Wirtschaft

Pest oder Cholera? Warum die US-Notenbank eine Wirtschaftskrise riskiert

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Führt die US-Fed: Jerome Powell

(Foto: REUTERS)

US-Notenbankchef Powell versucht einen schwierigen Spagat: Er muss die Rekord-Inflation unter Kontrolle bringen und gleichzeitig vermeiden, die Konjunktur abzuwürgen. Das dürfte schmerzhaft werden.

Die US-Notenbank Fed wird die Leitzinsen heute weiter in die Höhe schrauben. Damit wird sie die ohnehin schon schwächelnde Konjunktur noch stärker dämpfen und riskiert, dass die größte Volkswirtschaft der Welt in eine Rezession abrutscht. Doch die Zentralbankern haben keine andere Wahl - sie müssen die heftige Inflation unter Kontrolle bringen, die den höchsten Stand seit 40 Jahren erreicht hat.

Die Inflation hatte in den vergangenen Monaten immer weiter an Fahrt aufgenommen, im Juni lag sie bei 9,1 Prozent. Währenddessen hieß es von den Notenbankern immer wieder, dass die Preissteigerung bald den Höhepunkt überschritten haben dürfte. Das stellte sich allerdings als viel zu optimistisch heraus.

Um die Inflation in den Griff zu bekommen, hatte sich die Fed im März von der jahrelangen Tiefstzins-Politik verabschiedet und die Zinsen erhöht. Im März folgte ein weiterer Schritt. Im Juni legte die Fed nach und erhöhte die Leitzinsen um satte 0,75 Prozentpunkte. So einen großen Schritt hatte es zuletzt 1994 gegeben. Damit liegen die Leitzinsen derzeit in einer Spanne 1,5 bis 1,75 Prozent.

Allgemein wird erwartet, dass die Fed angesichts der hartnäckigen Inflation auch heute eine Erhöhung von 75 Basispunkten verkündet und das Leitzinsniveau auf eine Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent steigt. Damit hat es den sogenannten neutralen Zins erreicht, bei dem die volkswirtschaftliche Aktivität also weder stimuliert noch gebremst wird. Exakt lässt dieser sich zwar nicht beziffern, doch Ökonomen sehen ihn in für die USA bei 2,5 Prozent.

Das heißt: Bei jedem weiteren Zinsschritt der Fed steigt die Wahrscheinlichkeit einer wirtschaftlichen Talfahrt. Höhere Zinsen verteuern Kredite und machen Sparen attraktiver. Unternehmen investieren weniger, Verbraucher geben weniger Geld aus. Das bremst die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und sorgt dadurch tendenziell für geringeren Preisauftrieb.

Die Fed hat ein Problem

Die Fed steckt also in der Zwickmühle: Sie muss die Inflation unter Kontrolle bringen, ohne die Konjunktur abzuwürgen. Einfach wird das nicht. Die US-Wirtschaft war im ersten Quartal auf Jahressicht um 1,6 Prozent geschrumpft. Für das zweite Quartal erwarten Ökonomen im Schnitt, dass das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 0,4 Prozent gewachsen ist. Die offiziellen Daten werden am morgigen Donnerstag veröffentlicht. Sollte die Wirtschaftsleistung gesunken sein, wäre die USA in der Rezession.

Fed-Chef Jerome Powell bemüht sich vor diesem Hintergrund, Entschlossenheit zu demonstrieren: Es sei schlimmer, bei der Wiederherstellung der Preisstabilität zu scheitern, als eine Rezession zu verursachen. Preisstabilität sieht die Notenbank bei einer Inflation von 2 Prozent erreicht. Und davon ist sie weit entfernt.

Powell dürfte mit seiner Rhetorik vor allem ein Ziel haben: Es will eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale verhindern. Sie droht, wenn breite Teile der Bevölkerung davon ausgehen, dass hohe Inflation kein vorübergehendes Phänomen ist. Die Logik dahinter: Arbeitnehmer setzen deshalb höhere Löhne auf breiter Front durch. Unternehmen erhöhen die Preise, um das auszugleichen. Daraufhin steigt das allgemeine Preisniveau weiter - und es kommt zu einer Kettenreaktion. In den USA erhöht der robuste Arbeitsmarkt dieses Risiko. Die Arbeitslosigkeit lag im Juni den vierten Monat in Folge bei 3,6 Prozent.

Die Situation ist für die Fed auch deshalb so kompliziert, weil die Inflation von Faktoren angeheizt wird, auf die sie keinen Einfluss hat: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine macht Energie teurer. Die harten Lockdowns in China wirbeln die weltweiten Lieferketten immer wieder durcheinander, sorgen für Versorgungsengpässe und führen damit zu höheren Preisen. Mit ihrer Zinspolitik kann die Fed weder für flutschende Lieferketten noch für billigeres Gas sorgen. Sie kann nicht diese Angebotsschocks, sondern die Nachfrage beeinflussen.

Walmart verdient weniger

Hinzu kommt, dass Zinserhöhungen mit einer Verzögerung auf die Preise wirken - als Faustregel gilt eine Dauer zwischen 12 und 18 Monaten. Im ungünstigsten Fall schlagen die Fed-Zinsschritte erst dann voll durch, wenn sie die Wirtschaft bereits tief in der Rezession befindet.

Es gibt bereits Anzeichen, wie die hohe Inflation die Wirtschaft ausbremst. Ein Beispiel ist der Einzelhandelsriese Walmart, der ein guter Indikator für den US-Konsum ist. Das Management stellte für das laufende zweite Quartal einen Gewinneinbruch in Aussicht. Im Vergleich zum Vorjahr werde er bis zu 14 Prozent tiefer liegen. Begründung: Wegen der kräftigen Inflation müssen Verbraucher einen größeren Teil ihres Geldes für Benzin und Lebensmittel ausgeben und kaufen beispielsweise weniger Kleidung und Elektroartikel. Führende Unternehmen verschiedener Branchen kündigten an, das Tempo bei Neueinstellungen zu drosseln - darunter der Automobilkonzern General Motors und die Google-Mutter Alphabet.

Quelle: ntv.de

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