Wirtschaft

Zahl der Anleger gestiegen Zinsflaute treibt Deutsche aufs Börsenparkett

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Einmal im Jahr laden börsennotierte Unternehmen zum Treffen der Aktionäre.

(Foto: imago/Stefan Zeitz)

Festgeld und Sparkonto bringen seit Jahren praktisch keinen Ertrag mehr. Wer sein Guthaben vermehren will, kann Aktien und Fonds kaum noch aus dem Weg gehen. Und so klettert die Zahl der deutschen Kleinanleger auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt.

Trotz der Börsenturbulenzen haben sich im vergangenen Jahr wieder mehr Kleinanleger in Deutschland an den Aktienmarkt getraut. Die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen stieg im Jahresschnitt um etwa 250.000, wie das Deutsche Aktieninstitut (DAI) mitteilte. Insgesamt besaßen rund 10,3 Millionen Bürger, die älter sind als 14 Jahre, Anteilsscheine von Unternehmen oder Aktienfonds. "Damit erreicht die Zahl der Aktienbesitzer den höchsten Wert seit 2007", erläuterte DAI-Chefin Christine Bortenlänger. 

Ein Grund für den Anstieg dürften die anhaltenden Niedrigzinsen sein. Klassische Sparformen werfen kaum noch etwas ab. Rund jeder sechste Bundesbürger war im vergangenen Jahr in der einen oder anderen Form in Aktien investiert. Anleger interessierten sich vor allem für Fonds-Anteile, die Zahl der Besitzer stieg um 617.000. Dagegen sank die Zahl der direkten Aktionäre um 373.000 auf gut 4,5 Millionen.

Das Börsenjahr 2018 bereitete Anlegern allerdings wenig Freude. Ab Mitte Juni ging es mehr oder minder bergab. Der deutsche Leitindex Dax büßte insgesamt mehr als 18 Prozent ein und verzeichnete damit das verlustreichste Jahr seit der internationalen Finanzkrise 2008. Wie sich dieser Rückgang auf das Verhalten der privaten Anleger auswirkt, darüber geben die DAI-Zahlen keinen Aufschluss. 

Trotz des vierten Anstiegs in Folge sind die Aktionärszahlen von den Zeiten der Börseneuphorie zu Beginn des neuen Jahrtausends noch ein gutes Stück entfernt: 2001 gab es in Deutschland fast 13 Millionen Aktionäre. Das Platzen der New-Economy-Blase am Neuen Markt verschreckte jedoch viele Kleinanleger nachhaltig. Ob die Deutschen inzwischen auf dem Weg sind, ein Volk von Aktionären zu werden, ist nach Einschätzung des DAI keineswegs ausgemacht. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Industrieländern eine vergleichsweise niedrige Aktionärsquote. In den USA beispielsweise fördert der Staat aber Alterssicherung über den Kapitalmarkt stärker.

Regionales Gefälle

Die größte Affinität zu Aktien besitzen aktuell die Altersgruppen der 40 bis 49-Jährigen und der 50 bis 59-Jährigen mit jeweils 20,5 Prozent beziehungsweise 18,8 Prozent der jeweiligen Bevölkerungsgruppe. Dahinter kommen die Menschen ab 60 Jahre mit 17,6 Prozent. 14 bis 39-Jährige kommen hingegen nur auf 11,1 Prozent.

"Jüngere Menschen haben zu Anfang ihres Berufslebens in der Regel weniger Einkommen und geringeren finanziellen Spielraum", schreibt das Aktieninstitut in seiner Studie. "Sie verfolgen tendenziell kurzfristigere Sparziele und sind deswegen weniger in Aktien investiert."

Unterschiede gibt es auch in den Regionen. So besitzen 17,1 Prozent der Westdeutschen Aktien, während es in Ostdeutschland nur 12,3 Prozent sind. Das West-Ost-Gefälle ist laut Institut zum Großteil auf die Unterschiede in der Wirtschaftskraft und die daraus resultierenden Einkommensunterschiede zurückzuführen. So gilt: Je reicher Menschen sind, desto mehr Aktien besitzen sie. Bei Bürgern mit einem Einkommen von mehr als 4000 Euro netto im Monat besitzt fast jeder Dritte Unternehmensanteile oder Fonds, bei einem Einkommen unter 2.000 Euro nur noch sechs Prozent.

Deutsche lieben ihre Bargeld-Einlagen

Nach wie vor stehen bei den Menschen Bargeld und Einlagen bei Banken, zum Beispiel Giro-, Tagesgeldkonten oder Festgeldkonten, hoch im Kurs. Und das, obwohl Banken und Sparkassen - wenn überhaupt - nur noch spärliche Zinsen bieten. Unter dem Strich verlieren die Sparer bei steigender Inflation sogar Geld. Der Vorteil aus Sicht der Verbraucher: Bei Bedarf können die Bestände rasch umgeschichtet werden.

Ende September 2018 steckten der Deutschen Bundesbank zufolge 2405 Milliarden Euro in Bankeinlagen oder wurden als Bargeld aufbewahrt, 31,5 Milliarden kamen im dritten Quartal hinzu. Fast ebenso hoch auf der Beliebtheitsskala der privaten Haushalte stehen Lebensversicherungen und andere Vorsorge fürs Alter.

Allerdings wurde mehr in Aktien investiert. Der Bundesbank zufolge stiegen die Aktienbestände und sonstige Anteilsrechte im Vergleich zum zweiten Quartal auf den Gesamtwert von 643,8 Milliarden Euro. Dazu kamen 595,7 Milliarden Euro in Investmentfonds.

Zuversichtlich stimmt das DAI, "dass der Aufwärtstrend der vergangenen Jahre alle Bevölkerungsgruppen erfasst hat und auch die jüngeren Jahrgänge stärker an Aktien interessiert sind". Wer stärker auf Aktien und Aktienfonds setze, erziele langfristig höhere Erträge und könne damit leichter für das Alter vorsorgen, warb das DAI.

Das Deutsche Aktieninstitut vertritt Interessen von börsennotierten Aktiengesellschaften, Banken, Börsen und Investoren. Die Angaben basieren auf einer Umfrage der Marktforscher von Kantar TNS. Diese befragen jährlich etwa 28.000 Anleger im Alter von mindestens 14 Jahren nach ihrem Anlageverhalten.

Quelle: n-tv.de, jwu/dpa/AFP

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