Wirtschaft

Investor sammelt Millionen einWie viel KI ist nur Hype, Herr Maschmeyer?

31.01.2026, 10:14 Uhr
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Carsten Maschmeyer. (Foto: picture alliance / ABBfoto)

Carsten Maschmeyer will mit einem neuen Fonds in Künstliche Intelligenz investieren. In welche KI-Startups fließt das Geld? Der Investor spricht im Interview mit ntv.de über die Gefahr von "Fake-KI" und ob hinter einer schicken Fassade echte Technologie oder nur fleißige Tipparbeit steckt.

ntv.de: Künstliche Intelligenz ist ein beherrschendes Thema - an den Finanzmärkten, in Büros, im Alltag. Ihr Frühphasenfonds seed+speed Venture hat 90 Millionen Euro eingesammelt, um in europäische KI zu investieren. Wie viel von dem, was wir aktuell erleben, ist eigentlich Hype, und wie viel nachhaltige Substanz?

Carsten Maschmeyer: Es herrscht bei KI durchaus eine gewisse Goldgräberstimmung. Wie beim echten Gold trägt die Angst, etwas zu verpassen, derzeit zu den Rekordkursen bei. Bei KI gibt es viel Euphorie, aber auch sehr viel Substanz. Wir haben heute nicht eine Situation wie damals bei der Blase am Neuen Markt.

Was macht Sie da so sicher? Damals wie heute floss massiv Kapital in ungetestete Geschäftsmodelle.

Damals reichten fast ausschließlich hohe Nutzerzahlen. Umsatz oder gar positive Margen waren völlig nebensächlich. Heute dagegen stehen die ganz großen Investitionen auf solider Grundlage. Microsoft, Meta, Amazon, Apple oder Google machen Hunderte Milliarden Gewinn. Die können mit ihrer Finanzkraft locker Hunderte Milliarden Dollar in KI-Entwicklung und in die erforderliche Infrastruktur stecken. Bei Startups ist das anders. Einige von denen versuchen eine besonders hohe Bewertung mittels Dreisatzes zu erzielen, in dem sie ihre ersten Umsätze in Anlehnung an Giganten wie OpenAI interpolieren. Das wird auf Dauer nicht gutgehen und in der Folge bei diesen Startups zu Abwertungen führen, teilweise drastisch.

Das Label "KI" klebt heutzutage fast überall drauf. Wie unterscheiden Sie echte Innovation von Marketing?

Wir betreiben einen sehr umfangreichen Auswahlprozess und eine sehr intensive Due Diligence. Im vergangenen Jahr haben wir 4500 Ideen gesichtet, aber nur siebenmal investiert. Zuerst fliegen diejenigen raus, die KI nur als Buzzword nutzen, um die Bewertung künstlich nach oben zu treiben. Dann sortieren wir die Startups aus, die lediglich Open-Source-Lösungen ohne eigenes geistiges Eigentum nutzen. Schließlich überprüfen wir die technische Infrastruktur, um "Fake-KI" zu entlarven. Wir haben schon Startups gesehen, wo das Frontend nach AI und Top-Algorithmen aussah, aber bei denen im Hintergrund Werkstudenten fleißig in die Tasten hauen.

In welche Firmen investiert ihr Fonds?

seed+speed hat sich auf B2B-Software spezialisiert. Also auf Software, die Unternehmen hilft, bei ihren Geschäftsabläufen Kosten, Zeit, Personal und Nerven zu sparen. Produkte für Endverbraucher meiden wir, beispielsweise weil Apps oft kurzfristig gekündigt werden können. Wir investieren besonders gerne in Nischen, die Ingenieurskunst mit KI verbinden. Ein Beispiel ist das Kölner Startup United Manufacturing Hub, das Systeme in Fabriken vernetzt. Ein anderes ist Cerpro, das technische Zeichnungen per KI analysiert und die Prüfplanerstellung um 70 Prozent beschleunigt. Wir suchen die Hidden Champions von morgen, die ihre Nische dominieren werden. Wir investieren in Firmen, die bereits zahlende Kunden haben - etwa europäische Großkonzerne wie Lufthansa oder Shell. Bei den Follow-On Investments beachten wir unsere klaren Risikomanagement-Regeln. Wir investieren nur in die Gewinner in unserem Portfolio, um deren Internationalisierung und Expansion voranzutreiben. Was wir nicht machen: strauchelnde Startups restrukturieren und mit weiterem Geld vor der Insolvenz zu retten. Meist ist diese dann nur verschoben.

