Wirtschaft
Welche dauerhaften Schäden das Gewitter in der Bankbranche hinterlässt, ist noch nicht abzusehen.
Welche dauerhaften Schäden das Gewitter in der Bankbranche hinterlässt, ist noch nicht abzusehen.(Foto: imago stock&people)
Mittwoch, 03. Januar 2018

EU regelt Markt komplett neu: Warum Europas Finanzbranche zittert

Von Max Borowski

Der Handel mit Euro-Anleihen ist bereits eingebrochen - doch das dürfte nur ein Vorbote sein: Ein neues 10.000-seitiges Werk der EU-Bürokratie lässt Analysten um ihren Job fürchten und manche Banken um die Existenz. Auch Verbraucher sind betroffen.

Hunderte Finanzanalysten fürchten um ihren Job, Unternehmen um die Möglichkeit, Geld an der Börse aufzunehmen, und manche kleine Bank gar um ihre Existenz - das alles wegen einer neuen EU-Richtlinie, die heute in Kraft tritt. Die "Direktive für Märkte für Finanzinstrumente II" (englische Abkürzung MiFID II) hat inklusive aller Anhänge und Erläuterungen rund 10.000 Seiten und regelt zahlreiche Aspekte des Finanzmarktes neu - mit dem Ziel, die Branche transparenter zu machen und die Kunden besser zu schützen. Die tatsächlichen Auswirkungen der zahlreichen Neuregelungen werden erst über Monate und Jahre sichtbar werden. Während jedoch der Nutzen für die Verbraucher zweifelhaft ist, stehen Banken und andere Finanzinstitutionen vor gewaltigen Herausforderungen. n-tv.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu MiFID II.

Was ändert sich für Privatanleger und Bankkunden?

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Jeder, der Finanzprodukte verkauft oder Kunden dazu berät, muss künftig jedes Gespräch mit seinen Kunden aufzeichnen und mindestens fünf Jahre lang archivieren. Das gilt nicht nur für ausführliche Beratungstermine, sondern auch für jede telefonische Nachfrage. Statt des bisher schon vorgeschriebenen Beratungsprotokolls muss für den Verkauf von Finanzprodukten künftig eine "Geeignetheitserklärung" angefertigt werden. Darin wird festgehalten, ob etwa die jeweilige Aktie, Anleihe oder Fondssparplan zum Anleger, dessen Erfahrung und dessen Möglichkeit, das Verlustrisiko zu tragen, passt. Zudem müssen Verkäufer die in ihren Finanzprodukten enthaltenen Kosten, etwa für den Vertrieb, genauer aufdröseln. Für eigene Produkte dürfen Banken künftig gar keine Vertriebskosten mehr berechnen.

Hat das Nachteile für die Verbraucher?

Das alles soll den Kunden vor versteckten Risiken und Kosten besser schützen. Für manche Anleger könnten sich jedoch auch Nachteile ergeben. Generell werden Banken versuchen, die Kosten an die Kunden weiterzugeben. Wegen des Verbots, Provisionen für eigene Produkte zu berechnen, wollen einige Banken künftig Gebühren für Beratungsgespräche nehmen. Gerade für Kleinanleger dürfte sich das aber kaum lohnen, warnen Bankvertreter. Einige Geldhäuser planen Anlageberatung für Kunden mit kleinen oder mittleren Vermögen nur von Computerprogrammen durchführen zu lassen.

Wie groß ist die Belastung für die Banken?

Allein für die deutschen Banken schätzt der Privatbankenverband BdB die Belastung durch die zusätzliche Bürokratie auf rund eine Milliarde Euro. Einer Studie für schweizerische Banken zufolge könnten deren Nettomargen durch wegfallende Einnahmen und zusätzliche Kosten um zehn Prozent sinken. Unter anderem wegen der niedrigen Zinsen verdienen viele Banken ohnehin nur wenig Geld. Manche kleinere Banken könnten die zusätzlichen Belastungen nicht verkraften, wird befürchtet.

Warum könnte MiFID II Analysten ihren Job kosten?

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Transparenz soll MiFID nicht nur für Privatanleger, sondern auch bei Geschäften zwischen Finanzprofis bringen. Deshalb dürfen Investmentbanken ihren Kunden - etwa Fondsmanagern - künftig nicht mehr kostenlose Analysen zu Aktien und Unternehmen zur Verfügung stellen. Bislang bezahlten die Kunden diese Analysen indirekt über die Gebühren für Transaktionen. Leistungen dieser Analysten, die es bei allen größeren und auch vielen kleineren Banken gibt, müssen künftig separat angeboten werden. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Kunden – wenn sie extra dafür bezahlen müssen – sehr viel weniger Analysen in Anspruch nehmen und Banken ihre entsprechenden Abteilungen erheblich verkleinern könnten.

Wieso fürchten kleine und mittlere Unternehmen MiFID II?

Nicht nur die Zahl der Analysten dürfte künftig zurückgehen, sondern auch die Zahl der von ihnen beobachteten Unternehmen, vor allem der nicht im Leitindex Dax notierten Konzerne. Gerade für kleinere Firmen sind Analystenkommentare aber ein wichtiges Mittel, um Anleger auf ihre Aktien aufmerksam zu machen. Manche werden wohl künftig für Studien über sich Geld bezahlen. Das würde nicht gerade zur Transparenz auf dem Finanzmarkt beitragen.

Was ändert sich noch?

Die allermeisten Änderungen von MiFID II betreffen nur die Finanzprofis und ihre Geschäfte untereinander. Auch hier werden zahlreiche neue Dokumentations- und Meldepflichten eingeführt, die für mehr Transparenz sorgen und Manipulationsmöglichkeiten einschränken sollen. Begrenzt wird etwa die Möglichkeit, große Mengen von Wertpapieren in sogenannten Darkpools, meist von Banken betriebenen, nicht-öffentlichen Plattformen, zu handeln.

Gibt es bereits Auswirkungen?

Befürchtungen, neue technische Systeme, die Geschäfte und die Kommunikation von Finanzprofis aufzeichnen sollen, könnten versagen und den Handel lahmlegen, sind am ersten Geltungstag von MiFID II nicht eingetreten. Einem Bericht des "Wall Street Journals" zufolge brach der Handel mit Euro-Staatsanleihen allerdings um 30 Prozent ein. Für den Anleihemarkt gelten besonders viele neue Meldepflichten. Die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Finanzbranche sind allerdings noch nicht absehbar.

Quelle: n-tv.de