Wirtschaft
Daimler-Chef Dieter Zetsche: "Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben."
Daimler-Chef Dieter Zetsche: "Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben."(Foto: imago/Stefan Zeitz)
Samstag, 15. Juli 2017

Neuer Diesel-Skandal?: Vorsicht: Daimler ist nicht VW

Ein Gastkommentar von Ferdinand Dudenhöffer

"Es gibt keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen", versicherte Daimler-Chef Zetsche 2015. Nun soll eine unzulässige Abschalteinrichtung doch den Schadstoffausstoß manipulieren. Alles Lug und Trug? Man sollte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen.

Am 12. Juli lag der Daimler-Aktienkurs um 17 Uhr bei 65,55 Euro. Die 1.069.837.447 Daimler-Aktien waren mehr als 70,1 Milliarden Euro wert. Gerade mal 15 Stunden später hatten die Daimler-Aktionäre 2,2 Milliarden Euro eingebüßt. Die, von einem Journalisten-Netz abgedruckte Vermutung, dass Daimler illegale Abgaseinrichtungen in mehr als einer Million Fahrzeugen eingebaut hat, jagten die Kurse auf Talfahrt. Einer Million Fahrzeugbesitzer drohe die Stilllegung ihrer Fahrzeuge, hieß es.

Muss Daimler nun das Schicksal von VW befürchten? Gleich vier Argumente zeigen, dass Daimler nicht mit VW vergleichbar ist.

Erstens, der frühere VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn hatte zugegeben, dass VW illegale Abschalteinrichtungen verbaut hat. Daimler wehrt sich vehement gegen solche Vorwürfe. Schlüssige Beweise für einen Gesetzesbruch à la VW von Daimler liegen nicht vor. Es sind unbestätigte Vermutungen.

Zweitens, VW wollte in den USA mit allen Mitteln seine schlechte Marktposition verbessern, stand unter massivem Kosten- und Erfolgsdruck. Daimler ist seit mehr als 20 Jahren in den USA erfolgreich. Das Risiko einer illegalen Software steht daher in keinem Verhältnis zu einem möglichen, minimalen Vorteil.

Drittens, bei VW waren mehr als 11 Millionen Autos betroffen, bei Daimler vermuten die Journalisten eine Million.

Viertens, Abschalteinrichtungen sind in Europa kein Gesetzesbruch. Alle Autobauer nutzen die sogenannten Thermofenster. Unglaublich, aber wahr: Die Politiker in Brüssel und Berlin haben Thermofenster legalisiert. Deshalb sind fast alle Diesel-Pkw im normalen Fahrbetrieb Dreckschleudern und stoßen mehr Stickoxid aus, als der Grenzwert hergibt. Den muss man nur auf dem Prüfstand erfüllen.

Man sollte also sehr, sehr vorsichtig sein mit Vermutungen, Aktienkurse in den Keller zu schicken.

Wann ist ein Abgaswert zu hoch?

Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen.
Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen.(Foto: picture alliance / dpa)

Neben VW und Daimler sind die Staatsanwaltschaften auch bei Audi, Citroen, Fiat, Peugeot oder Porsche unterwegs. Die schlechten Gesetze fallen den Autobauern kräftig auf die Füße. Dabei hatten es die Kanzlerin und ihr Kabinett gut gemeint. Mit niedrigen Kosten für Abgasreinigungen sollten Arbeitsplätze geschützt werden, Deutschland seine "alternativlose" Dieseltechnologie ausrollen, Käufer mit guten Autopreisen verwöhnt werden. Maximierung von Wählerstimmen lautet das Dogma. Da sollte ein geschlossenes Fensterchen nicht im Wege stehen.

Wie hatte die Kanzlerin schon bei den CO2-Grenzwerten vor einigen Jahren gesagt: "Das Familienauto muss mehr CO2 ausstoßen können als der Kleinwagen." Wieso soll dann ein Familienauto eine genauso teure Abgasreinigung haben wie ein 40-Tonner-Lkw? Die Politik braucht Thermofenster.

Dummerweise fallen sie jetzt den Autofahrern, den Autohändlern, den Autobauern und den Stadtverwaltungen kräftig vor die Füße. Wir haben ein Politikproblem. Die Suppe löffeln die Bürger, die Autobauer, die Städte, die Aktionäre aus. Wann ist ein Thermofenster jetzt legal, halblegal oder illegal? Auf diese Frage haben weder unsere Berliner noch die Brüsseler Politiker bisher eine Antwort gegeben.

Um nicht noch mehr volkswirtschaftlichen Schaden zu verursachen, sollten die Politiker endlich ihre "Thermofenster" schließen. Wir brauchen keinen Kanzler-Gipfel für Software-Nachbesserungen. Die helfen ohnehin kaum, die Stadtluft zu verbessern, sondern sind Trostpflästerchen vor der Bundestagswahl. Wir brauchen richtige Abgasgesetze und kompetente Umweltbehörden wie in den USA. Manager können bei grobem Fehlverhalten haftbar gemacht werden. Warum eigentlich Politiker nicht?

Quelle: n-tv.de