Sie investieren sowohl in Europa als auch in den USA. Wo liegen die entscheidenden Unterschiede?

In den USA herrscht das Motto "Grow and Go". Es gibt kaum Datenschutz-Hürden und AI-Einschränkungen, was etwa bei Innovationen ein massiver Vorteil ist. In der Europäischen Union hingegen haben wir eine "Bürokratie-Union". Während US-Gründer oft schon Umsatz erzielen, warten deutsche Gründer, die zum gleichen Zeitpunkt ihre Idee hatten, immer noch auf Genehmigungen. Wir investieren zwar europäisch - wie in Stockholm, Zürich oder Amsterdam - dennoch bleiben die USA für die schnelle Skalierung unschlagbar. Unsere europäischen Startups drängen heute viel schneller auf den US-Markt, weil dort unter anderem die steuerlichen Bedingungen für Mitarbeiteranteile attraktiver sind und es weniger Regularien gibt.

Viele Menschen fürchten, dass KI ihre Jobs ersetzt. Wie gehen Sie mit dieser Angst um?

Jede technologische Revolution hat Jobs verändert - der Webstuhl, die Industrialisierung, das Internet. Selbst im Silicon Valley gibt es Angst vor Jobverlust, beispielsweise auch bei KI-Entwicklern, die selber fürchten, durch KI ersetzt zu werden. KI wird Jobs verändern. Einige verschwinden, andere entstehen. KI wird vor allem repetitive Aufgaben übernehmen, etwa in der Verwaltung. Ein Personalausweis könnte vollautomatisch verlängert werden, sodass Mitarbeiter in Bürgerämtern Zeit für echte menschliche Belange haben. KI soll uns unterstützen und uns ermöglichen, mehr von dem zu machen, was den Menschen auszeichnet, wie Empathie und Kreativität. Die Kombination aus Mensch und Maschine wäre die ideale, schnelle und bürgergerechte Verwaltung der Zukunft.

Wie setzen Sie KI bei der Maschmeyer Group ein?

Wir haben eine eigene Researchsoftware. Damit wir kein vielversprechendes Investment übersehen, durchforstet sie systematisch und kontinuierlich Quellen wie Crunchbase, das Handelsregister und zahlreiche Medien. Die Software dient als Frühwarnsystem, um plötzliche Entwicklungen bei Startups zu identifizieren - etwa, wenn auf Linkedin zu sehen ist, dass eine Firma massiv Stellen aufbaut, oder bei Insta die Impressionen plötzlich explodieren. Die KI filtert die Ergebnisse nach festen Kriterien. Sie sortiert etwa Consumer-Produkte sowie Unternehmen mit Hauptsitz in China direkt aus. In China investieren wir nicht, weil wir nicht wissen, ob wir unser Geld jemals wieder rausbekommen oder sie einfach selbst die Idee kopieren. Auch bei der Due Diligence und anderen Analysen unterstützt die KI, um unsere Investment- und Entscheidungsprozesse zu präzisieren und zu beschleunigen.

Und wenn Sie sich eine KI-Anwendung für Ihr Privatleben wünschen könnten?

Ich wünsche mir eine KI, die den Jetlag verschwinden lässt - auch wenn das unrealistisch klingt. Wer zwischen Europa und dem Silicon Valley pendelt, hat oft mit den neun Stunden Zeitunterschied zu kämpfen; das steckt man nicht einfach so weg. Zudem fehlt mir eine App für die wirklich langen, anstrengenden Tage. Unser Schöpfer - quasi der 'Gründer des Startups Homo Sapiens' - hat da nämlich einen Produktfehler eingebaut: Wenn wir völlig überdreht sind, schlafen wir paradoxerweise auch noch obendrein besonders schlecht. Ich hätte gerne eine KI, die genau hier eingreift: Gerade, wenn ein Arbeitstag extrem lang und anstrengend war, würde ich gerne schnell einschlafen und tief durchschlafen können.

Mit Carsten Maschmeyer sprach Jan Gänger

Quelle: ntv.de

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