Wirtschaft

Spiegels Snap nimmt erste Hürde Zuckerbergs Albtraum geht an die Börse

Bescheidenheit ist nicht seine Sache. Snapchat-Gründer Spiegel gilt eher als reicher Schnösel. Jetzt wird der Rivale von Facebook-Chef Zuckerberg noch mal reicher. Der Börsengang seiner "Kamera"-Firma Snap bringt mehr Geld ein als gedacht.

Evan Spiegel sieht eher aus wie der Sänger einer Boygroup und nicht wie ein knallharter Unternehmer. Unterschätzen sollte man den Snapchat-Mitbegründer und Firmenchef deshalb aber nicht. Der 26-Jährige setzt seit fünf Jahren Meilensteine in der digitalen Nachrichtenwelt. Und selbst wenn seine Firma noch nie Geld verdient hat, hat er prächtig mit ihr verdient. Am heutigen Donnerstag bringt der Self-Made-Milliardär die Mutter seiner Foto-App, Snap, an die Börse. Und das wird ihn nochmals reicher machen.

Mit 158 Millionen Nutzern ist Spiegels Firma zwar ein Winzling im Vergleich zu Facebook. Aber die Aussicht auf einen starken Rivalen hat offenbar die Anlegerfantasien entfacht. Denn der Börsengang der Firma hinter der Foto-App bringt mehr Geld ein als gedacht. Snap setzte den Ausgabepreis auf 17 Dollar fest - und damit über der zuvor abgesteckten Spanne von 14 bis 16 Dollar. Die Platzierung erreicht damit ein Volumen von 3,4 Milliarden Dollar. Der Börsenneuling wird insgesamt rund 24 Milliarden Dollar wert sein. Es ist der größte US-Börsengang seit die chinesische Handelsplattform Alibaba 2014 ihre Aktien platzierte. Der New Yorker Börse war es im Vorfeld des Börsendebüts einen Probelauf wert, um sicherzustellen, dass die Systeme das erwartete Handelsvolumen bewältigen können. Beim Börsengang von Facebook 2012 war es damals an der Technologiebörse Nasdaq zu Problemen gekommen.

Spiegel und sein Mitgründer und Freund aus Studienzeiten, Bobby Murphy, dürften schon jetzt höchstzufrieden sein. Der Börsengang macht sie offiziell zu Multimilliardären. Der Erfolg war so nicht absehbar. Der Börsenprospekt hatte erstmals Zahlen veröffentlicht und damit auch Schwachstellen im Geschäft offengelegt. Eine halbe Milliarde Dollar Jahresverlust beim Mutterkonzern Snap und dazu auch noch Aktien ohne Stimmrechte haben die Investoren offenbar aber nicht abgeschreckt.

Der jüngste Self-Made-Milliardär aller Zeiten, wie Forbes ihn 2015 nannte, ist ein Überflieger. Zuckerberg witterte das bereits vor drei Jahren. Damals wollte er Snapchat für drei Milliarden Dollar kaufen. Doch Spiegel lehnte ab. Eine schwere Schlappe für Zuckerberg. Seitdem sitzt er Spiegel im Nacken. Ob mit dem neuen Status-Feature für Whatsapp, der Instagram Story oder dem Snapchat-ähnlichen Feature "Messenger Day" im Facebook-Messenger: Zuckerberg kopiert die Ideen des kleineren Konkurrenten Snapchat seitdem schamlos.

Und das mit Erfolg, wie die Zahlen von Snapchat ebenfalls verraten: Das früher rasante Wachstum der Nutzerzahlen stockte Ende vergangenen Jahres - auch wegen Facebook und Instagram. Snapchat hatte im Schlussquartal 2016 im Schnitt rund 158 Millionen User am Tag. Im Vergleich zum dritten Quartal kamen nur noch fünf Millionen Nutzer hinzu. Trotzdem wird Snapchat als einer der wenigen Plattformen zugetraut, die Dominanz von Facebook bei Online-Netzwerken zumindest aufzuweichen.

Flüchtig wie die reale Welt

Die Biografien von Spiegel und Zuckerberg zeigen zwar einige Parallelen - beide sind Studienabbrecher - aber grundsätzlich wollen sie etwas anderes. Snapchats Markenzeichen ist vor allem seine Flüchtigkeit. Im Unterschied zu einer Selbstdarstellungs-Plattform wie Facebook sind die Botschaften spätestens 24 Stunden später verschwunden - viele Nutzer wissen das zu schätzen. Für Spiegel symbolisiert dies die wahre Welt der Kommunikation.

