Wirtschaft

Athen bittet um Geduld Varoufakis: "Deutschland hat genug bezahlt"

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Hat die Sympathien vieler Anwesenden: Yanis Varoufakis.

(Foto: dpa)

Griechenlands Finanzminister Varoufakis besucht Berlin und bittet um Vertrauen und Zeit. Doch das ist offenbar schwieriger zu bekommen, als neue Kredite.

Yanis Varoufakis hat ein Heimspiel. Und das in Deutschland. Auf viel Sympathie und wohlwollende Neugier trifft der griechische Finanzminister, als er am Montagabend an einer Diskussionsveranstaltung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in Berlin teilnimmt.  So freundlich die Stimmung auch ist, es wird deutlich, in was für einem schier unlösbaren Dilemma Varoufakis steckt.

Hier muss er kaum jemanden überzeugen. Schuld an der Krise seien weder "die Deutschen" noch "die Griechen", sagt Varoufakis. Ja, Griechenland habe sich übermäßig verschuldet. Doch zu jedem unverantwortlichen Schuldner gehöre ein unverantwortlicher Kreditgeber. "Es ist so, als würde ein Autohändler jemandem ein Auto verkaufen, dass der sich gar nicht leisten kann - und deshalb den nötigen Kredit dafür mit einräumen", sagt Varoufakis.

Und dieser Logik entspreche auch die Rettungspolitik, die deshalb nicht funktionieren könne. Es sei widersinnig, Griechenland immer neue Schulden aufzubürden, um alte abzubezahlen - und im Gegenzug Sparmaßnahmen zu verlangen, die die Wirtschaft immer weiter schrumpfen lassen. So könne sein Land das Geld niemals zurückzahlen und versinke immer tiefer in der Krise. "Deutschland hat mehr als genug gezahlt - aber aus falschen Gründen", sagt Varoufakis. Von den Milliarden sei bei der Bevölkerung kaum etwas angekommen, mit dem Löwenanteil seien die Banken gerettet worden.

Sowohl die deutsche als auch die griechische Bevölkerung seien von ihren Regierungen getäuscht worden, sagte Varoufakis. Denn es wurde behauptet, Griechenland könne die Schulden zurückzahlen, wenn es ausreichend spare. Das Resultat der Sparpolitik laute aber: Rekordarbeitslosigkeit und ein dramatischer Konjunktureinbruch.

Varoufakis und Schäuble beharren auf Standpunkten

Um 38 Prozent seien die Löhne gefallen, um 40 Prozent die Renten, sagt Varoufakis. Die Gläubiger verlangten weitere Kürzungen, um ihr Geld wiederzusehen. Das könne nicht funktionieren. Griechenland brauche Wachstum, um zumindest  den Großteil seiner Schulden begleichen zu können. Eine halbe Million Griechen arbeite, ohne dafür seit einem halben Jahr bezahlt worden zu sein. "Das ist schlimmer als Sklaverei", so Varoufakis. "Denn Sklaven bekamen wenigstens Essen und Unterkunft."

Regeln müssen geändert werden, wenn sie falsch sind, sagt der griechische Finanzminister mit Blick auf den von ihm kritisierten Rettungsmechanismus und erntet dafür Applaus. Um Vertrauen bittet er für die Regierung in Athen und um Zeit, um den von den Vorgängerregierungen heruntergewirtschafteten Staat reformieren zu können.  

Nur wenige Stunden zuvor hatte Varoufakis mit dem Mann gesprochen, der maßgeblich für den kritisierten Mechanismus verantwortlich ist: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Dieser verlangt wie die ganze Gläubigergruppe, dass der mühsam ausgehandelte Weg eingehalten wird. Und weder Vertrauen noch Zeit gehören zu den Dingen, auf die Athen derzeit hoffen darf.

Beide Seiten lassen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Position nicht ändern wollen. Daran ändert offenbar selbst die Tatsache nichts, dass Griechenland auf Pleite und Austritt aus der Währungsunion zusteuert - mit unabsehbaren Konsequenzen. "Wenn wir scheitern, wird das die Geschichte als ein Scheitern der gesamten europäischen Klasse werten", sagt Varoufakis. Damit hat er wohl recht.

Quelle: ntv.de