Wirtschaft

EZB "muss ein Signal senden"Warum der neue Ölpreisschock Europas Zinswende beschleunigt

19.04.2026, 10:25 Uhr
imageVon Stefan Schaaf
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Die EZB kann eine Inflation weit über zwei Prozent nicht ignorieren. Um ihr Ziel der Preisstabilität zu sichern und nicht als "schwach" zu gelten, muss sie die Zinsen erhöhen, auch wenn dies die Wirtschaft weiter schwächt. Die nächste Sitzung der EZB ist am 30. April 2026.

Steigende Öl- und Gaspreise schüren in Europa Inflationsängste. Anders als in der Vergangenheit fehlt aber die Grundlage für eine breite Lohn-Preis-Spirale, da der Arbeitsmarkt zu schwach ist. Die EZB dürfte dennoch handeln, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren.

Wenn Peder Beck-Friis morgens in sein Büro in London kommt, schaut er neuerdings als Erstes auf den Ölpreis. "Es besteht eine große Unsicherheit wegen der Lage am Energiemarkt", sagte der Europa-Volkswirt der Fondsgesellschaft Pimco vor Journalisten in der britischen Hauptstadt. 

Der starke Preisanstieg bei Rohöl und Erdgas hat die Inflationserwartungen deutlich ansteigen lassen und damit die Befürchtung, dass sich der Preisanstieg durch die ganze europäische Wirtschaft hindurchfrisst.

Drohen Zweitrundeneffekte?

Die Angst vor solchen sogenannten Zweitrundeneffekten wie während des letzten Inflationsanstiegs der Jahre 2021 und 2022 sei jedoch übertrieben, betont Beck-Friis. Dafür gebe es zwei Gründe: Zum einen sei der Arbeitsmarkt aktuell in deutlich schlechterer Verfassung. Während seinerzeit die Diskussion vom Fachkräftemangel dominiert wurde, droht heute wegen des schwachen Wachstums eher Arbeitslosigkeit. 

Damit sinkt die Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern für höhere Löhne und somit sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Lohn-Preis-Spirale. Einen zweiten Grund sieht Beck-Friis darin, dass es bislang "keine starke fiskalische Reaktion" auf den Energiepreisschock gibt. Kaum ein europäisches Land hat derzeit finanziellen Spielraum für großvolumige Hilfen wie während der Pandemie.

Zinsen: Markt hat klare Erwartung

Für den Ökonomen stellt sich die Frage, ob die Notenbanken "durch die Inflation hindurchschauen", also den Anstieg als kurzfristig betrachten und die Geldpolitik unverändert lassen. Die Antwort des Marktes ist derzeit: nein. Marktteilnehmer rechnen mit zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte der Europäischen Zentralbank (EZB) im laufenden Jahr. Schon für die nächste EZB-Ratssitzung am 30. April "besteht die Chance für eine Zinserhöhung", sagte Portfolio-Manager Konstantin Veit. "Für Juni ist eine Zinserhöhung voll eingepreist. Dem würde ich nicht widersprechen."

Veit verwies auf jüngste Aussagen von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane. Dieser hatte den neutralen Zins, bei dem die Geldpolitik weder expansiv noch kontraktiv wirkt, kürzlich noch in einer Spanne von 1,75 bis 2,25 verortet. Somit wäre der aktuelle Leitzins von 2,0 Prozent in der Mitte des neutralen Bereichs. Nun hat Lane aber die Obergrenze für den neutralen Zins bei 2,50 Prozent verortet, sodass ein Leitzins von 2,25 Prozent noch immer neutral wäre. "Die EZB muss eine Entscheidung treffen, ob sie neutral bleiben will oder nicht", sagte Veit. "Sie muss ein Signal senden, dass die Inflationserwartungen fest verankert bleiben." Verankerung bedeutet, dass die Menschen mit einer mittel- bis langfristig konstanten Inflationsrate von zwei Prozent rechnen.

In Reaktion auf den vom Irankrieg ausgelösten Energieschock hatte sich die Markterwartung bei der EZB von "konstant" auf "Anhebung" verschoben. Für die US-Notenbank Fed wiederum wird statt Zinssenkungen eine konstante Geldpolitik erwartet. Die Fed müsse die Lage aber genau beobachten, denn es besteht "das Risiko steigender Inflationserwartungen", warnte Andrew Balls, globaler Chef-Anlagestratege bei Pimco für Anleihen. 

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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