Facebook dagegen, das 2009 und zwei Jahre vor Gründung der Foto-App Snapchat den Like-Button erfand, war für den Jungunternehmer der Inbegriff des sozialen Drucks. Menschen erfanden Welten mit dem Ziel, so viele Likes wie möglich zu erhalten. Gier nach Anerkennung war nicht nach Spiegels Geschmack. Er bevorzugte flüchtige Momentaufnahmen. Neben der Schnelllebigkeit wollte er Kreativität und Spaß bei den Botschaften auf seiner Plattform. Es sollte bewusst albern zugehen.

Auch Tiefgründigkeit war nie ein Thema für ihn. Er wollte die Welt nie besser machen, wie Zuckerberg. Er wollte keine Informationen sammeln wie Google oder das Internet in die hinterletzte Ecke der Welt bringen. Spiegel bedient überhaupt keine Klischees der Silicon-Valley-Avantgarde.  Wahrscheinlich hat er sich auch aus diesem Grund gar nicht erst in dem kalifornischen High-Tech-Tal angesiedelt. Die Snap-Büros befinden sich zerstreut im Westen von Los Angeles, im Stadtteil Venice Beach. Dort, wo Surfer, Strandschönheiten und Hollywood zu Hause sind. Aus seiner Vorliebe für Statussymbole macht er keinen Hehl. Er fährt Ferrari, fliegt Hubschrauber und wohnt in einer Villa in Los Angeles für zwölf Millionen Dollar.

"Evan redet nicht viel"

Kommunikation sei überhaupt nicht seine Sache, sagen Menschen, die ihn kennen. Er unterbinde sie eher, als dass er sie fördere. Deshalb gebe es auch kein Hauptquartier. Informationen tausche er lieber in kleinen Gruppen aus, heißt es weiter. Große Versammlungen meide er. Grundsätzlich rede er aber überhaupt nicht viel, wie ein früher Snapchat-Investor berichtet. Dazu passt auch, dass Spiegel Snap vor potenziellen Investoren als "Kamera-Firma" bezeichnete und nicht als Firma für soziale Medien. Es deutet aber auch noch auf was etwas anderes hin: Das Unternehmen soll offenbar auch in eine andere Richtung weiterentwickelt werden.

Die "New York Times" zitierte jüngst Insider, die von einer Drohne berichten, die Snap für seine Nutzer entwickeln wolle. Der Plan würde die Entwicklung in Richtung "Kamera-Firma" fortsetzen. Neben der App produziert Snap bereits eine tragbare Kamera ("Spectacles") in Form einer Sonnenbrille. "Für jemanden von seinem Alter, arbeitet er mit viel mehr Weisheit als jeder andere, den ich gesehen habe. Ich finde, er ist ein sehr, sehr klarer Denker," schrieb Eric Schmidt, Vorstandsvorsitzender von Alphabet, in einer Mail, die die "Washington Post" zitiert. Schwierige Entscheidungen bei Fragen zu Finanzierung, Partnerschaft und Verkauf "bekommt er es jedes Mal richtig hin".

Ein wichtiges Thema für Spiegel ist dabei bislang immer die Kontrolle über sein Unternehmen gewesen. Anleger, die die Snap-Aktie kaufen, verzichten automatisch auf ihre Stimmrechte, weil die Gründer die Kontrolle behalten wollen. Beide zusammen halten fast 90 Prozent der Stimmrechte. Die Kontrolle war dem Geldverdienen allerdings nicht immer zuträglich. So war Spiegel lange Zeit ambivalent, was Werbung angeht - auch wenn das Unternehmen vor allem mit Werbung Geld verdient.

Der Jungunternehmer hielt es für "ungehörig", sich in die Privatsphäre eines Nutzers einzuklinken. Wer keine Werbung wollte, sollte sie auch nicht haben. Inzwischen steht er dem Thema offener gegenüber. Ein Deal mit Oracle sieht vor, dass Vermarkter Daten von Kundenkarten von Einzelhändlern auswerten können, so dass Werbung auch bei Snapchat nutzerspezifisch platziert werden kann. Die Konkurrenten Google und Facebook sind hier allerdings längst weiter. Sie machen Milliarden mit Werbung.

Die Wette auf Snap ist heiß. Spiegel verpasse den Konkurrenten Facebook und Twitter mit der Bewertung eine "blutige Nase", sagte Techonomy-Media-Chef David Kirkpartrick "Bloomberg". Kritisch sehen Experten, dass die Wette vor allem eine auf die Zukunft ist. Spiegel war zwar erfolgreich damit, vieles anders zu machen als seine Konkurrenten. Jetzt muss er sein Unternehmen aber profitabel machen. Um sich durchzusetzten, braucht er ein Alleinstellungsmerkmal. Etwas Narrensicheres, das die Konkurrenz nicht hat und das nicht abzukupfern ist. Und das gibt es bislang noch nicht.

Quelle: n-tv.de

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