Wirtschaft

Nach dem großen Crash Wirecard-Aktie als Schnäppchen ungeeignet

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Keiner will ein Unternehmen kaufen, dessen Umsätze sich in Luft auflösen.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die Wirecard-Aktie wird nach Lage der Dinge bald ein Pennystock werden. Manch ein Anleger könnte schwach werden und sich das Schnäppchen-Papier in sein Depot holen. Doch von der Aktie sollte man besser die Finger lassen.

Antizyklisches Investieren hat Tradition. Nathan Mayer Rothschild, Sohn des berühmten Bankiers, hat bereits im 19. Jahrhundert gesagt: "Man muss kaufen, wenn Blut in den Straßen fließt." Investorenlegenden sind mit diesem Prinzip reich geworden, Waren Buffett etwa, der dem Motto folgte: "Sei ängstlich, wenn andere gierig sind und gierig, wenn andere ängstlich sind." Demnach müsste man eigentlich jetzt in die Wirecard-Aktie investieren.

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Das Tech-Unternehmen, das am Donnerstag Insolvenz angemeldet hat, scheint mit einem Preis zwischen derzeit ein und zwei Euro je Aktie tatsächlich erschwinglich. Und was ist, wenn sich ein oder gar zwei Kaufinteressenten melden und es zu einer Bieterschlacht kommt? Dann würde der Preis signifikant steigen. Doch so einfach ist es nicht.

Zwar ist es in den vergangenen Jahren zu milliardenschweren Übernahmen unter Bezahldienstleistern gekommen. Paypal hat 2019 Honey für vier Milliarden US-Dollar gekauft, Fisery für 22 Milliarden Dollar First Data übernommen und Fidelity National Information System hat für Worldpay sogar 43 Milliarden Dollar auf den Tisch gelegt. Aber was ist die Technologie von Wirecard wert? Hedgefondsmanager Christopher Hohn vertritt dazu eine klare Meinung: "Wirecard hat in meinen Augen keine Assets, die als Übernahmekandidat attraktiv wären. Alle Kunden werden zu anderen Anbietern wechseln. Und aus meiner Sicht hat Wirecard keine einzigartige Technologie, es gibt viele andere Wettbewerber."

Keiner will ein Unternehmen kaufen, dessen Umsätze sich in Luft auflösen. Und der Verkauf von profitablen Beteiligungsgesellschaften würde den Wert des Wirecard-Konzerns verringern und damit eher einen negativen Effekt auf den Aktienkurs haben.

Bieterschlacht wird wohl nicht stattfinden

Stand heute wird sich für die attraktivste Tochter aus dem Geschäftsbericht 2018 kein Käufer finden lassen: Die Cardsystems Middle East führt darin mit rund 238 Millionen Euro die Gewinnrangliste der 43 Tochtergesellschaften an. Aber sie ist in die umstrittenen Drittpartnergeschäfte verwickelt, das will sich wahrscheinlich niemand ans Bein binden. Die Töchter Wirecard Technologies (Gewinn 2018: 130 Millionen Euro) und Wirecard Bank (Gewinn 2018: 1,3 Millionen Euro) sind nicht so erfolgreich, als dass jemand einen Milliardenbetrag dafür hinblättern würde.

Eine Bieterschlacht ist also äußerst unwahrscheinlich. Natürlich kann der Aktienkurs zwischenzeitlich steigen. Etwa, wenn sich Leerverkäufer mit Aktien eindecken, um damit ihre Vertragspflichten zu erfüllen. Aber am wahrscheinlichsten endet ein Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt im Totalverlust. Denn auch ein ordentlicher Schadensersatz, den der jetzt als Insolvenzverwalter bestellte Münchner Anwalt Michael Jaffé mit Klagen gegen ehemalige Vorstände, Aufsichtsräte oder Wirtschaftsprüfer herausschlagen könnte, ginge natürlich nur an Aktionäre, die schon vor langer Zeit eingestiegen sind ­- als Wirecard noch eine goldene Zukunft vor sich zu haben schien. Alle anderen, die jetzt noch einsteigen, können daran nicht mehr glauben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Capital.de. Überarbeitet am 28. Juni 2020.

Quelle: ntv.de