einzelnen Analysten".
Das Verhältnis zwischen US-Präsident Donald Trump und der Deutschen Bank gilt schon seit vielen Jahren als belastet, da die Bank Trump offenbar einst einen Kredit verweigerte. Die Deutsche Bank wollte das Telefonat zwischen Sewing und Bessent nicht bestätigen. Auf Nachfrage von Capital antwortete das Kreditinstitut lediglich mit einem allgemeinen Statement: "Wir äußern uns grundsätzlich nicht zu möglicher Kommunikation zwischen der Bank und Regierungsvertretern. Generell gilt: Deutsche Bank Research arbeitet unabhängig; daher spiegeln die in einzelnen Research-Berichten geäußerten Einschätzungen nicht notwendigerweise die Ansicht des Managements der Bank wider."
Es ist auch nicht das erste Mal, dass sich die Deutsche-Bank-Spitze von einem Analysten distanziert. 2021 hatte DB Research die deutsche Finanzaufsicht und die Bundesregierung in einem Bericht scharf kritisiert – wenige Stunden später wurde dieser dann zurückgezogen. Der Fall damals: Wirecard. Der Ausgang: bekannt.
Dieser Text ist zuerst bei Capital.de erschienen.