"Halten Airlines nicht lange durch"Während der Kerosinpreis explodiert, sinken die Flugpreise in Europa

Seit Wochen warnen Branchenvertreter, Politiker und Experten davor, dass das Kerosin nicht nur teurer, sondern auch physisch knapp werden könnte. Fluglinien streichen bereits Tausende Flüge. Gleichzeitig sinken auf vielen Routen allerdings die Preise. Ein Experte erklärt, warum.
Während die Warnungen lauter werden, dass auch an europäischen Flughäfen der Kraftstoff ausgehen könnte, sind die Ticketpreise für viele Destinationen gesunken. Laut den "Flugpreistrends" des Vergleichsportal-Betreibers Kayak, zu dem unter anderem die Flugsuchmaschine Swoodoo gehört, kostet ein Ticket ab Deutschland nach Palma de Mallorca am 2. März unmittelbar nach Beginn des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus durchschnittlich 256 Euro. Zwischenzeitlich sank der Preis auf 211 Euro, in der vergangenen Woche lag er bei 241 Euro. Flüge nach Madrid verbilligten sich von 336 Euro auf 279 Euro. Die Ticketpreise für Flüge nach Gran Canaria sanken von 438 auf zuletzt 329 Euro.
Der Trend ist nicht einheitlich für alle Ziele. Bei anderen Zielen sind auch Preissteigerungen zu beobachten. Laut einer Analyse der "Financial Times" sanken im Zeitraum zwischen dem 9. April und dem 6. Mai die Preise für 27 der 50 wichtigsten Flugrouten in Europa. Bei 15 davon betrug der Rückgang mehr als 10 Prozent. Preissteigerungen waren bei weniger Routen zu beobachten, zudem fielen sie im Durchschnitt geringer aus.
Die sinkenden Preise stehen in starkem Kontrast zu den gestiegenen Kosten für Kerosin und Prognosen, der Kraftstoff könnte in den kommenden Monaten an einigen Flughäfen knapp werden oder ausgehen. Fluggesellschaften, darunter die Lufthansa, haben ihre Flugpläne teils drastisch ausgedünnt und zehntausende Flüge gestrichen. Zuletzt hatte der Flughafenverband ADV gewarnt, dass allein in Deutschland im Sommer bis zu 20 Millionen Passagiere von Flugstreichungen infolge der Kerosinknappheit betroffen sein könnten. Die Kerosinpreise seien seit mehr als zwei Monaten doppelt so hoch wie vor dem Krieg, sagte ADV-Geschäftsführer Ralph Beisel der "Welt am Sonntag". Selbst wenn Treibstoff verfügbar sei, könnten Fluggesellschaften viele Verbindungen zu diesen Preisen nicht wirtschaftlich anbieten.
Dass Airlines in dieser Situation die Preise senken, wirke paradox, "es ist aber nachvollziehbar", erklärt der Luftfahrexperte Gerald Wissel im Gespräch mit ntv.de. Die Fluggesellschaft versuchten damit, bei zurückgehender Nachfrage ihre Maschinen auszulasten. Zwar führe das dazu, dass die Unternehmen auf hohen Mehrkosten für das teurere Kerosin sitzen blieben, aber "leere oder stillstehende Flugzeuge und Crews, die nicht fliegen, sind noch viel teurer." Wissel weist zudem darauf hin, dass die Preissenkungen von einem hohen Niveau erfolgen. In den Wochen und Monaten vor dem Iran-Krieg waren die Flugpreise deutlich gestiegen.
Zudem habe die Krise nicht nur dazu geführt, dass die Nachfrage sowohl von Geschäfts- als auch von Urlaubsreisenden spürbar gesunken ist, so Wissel. Aufgrund der hohen Unsicherheit und der Berichte über Flugstreichungen buchten Kunden auch kurzfristiger als zu normalen Zeiten. "Dadurch fehlt den Fluggesellschaften im Moment Cash aus längerfristigen Vorausbuchungen." "Schnäppchen" insbesondere für die anstehende Urlaubszeit sollten Reisende nun zur schnellen Buchung animieren.
Wissel erwartet, dass die sinkenden Preise nur ein vorübergehendes Phänomen sind. Bei der Kerosinversorgung zeichne sich keine Entspannung ab. Selbst nach einem Ende des Iran-Kriegs werde es Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sich die Lage auf dem Öl- und Kraftstoffmarkt vollständig normalisiere. Die Fluggesellschaften könnten die steigenden Kosten nicht dauerhaft allein tragen. "Das halten die Airlines nicht lange durch", so Wissel. Der Branchenkenner rechnet deswegen sowohl mit bald wieder steigenden Preisen als auch mit weiteren Flugstreichungen.