Wirtschaft

Spekulatives Geschäft Windpark-Pläne spalten Branche

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Im Jahr 2015 lieferten Windparks circa 13 Prozent der Bruttostromerzeugung in Deutschland.

(Foto: picture alliance / Jens Büttner/)

Der Subventionsbedarf für deutsche Offshore-Windparks sinkt. Wenn aber kein Geld mehr aus der EEG-Umlage fließen soll, muss dieses Finanzierungsloch anderweitig gefüllt werden. Neben Strompreiserhöhungen stehen noch weitere Faktoren zur Auswahl.

Die Bundesnetzagentur hat kurz vor Ostern mit einer Nachricht überrascht, die in der Windenergie-Branche als Sensation gilt: Bei der ersten Ausschreibung für Offshore-Windparks waren drei Projekte unter den Gewinnern, die keine öffentlichen Subventionen mehr beanspruchten. Das Rennen machten ein Riesenwindpark des Energiekonzerns EnBW mit 900 Megawatt Leistung und drei kleinere des dänischen Konkurrenten Dong. Nur der kleinste dieser Windparks mit 110 Megawatt Leistung benötigt sechs Cent je Kilowattstunde aus der EEG-Umlage.

Im Durchschnitt reduziert sich damit der Subventionsbedarf auf 0,44 Cent je Kilowattstunde. Sensationell ist diese Rechnung insofern, dass die Offshore-Windenergie damit erstmalig wettbewerbsfähig ist. Gegenwärtig bekommen Windparks vor den deutschen Küsten 18,4 Cent je Kilowattstunde Strom, den sie ins Netz einspeisen. Dadurch verteuert sich über die EEG-Umlage der Strom für die Endverbraucher in Deutschland.

Sogleich fordern Branchenvertreter und norddeutsche Politiker, verstärkt auf den Ausbau der Offshore-Windkraft zu setzen. "Offshore muss deutlich stärker als bisher vorgesehen zur Energiewende beitragen", findet etwa Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies. "Die aktuelle Deckelung des Ausbaus durch die Bundesregierung ist bei diesen Ergebnissen nicht mehr haltbar und sollte kurzfristig deutlich angehoben werden." Windenergie ist mit circa 13 Prozent Anteil am Bruttostromerzeugnis die mit Abstand wichtigste regenerative Energie auf dem deutschen Strommarkt.

Bundesregierung dezimiert Offshore-Ausbau

Der frühere Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel war beim Ausbau der Windparks in der Nord- und Ostsee auf die Bremse getreten, um den Anstieg des Strompreises in Schach zu halten. Waren ursprünglich einmal 10 Gigawatt Leistung bis 2020 und 25 Gigawatt bis 2030 vorgesehen, so schraubte Gabriel diese Ziele auf 6,5 Gigawatt bis 2020 und 15 Gigawatt bis 2030 zurück.

Rein rechnerisch beläuft sich das auf zwei mittlere Windparks jährlich weniger in den 2020er Jahren - zu wenig für eine dynamische Entwicklung, heißt es aus der Branche. Gegenwärtig kommen die rund 1000 aktiven Windkraftwerke auf See auf eine Leistung von gut vier Gigawatt.

Das Ergebnis der Ausschreibung hat allerdings auch kritische Stimmen hervorgerufen. "Damit ist ein Risiko verbunden", sagt Patrick Graichen, Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende. "Die Bieter gehen davon aus, dass die Strompreise am Großhandelsmarkt deutlich steigen." Dazu werde es jedoch nur kommen, wenn Kohlekraftwerke vom Markt gehen und CO2-Zertifikate teurer werden. Selbst der Bundesverband Windenergie (BWE), der traditionell eher an die mittelständischen Windbauern denkt, äußert sich kritisch. "Die Erwartungen insbesondere staatlicher Anteilseigner führen zu einem stark risikoorientierten Verhalten", erklärt BWE-Präsident Hermann Albers. Es sei mutig und hoch spekulativ, Windkraftanlagen der Zehn-Megawatt-Klasse zur Grundlage der Kalkulation zu machen. Sollten die Erwartungen sich nicht erfüllen, würden die Windparks trotz des Zuschlags vielleicht nicht gebaut.

Effektivere Technik statt hohe Strompreise

EnBW und Dong fühlen sich dagegen auf der sicheren Seite. Die Windparks, die erst in den Jahren 2024 und 2025 realisiert werden, könnten deutlich günstiger gebaut werden als heute. "Wir spekulieren nicht auf den Strompreis, sondern wir haben die Kostensenkungen mit unseren Zulieferern selbst in der Hand", heißt es bei Dong. Allein in den vergangenen vier Jahren seien die Kosten für einen Windpark um 50 Prozent gesunken. Bis zur endgültigen Investitionsentscheidung 2021 seien weitere Fortschritte zu erwarten.

Dong baut in diesem Jahr den ersten Offshore-Windpark mit Acht-Megawatt-Anlagen. Bis 2024 rechnet der dänische Konzern mit Anlagen, die 13 bis 15 Megawatt Leistung bringen. Bislang waren 3,8 bis fünf Megawatt der Standard. Auch EnBW setzt eher auf Kostensenkung durch effektivere Technik als auf hohe Strompreise. "Die dem Gebot zugrundliegenden Strompreisannahmen bewegen sich auf einem moderaten Niveau", sagt der zuständige EnBW-Manager Dirk Güsewell. "Unsere Planung fußt auf umfangreichen Marktanalysen und einem intensiven Austausch mit der Zulieferindustrie."

Regierung und Parteien in Berlin wollen vor der Bundestagswahl wohl nicht mehr neu über die Offshore-Zukunft nachdenken. "Die Ausbauziele für Offshore-Wind sind im EEG 2017 festgelegt und gelten", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. "Das EEG 2017 wurde erst im letzten Jahr mit Zustimmung des Bundestages und Bundesrates reformiert und dort auch eine Zieldiskussion geführt." Damit dürfte das Thema erst in der nächsten Wahlperiode wieder auf der Tageordnung stehen.

Quelle: ntv.de, dpa/lou