Wirtschaft

Zwischen Zocken und Handeln Was taugen die neuen Billig-Broker?

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Eine Internetverbindung und ein Smartphone - mehr braucht es heute nicht mehr, um Aktien zu kaufen.

(Foto: imago images / imagebroker)

Aktienhandel kinderleicht und unschlagbar günstig für jedermann: Mit diesem Versprechen treten neue Trading-Apps an und gewinnen damit immer mehr neue Kunden. Insbesondere unerfahrene Sparer mit eher kleiner Geldbörse wittern ihre Chance, am Börsenboom teilzunehmen. Doch der Hype birgt auch Risiken.

Bis vor wenigen Jahren hat sich der Handel mit Aktien nur dann gelohnt, wenn der Kauf ein gewisses Volumen hatte. Anleger mussten schon einen Betrag von mindestens 1000 Euro investieren, damit sich Ordergebühren von 10 bis 20 Euro prozentual im Rahmen hielten. Es ergab für junge Menschen und Geringverdiener also wenig Sinn, Geld in Unternehmensanteilen anzulegen. Komplexe Abrechnungsverfahren und eher komplizierte Benutzeroberflächen hielten zusätzlich viele davon ab, ein Aktion-Depot zu eröffnen.

Eine neue Generation von Brokern will das ändern. Ihr Ziel ist es, den Aktienmarkt zu "demokratisieren", also möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Bereits die Namen der Unternehmen wie zum Beispiel "Smart Broker", "Trade Republic" oder "Just Trade" sollen verdeutlichen, dass sich ihr Konzept von dem der traditionellen Banken unterscheidet. Mit geringen oder gar keinen Gebühren und einem intuitiven Design locken die Fin-Techs Menschen auf einen Markt, der für viele lange Zeit als zu komplex erschien.

"Jeder, der ein Depot bei einer großen Bank eröffnet, ist frustriert, warum das so kompliziert ist. Wir versuchen da eben ein anderes, positives Erlebnis zu schaffen" sagt Trade Republic Gründer Christian Hecker im Finanz-Podcast "ExtraETF". Er und zwei Mitgründer haben das Konzept der "Neo-Broker" Anfang 2019 in Deutschland auf den Markt gebracht. Eigenen Angaben zufolge nutzen mittlerweile über 150.000 Anleger das Angebot des Startups aus Berlin. In einer Finanzierungsrunde im April sammelte das Unternehmen 62 Millionen Euro ein. Zu den Investoren gehört unter anderem auch Paypal-Gründer und Starinvestor Peter Thiel. Was macht das Unternehmen für Kunden und Investoren so attraktiv?

Eine Trading-App, die an Instagram erinnert

Was Anbieter wie Trade Republic von gewöhnlichen Banken und Direktbanken unterscheidet, sind ihre außerordentlich geringen Gebühren. Gerade einmal ein Euro pro Aktienkauf verlangt Trade Republic von seinen Kunden, unabhängig von der Höhe des Ordervolumens. Das Angebot können die Kunden dabei ausschließlich per App nutzen. In ihrem Aufbau erinnert sie an soziale Netzwerke wie etwa Instagram. Auch die Anmeldung funktioniert deutlich schneller als bei der etablierten Konkurrenz. Die Identifizierung erfolgt über das sogenannte Video-Ident-Verfahren, bei dem ein Mitarbeiter den eingescannten Personalausweis mit dem Gesicht des Kunden vergleicht.

Ist das Depot eingerichtet, kann der Nutzer 7300 Aktien, 500 ETFs und 40.000 Derivate handeln - also ein eher minimalistisches Handelsangebot bei weltweit über 50.000 Aktiengesellschaften. Das liegt daran, dass Trade Republic ausschließlich Papiere über das elektronische Handelssystem von Lang & Schwarz anbietet. Wer nur mit relativ bekannten und etablierten Unternehmen handeln möchte, ist mit dem App-Broker gut bedient. Ein weiterer Pluspunkt: Bei allen Anbietern ist die Depotführung kostenlos.

