Wirtschaft

Zu Besuch in der Krise Was Merkel mit Brasilien vorhat

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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff.

(Foto: picture alliance / dpa)

Schwere Rezession, Korruptionsskandal, heftige Inflation, Massenproteste: Brasilien steckt in großen Schwierigkeiten. Die Kanzlerin fliegt dennoch mit fast halber Ministerriege in das Krisenland. Warum eigentlich?

Das WM-Halbfinale, in dem Deutschland Brasilien mit 7:1 demontierte, ist durchaus sinnbildlich zu verstehen. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Ehrentribüne jubelnd aufspringt, sitzt Präsidenten Dilma Rousseff neben ihr – mit verschränkten Armen und durchaus schlecht gelaunt. Gut ein Jahr ist das her und Rousseff hat auch heute wenig zu lachen.

Das Land leidet unter der schwersten Rezession seit 25 Jahren. Die Arbeitslosigkeit steigt deutlich, die Inflation liegt mit zehn Prozent so hoch wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Die Industrieproduktion ist eingebrochen. Dazu kommt ein Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras, in den auch die regierende linke Arbeiterpartei Rousseffs verstrickt ist. Fast eine Million Menschen gingen am vergangenen Wochenende auf die Straße und forderten die Ablösung der Präsidentin. Ihre Zustimmungswerte sind im Keller.

Regierungskonsultationen

Zu den Regierungskonsultationen in Brasilia wird Kanzlerin Merkel von Vertretern verschiedener Bundesressorts begleitet. Regierungskonsultationen gelten als besonderes Format, dass die Bundesregierung nur mit sehr engen Partnern pflegt. Sie sollen dem Kanzleramt zufolge "dem Ausbau und der Intensivierung der bilateralen Beziehungen dienen und die Zusammenarbeit bei wichtigen globalen Fragern stärken."  Im Mittelpunkt der Konsultationen in Brasilien stehen demnach die Themen Wissenschaft, Technologie und Innovation sowie die Zusammenarbeit im Umwelt- und Klimabereich.

Dass die Kanzlerin zu sogenannten Regierungskonsultationen anreist, unterstreicht, welche Bedeutung Brasilien für die Bundesregierung hat – politisch und wirtschaftlich. Schließlich hat es Regierungskonsultationen außerhalb Europas bislang nur dreimal gegeben: mit Indien, China und Israel.

Das fünftgrößte Land der Erde mit seinen rund 200 Millionen Einwohnern findet sich auf der Liste der deutschen Handelspartner vergleichsweise tief unten – beim Export auf Platz 23 und beim Import auf Platz 22. Hiesige Unternehmen exportierten Waren im Wert von 10,4 Milliarden Euro in die weltweit siebtgrößte Volkswirtschaft, darunter Autos, Maschinen und pharmazeutische Produkte. Die Importe im Wert von 9,2 Milliarden Euro entfielen vor allem auf Kaffee, Eisenerz, Soja, Kupfer und Rohöl.

Die tatsächliche Bedeutung Brasiliens für die deutsche Wirtschaft spiegelt sich nach Angaben des Auswärtigen Amts in der Außenhandelsstatistik allerdings nicht vollständig wider. Viele Unternehmen sind dort teils bereits seit Langem mit Tochterunternehmen aktiv, weshalb die von ihnen umgesetzten Waren konzernintern abgerechnet werden. Paradebeispiel sind die großen Autohersteller.

Die in den 1950er-Jahren gegründete Brasilien-Tochter von VW ist nach eigenen Angaben der größte inländische Autohersteller und eines der größten Privatunternehmen des Landes. Volkswagen do Brasil beschäftigt in vier Werken 20.000 Menschen und baute schon mehr als 22 Millionen Autos für den südamerikanischen Markt - darunter spezielle Schwellenländer-Modelle wie den Gol. Schätzungen zufolge beschäftigen deutsche Firmen in Brasilien rund 250.000 Menschen und tragen zwischen zehn und zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Berlin hofft auf Aufträge

Derzeit bauen etliche deutsche Konzerne ihre Präsenz in Brasilien aus: Vor zwei Monaten weihte der Chemieriese BASF im Bundesstaat Bahia einen rund 500 Millionen Euro teuren Produktionskomplex für Grundstoffe ein, die für Babywindeln, Wandfarben und Klebstoff verwendet werden. Der Autohersteller BMW baut für rund 200 Millionen Euro einen neues Werk im südlichen Bundesstaat Santa Catarina.

Dabei gilt Brasilien nicht unbedingt als leichter Markt für Investoren. Bürokratie, Korruption, hohe Steuern und mangelhafte Infrastruktur machen es Firmen schwer und haben es als "custo brasil" (brasilianische Kosten) zum geflügelten Wort gebracht.

Die Aufnahme der Regierungskonsultationen sind auch ein Zeichen dafür, dass Deutschland Brasilien als politischen Partner will. Die Regierung in Brasília gilt als einflussreich in Südamerika und als Verbündeter Deutschlands, wenn es um eine Reform des UN-Sicherheitsrats geht, in dem beide Länder einen ständigen Sitz anstreben.

Eine bedeutende Rolle spielt Brasilien zudem, wenn es um den internationalen Klimaschutz und die Minderung der Treibhausgasemissionen geht. Eine starke Einsparungszusage Brasiliens auf der Klimakonferenz im Dezember in Paris habe eine Signalwirkung für lateinamerikanische Staaten sowie andere Schwellenländer, lautet die Hoffnung.

Keine 20 Stunden ist die große Regierungsdelegation in Brasília, große Abschlüsse sind nicht geplant. Vielleicht sorgen die 24 Arbeitsgruppensitzungen für die nötigen Kontakte, damit die Bundesregierung einem Ziel näherkommt: Zu gerne würde Berlin mitmischen beim geplanten 57-Milliarden-Euro Investitionspaket zum Ausbau der Eisenbahn-, Hafen- und Flughafen-Infrastruktur, die vielerorts marode ist.

Quelle: ntv.de, mit dpa, AFP