Wirtschaft

"Kritik ist berechtigt, aber …" Wie klimaschädlich ist der Bitcoin wirklich?

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Eine Krypto-Farm in Russland.

(Foto: REUTERS)

Der Bitcoin hat ein Problem: Die Kryptowährung gilt als Klimasünder. Der Stromverbrauch lässt sich mit einer westlichen Industrienation vergleichen. Tesla-Chef Musk macht das stutzig und er vollzieht eine Kehrtwende. Doch der Schaden für die digitale Währung ist wohl nicht von Dauer.

So ganz konnte sich Tesla-Chef Elon Musk nicht festlegen. Er finde das Konzept der Kryptowährungen zwar eigentlich gut, aber der Preis für die Umwelt ist zu hoch. Ein Tesla lässt sich deshalb seit Mai nicht mehr in Bitcoin bezahlen. Den Kurs hat diese Nachricht auf eine Achterbahnfahrt geschickt. Ob es Musk wirklich um die Klimabilanz geht, sei dahingestellt. Einen wunden Punkt hat er dennoch getroffen.

Dass die Kryptowährung ein Klimasünder ist, ist unumstritten. Denn um neue Bitcoins zu erzeugen, braucht es sehr viel Strom. Die Cambridge-Universität prognostiziert, dass so alleine dieses Jahr für alle neu entstehende Bitcoins weltweit insgesamt rund 85 Terawattstunden (TWh) aufgewendet werden. Zum Vergleich: Deutschland verbrauchte 2019 rund 612 TWh, Finnland liegt aktuell bei 84,2 TWh jährlich. Der reine Stromverbrauch alleine ist jedoch nicht das Problem.

Christian Stoll von der TU München, der unter anderem am "Center for Energy Markets" zur Klimabilanz von Kryptowährungen forscht, erklärt ntv.de, dass auf der einen Seite durch den hohen Stromverbrauch CO2-Emissionen freigesetzt würden. 2019 lagen die einer Studie zufolge zwischen 22 und 23 Megatonnen Kohlendioxid. Deutschland emittierte im selben Jahr etwas mehr als 700 Megatonnen. Seither solle sich das beim Bitcoin verdreifacht haben. Auf der anderen Seite gibt es den sogenannten "e-Waste". Das ist spezielle, kurzlebige Hardware, die nur zur Herstellung neuer Bitcoins dient.

Entscheidend ist, wo der Strom herkommt

Die Kritik, die auf den Bitcoin hereinprasselt, kommt nicht von ungefähr", sagt Krypto-Experte Philipp Sandner, Leiter des Blockchain-Centers an der Frankfurt School of Finance, ntv.de. Es gebe jedoch ein Aber: "Man kann natürlich immer sofort alles kritisieren, was Strom verbraucht." Wer das Thema ernst meine, dürfe auch nicht mehr im Internet surfen. Die entscheidende Frage sei, woher der Strom komme, sagt Sandner.

Die Währung hat es an sich, dass, umso mehr Krypto-Einheiten im Umlauf sind, desto mehr Strom benötigt wird, um neue zu schürfen. Das sei eine Art Schutzmechanismus für den Bitcoin, weil niemand sonst so viel Strom aufbringen könne. Das mache das Netzwerk nicht angreifbar, erklärt Sandner. Theoretisch geht das auch klimafreundlich. "Dann muss aber sicher sein, dass ausschließlich saubere Energie verwendet und die nicht an anderer Stelle durch fossile Energiequellen kompensiert wird", sagt Forscher Stoll.

Doch dort lauert das nächste Problem. In einem dezentralen System wie der Blockchain, auf die der Bitcoin basiert, sei der Beweis, erneuerbare Energien zu verwenden, teilweise nicht möglich, erklärt Ulrich Gallersdörfer, Wissenschaftler an der Informatikfakultät an der TU München, ntv.de. "Eine grüne Kryptowährung bedeutet, dass alle Teilnehmer, die das Netz nutzen oder betreiben, erneuerbare Energien verwenden oder die entstandenen Emissionen kompensieren." Auch die CO2-Kompensation hat ihre Tücken. Weder sei klar, ob der Strombedarf genau berechnet wurde, noch ob sie auch wirklich ihren Zweck erfülle, sagt Gallersdörfer.

Kurzfristig ein Problem, in der Zukunft wohl nicht mehr

Die Umweltprobleme bringen den Bitcoin aber nicht in Gefahr. "Das schadet dem Bitcoin nicht wirklich. Weil er sich früher oder später weiterverbreiten wird, führt da kein Weg dran vorbei", erklärt Krypto-Spezialist Sandner. Das Bedenken gegenüber den Bitcoin existiere und es sei berechtigt. "Das ist schlecht", sagt er: "Auf kürzerer Sicht führt das zu einer größeren Skepsis und auch Investoren bleiben fern."

Doch Sandner ist davon überzeugt, dass das auf lange Sicht nicht so sein muss. Zum einen geht er davon aus, dass sich in Zukunft große Mining-Anlagen zusammenschließen und bei der Suche nach Kapital auch offenlegen, welche Energiequellen sie verwenden. Investoren würden dann die Anlagen bevorzugen, die auf grüne Energie setzen. Während der Pandemie hat sich das noch nicht überall gezeigt. In den USA schürften plötzlich alte Fracking-Anlagen Bitcoins. "Inwiefern solche Energienutzung grün ist, kann diskutiert werden", sagt Forscher Gallersdörfer.

Zum anderen ist es schlicht eine Frage des Geldes. Schließlich wollen auch Miner Geld verdienen. "Mining ist besonders profitabel, wenn der Strom besonders günstig ist", sagt Sandner: "Der Bitcoin hat eine Tendenz, in der Zukunft mehr grüne Energie zu verbrauchen." Dafür braucht es aber noch viel Zeit: "Das sind Trends, die sich erst ganz langsam durchsetzen werden."

Eine Frage bleibt dennoch

Doch darüber lässt sich streiten. Ob Strom günstig sei oder nicht, hänge nicht nur von der Erneuerbarkeit ab. "Es wurden Kohlekraftwerke reaktiviert, um damit Bitcoin zu minen, da dank Abschreibungen der Strom sehr günstig ist", erklärt Forscher Gallersdörfer. Auch mit den erneuerbaren Energien ist das nicht so einfach. Zwar können Stromüberschüsse etwa von Bitcoin-Minern verwertet werden. Besonders gut funktioniert das mit geothermaler Energie oder Wasserkraft. Doch schwieriger ist es bei Stromquellen, die anfällig für Schwankungen sind, wie etwa Solarenergie. "Miner können ihre Hardware nicht nach Belieben ein- oder ausschalten, da sich sonst die Investitionen nicht lohnen", sagt Gallersdörfer.

Doch das sind eher Probleme der Gegenwart. Schließlich blickt Krypto-Experte Sandner hoffnungsvoll in die Zukunft - und besonders nach Mittelamerika. Dort gibt es ein Experiment, das ihn zuversichtlich stimmt: "Wenn im September in El Salvador erstmalig der Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel eingesetzt wird, wird sich zeigen, ob die Bevölkerung profitiert oder nicht", erklärt er. Dann stelle sich eine Frage: "Was am Ende besser und interessanter ist: Dass eine Technologie Dinge ermöglicht wie etwa 'financial inclusion' von Hunderttausenden Menschen in El Salvador oder auch die Möglichkeit, Werte zu transferieren, ohne dass man jemand um Erlaubnis fragen muss. Das können sehr wertvolle Errungenschaften werden, für die man den Stromverbrauch möglicherweise hinnehmen muss."

Quelle: ntv.de

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