Sehr geringe bis keine Gebühren, eine einfache Bedienung und das alles in der Hosentasche: Neo-Broker überzeugen auf den ersten Blick in vielerlei Hinsicht. Doch bergen die Apps auch Nachteile oder sogar Risiken?

In den USA hat sich ein Nutzer des Neo-Brokers Robinhood das Leben genommen, nachdem er fälschlicherweise angenommen hatte, 730.000 Euro Schulden auf der Plattform angehäuft zu haben. Später stellte sich heraus, dass die hohe Summe lediglich ein Anzeigefehler war. Der Student hatte keinerlei Erfahrung mit Aktien und jonglierte trotzdem mit hohen Geldsummen, die er sich nur geliehen hatte. Obwohl sein Selbstmord auf einem fehlerhaften Kontoauszug beruhte, wird dem mit Abstand größten Neo-Broker der Welt vorgeworfen, den Wertpapierhandel mit zu wenig Ernsthaftigkeit zu betreiben. Außerdem würden viele junge oder sehr unerfahrene Menschen zum Zocken animiert, da der Aktienhandel einem Spiel statt seriöser Geldanlage gleiche.

So verdienen die Discounter-Broker Geld

Hendrik Buhrs, Finanz- und Versicherungsexperte bei Finanztip.de, beobachtet schon länger das Geschäftsmodell der Neo-Broker. "Die spielerische Aufmachung kann Nutzer zum "Daytraden" verleiten, also dem An- und Verkauf von Wertpapieren in sehr kurzen Zeitabständen", sagt der Fachmann ntv.de. Diese Art des Anlegens sei jedoch keineswegs nachhaltig: "Studien belegen, dass Anleger mit dieser Strategie auf Dauer keinen Erfolg haben", so Buhrs. Er empfiehlt Anfängern stattdessen zunächst in ETF-Fonds zu investieren, die man in den Broker-Apps ebenfalls kostenlos findet.

Dabei stellt sich die Frage: Wie schaffen es Neo-Broker, ihre Dienstleistungen zu derartigen Konditionen anzubieten?

Discount-Broker wie Trade-Republic verdienen ihr Geld mit sogenannten Rückvergütungen. Das sind Provisionen von den Handelsplätzen dafür, dass eine Order über diesen speziellen Handelsplatz - im Fall von Trade Republic ist es Lang & Schwartz - läuft. Diese "Abwicklungskostenzuschüsse" können mehrere Euro betragen. Von diesem Betrag gehen dann die laufenden Kosten des Neo-Brokers ab. Der Händler minimiert seine Kosten, indem er zum Beispiel auf Bankfilialen und Personal verzichtet. Damit sich das Geschäft lohnt, sind die Unternehmen auf starkes Wachstum angewiesen: Bei einem Aktienkauf liegt der Gewinn für den Händler meist nur in einem kleinen Cent-Bereich.

Wie profitabel das Geschäft bei erfolgreicher Skalierung sein kann, zeigt das US-Beispiel Robinhood. Das ist mittlerweile acht Milliarden Dollar wert und bedient rund 10 Millionen Kunden. Das Unternehmen hat sich zu einem der wichtigsten Broker-Plattformen für Privatkunden in den USA entwickelt.

Davon sind Trade Republic, Smarktbroker und Justtrade in Deutschland zwar noch ein gutes Stück entfernt - die Corona-Krise hat die Nutzerzahlen der Neo-Broker jedoch stark in die Höhe schnellen lassen. Vor allem Trade Republic werden gute Chancen eingeräumt, das deutsche Robinhood zu werden. Als einziger Neo-Broker besitzt das Unternehmen eine Banklizenz und ist damit eine von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht anerkannte Wertpapierbank.

Quelle: ntv.de