Wirtschaft

"EZB steht bei Brexit bereit" Zentralbankchef warnt vor Finanzbeben

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François Villeroy de Galhau: "Falls notwendig steht die EZB bereit, zu handeln."

(Foto: REUTERS)

Stimmen die Briten für einen EU-Austritt, wird es turbulent für Wirtschaft und Finanzmärkte, prognostiziert Frankreichs Notenbankchef de Galhau. Jemand muss die Kontrolle übernehmen. Vor allem, wenn es die Bank of England alleine nicht schafft.

Ein britischer EU-Austritt würde nach Meinung von Frankreichs Zentralbank-Präsident François Villeroy de Galhau große wirtschaftliche Risiken in ganz Europa heraufbeschwören. Sofern beim Referendum am 23. Juni eine Mehrheit der Menschen im Vereinigten Königreich dafür stimme, dürfte dies erhebliche Folgen haben, sagte der Pariser Notenbanker der "Welt am Sonntag".

"Falls es unglücklicherweise zu einem Brexit kommen sollte, wird dies kurzfristig für Instabilität auf den Finanzmärkten sorgen." Danach werde sich die Frage stellen, wie Finanzgeschäfte im gemeinsamen Binnenmarkt weiter ablaufen sollen, erklärte de Galhau im Interview. "Und er würde natürlich Konsequenzen für den Finanzplatz London nach sich ziehen."

Großbritannien ist nicht Mitglied der Eurozone, ein Ausscheiden aus der EU hätte aus Sicht vieler Ökonomen negative Folgen für das Wachstum und den stark vernetzten innereuropäischen Handel sowie den Kapitalverkehr.

Zu den größten Verlierern eines Brexit werden Banken und Finanzhäuser zählen. London ist neben New York der größte Finanzplatz der Welt. Die britische Hauptstadt ist nicht nur weltweiter Marktführer im Derivate- und Devisenhandel, sondern auch Europas größter Standort für Hedgefonds und Private-Equity-Firmen. Das bedeutet umgekehrt, dass Großbritannien seine Wirtschaftskraft wie kaum eine andere Industrienation auf den Finanzsektor stützt.

Mit acht Prozent hat der britische Finanzsektor einen überproportional hohen Anteil an der Gesamtwertschöpfung, womit er auch überproportional zum Steueraufkommen beiträgt. Gibt es nach einem Brexit Probleme, wäre vorrangig die Bank of England (BoE) gefordert, sagte de Galhau. Falls notwendig, stehe auch die Europäische Zentralbank (EZB) bereit, um zu handeln.

"Keine südeuropäische Marotte"

Die EZB steht wegen ihrer Geldpolitik zunehmend unter kritischer Beobachtung. Auch große Geschäftsbanken äußerten zuletzt Skepsis an der Wirksamkeit ihrer Strategie. "Nach sieben Jahren immer aggressiverer geldpolitischer Maßnahmen wird es deutlich, dass sie die langfristige Stabilität der Eurozone riskiert, wenn sie weiter auf eine breite quantitative Lockerung und negative Zinsen setzt", hieß es etwa bei Analysten der Deutschen Bank.

Auch der Kapitalmarktexperte der Baader-Bank, Robert Halver, sieht die EZB-Strategie kritisch. "Auch dieses neue geldpolitische Husarenstück wird nicht die Trendwende von Unternehmensinvestitionen in der Eurozone bewirken", sagt er mit Blick auf die Firmenanleihen.

Im Bemühen um Wirtschaftswachstum und Inflation hatten die Währungshüter den Leitzins im Euroraum auf null gedrückt und Anleihekäufe beschlossen. Zuletzt wurde das Programm auf Papiere privater Firmen ausgeweitet. Kritiker sagen, die EZB weiche damit von ihrem geldpolitischen Mandat ab, zumal die Strategie bislang nicht aufgeht. Die Inflation hat bisher nicht angezogen.

De Galhau nahm EZB-Chef Mario Draghi in Schutz: "Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, das ernsthaft glaubt, dass die aktuelle Geldpolitik der EZB dadurch bestimmt wird, dass ihr Präsident ein Italiener ist." Auch den Vorwurf, die EZB könne zu einem Akteur in der europäischen Industriepolitik werden, weil bestimmte Unternehmen vom Aufkauf ihrer Anleihen profitierten, wies er zurück. Nicht Länderinteressen, sondern das Wohlergehen der 340 Millionen Bürger in der Euro-Zone" sei für die Entscheidungen der EZB ausschlaggebend. Die Geldpolitik sei keine "südeuropäische Marotte".

De Gelhau beteuerte, es gebe klare Grenzen für die EZB. Das gelte dafür, "wie negativ" Zinsen sein dürften. Das gelte aber auch für die Idee des Helikoptergeldes. "Das Thema steht nicht zur Debatte", sagte er im Interview. Die europäische Zentralbank müsse ihre Politik wohl aber besser erläutern.

Viel Erklärungsbedarf dürfte es auch bei Maßnahmen im Falle eines Brexit geben.

Quelle: n-tv.de, ddi/dpa

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