Wirtschaft

Nachfolger steht bereits fest Volkswagen-Chef Diess tritt überraschend ab

Völlig überraschend verkündet Volkswagen den Abgang von Vorstandschef Diess. Er verlasse den Autobauer Ende August. Sein Nachfolger steht auch schon fest: Porsche-Chef Blume soll nebenbei auch den Gesamtkonzern führen, bekommt dabei aber Unterstützung.

Volkswagen tauscht überraschend seinen Vorstandschef aus. Herbert Diess gehe zum 1. September, teilte der Wolfsburger Autobauer mit. Sein Nachfolger werde der Chef der Sportwagen-Tochter Porsche AG, Oliver Blume. Dieser soll sein bisheriges Amt parallel weiterführen. Er arbeitet derzeit an einem Börsengang der Porsche AG, der im Herbst über die Bühne gehen soll. Bei VW werde der 54 Jahre alte Blume künftig operativ von Finanzvorstand Arno Antlitz unterstützt, der künftig als als Chief Operating Officer (COO) zusätzlich für das Tagesgeschäft verantwortlich zeichnen soll. Der 63-jährige Diess führt Volkswagen seit April 2018, er hatte sich immer wieder mit den mächtigen Betriebsräten überworfen.

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Der Anstoß zum Wechsel an der Spitze von Volkswagen kam laut Insidern von den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Die Familienvertreter hätten die Notwendigkeit für einen Führungswechsel gesehen, sagten mehrere mit den Beratungen im Aufsichtsrat vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Einen konkreten Anlass gab es demnach nicht, die Probleme hätten sich aber aufgestaut. "Diess ist unverbesserlich", sagte einer der Insider. Er habe Volkswagen zum Positiven verändert. "Aber seine Kommunikation ist miserabel."

Diess' aufbrausendes Auftreten im Aufsichtsrat hatte die Erben von "Käfer"-Entwickler Ferdinand Porsche schon früher befremdet. Technische Probleme beim neuen Golf oder dem ersten wichtigen Elektroautomodell ID.3, die Schwäche des wichtigen China-Geschäfts und Verzögerungen beim Aufbau von Cariad kamen hinzu. Die Liste von Managementfehlern, die man Diess zur Last legte, wurde immer länger. Die Entscheidung sei am Ende einmütig gefallen, hieß es.

Diess hatte sich am Freitag mit einem LinkedIn-Beitrag in die Sommerferien verabschiedet - ohne auf einen bevorstehenden Abschied einzugehen: "Ich bin mit unserer Performance in den meisten unserer Geschäftsfelder sehr zufrieden", schrieb Diess. Einige Voraussetzungen, etwa der Chip-Nachschub, sollten sich im zweiten Halbjahr verbessern. "Ich habe keinen Zweifel, dass wir in den nächsten Monaten weiter Schwung aufnehmen." Überschrieben war die Nachricht mit "Happy Holidays!"

Machtkampf mit dem Betriebsrat

Nachfolger Blume ist seit 1994 im Konzern. Er arbeitete auch schon für Audi und Seat. 2015 wurde er Chef der renditestarken Tochter Porsche. 2018 bekam er einen Sitz im Konzernvorstand. Der 54-Jährige ist Experte für Produktion und hat enge Kontakte sowohl zu den Eigentümerfamilien Porsche/Piëch als auch zur Belegschaftsvertretung. "Oliver Blume hat in verschiedenen Funktionen im Konzern und mehreren Marken seine operativen und strategischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt", sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Der 54-Jährige führe die Porsche AG seit sieben Jahren "wirtschaftlich, technologisch und kulturell mit großem Erfolg".

Blume will Porsche dabei nach eigenen Angaben langfristig führen. Darauf könne sich das Porsche-Team verlassen, sagte er laut einer Mitteilung. Das gelte auch nach einem möglichen Börsengang. "Wir haben Porsche technologisch, wirtschaftlich und kulturell erfolgreich aufgestellt", so Blume. Er freue sich sehr, die Porsche AG und den Volkswagen-Konzern gemeinsam zu führen. Der Sportwagenhersteller ist Teil des VW-Konzerns.

Der ehemalige BMW-Manager Diess führt VW seit April 2018. Auf das Ausscheiden habe sich der Aufsichtsrat mit dem 63-Jährigen verständigt, teilte Volkswagen mit. Aufsichtsratschef Pötsch dankte Diess. Dieser habe "sowohl in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen als auch des Konzerns die Transformation des Unternehmens maßgeblich vorangetrieben". Diess schob den Umbau von VW in der E-Mobilität und auch die Ausweitung des Geschäfts auf Mobilitätsdienstleistungen maßgeblich voran.

Allerdings gab es zuletzt auch etliche Probleme, vor allem bei der stockenden und sich nochmals verteuernden Entwicklung eigener Software- und IT-Systeme. Blume hatte bereits länger als möglicher Nachfolger von Diess gegolten. Sein Name war hinter den Kulissen mehrmals gefallen, als sich ein Konflikt zwischen dem VW-Chef und dem mächtigen Betriebsrat um mögliche neue Sparprogramme im vergangenen Jahr hochschaukelte. Der Vorstandschef hatte die Belegschaft mit Szenarien eines massiven Stellenabbaus vor den Kopf gestoßen. Er musste damals bereits Macht abgeben.

Kritik an Kommunikationsstil

Bereits davor hatte es heftige Meinungsverschiedenheiten mit Teilen des Aufsichtsrats über die weitere Strategie und über einen möglichen drastischen Arbeitsplatzabbau beim größten Autohersteller Europas gegeben. Mit seinem Führungs- und Kommunikationsstil eckte Diess immer wieder an.

Der Aufsichtsrat traut dem Vorstand unter Blume eine harmonischere Zusammenarbeit zu: "Blume soll mit dem gesamten Vorstand die Transformation weiter vorantreiben - mit einer Führungskultur, die den Teamgedanken in den Mittelpunkt stellt", hieß es in der Mitteilung. "Er ist aus Sicht des gesamten Aufsichtsrates jetzt die richtige Person an der Spitze, um die Kundenorientierung sowie die Positionierung der Marken und Produkte weiter zu schärfen", sagte Pötsch.

Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer erklärte, die Ablösung von Diess zeige auch, welche Riesen-Herausforderung das "Software Defined Car" für traditionelle Konzerne sei. "Autobauer werden Tech-Unternehmen, wie Google, Apple, Microsoft - oder sie werden abhängig von den Software-Schwergewichten."

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der das Land als zweitwichtigsten Eigner im Aufsichtsrat vertritt, zollte Diess Respekt. Er habe dem Unternehmen den Anstoß für wesentliche neue Vorhaben gegeben. Über Blume sagte Weil: "Ich bin zuversichtlich, dass er den Konzern mit Umsicht und Weitblick im Team mit dem Vorstand, in guter Kooperation mit dem Betriebsrat und mit sehr viel Wertschätzung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen wird."

Der IG-Metall-Vorsitzende und Vizechef des Aufsichtsrats, Jörg Hofmann, betonte, Volkswagen müsse "neben seiner technologischen Favoritenrolle auch der sozialen Vorbildrolle gerecht werden". Ähnlich äußerte sich Betriebsratschefin Daniela Cavallo. Der Umbruch in der Branche sei schwierig. VW müsse gestärkt aus ihm hervorgehen. "Unser Anspruch ist es aber ebenso, dass dabei trotz der großen Herausforderungen Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit gleichrangige Unternehmensziele bleiben."

Quelle: ntv.de, mli/rts/dpa

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