Wirtschaft

Apple-Warnung schockt Anleger Zweifel an Chinas Wachstum werden zur Gewissheit

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In China werden iPhones immer mehr zum Ladenhüter. In den ersten neun Monaten 2018 standen sie nur noch für 7,8 Prozent aller Smartphone-Verkäufe.

REUTERS

Wenn Chinesen keine iPhones mehr kaufen, muss es Gründe dafür geben. Apples Prognosesenkung zeigt, wie der Handelsstreit nach hinten losgeht. Und dass Chinas Wirtschaft schneller bremst als erwartet. Für die Märkte ist beides ein Schock.

Erstmals seit Einführung des iPhones vor mehr zehn Jahren hat Apple seine Umsatzziele verfehlt. Konzern-Chef Tim Cook bemüht sich in einem offenen Brief an die Anleger vergeblich um Schadensbegrenzung. Der Konzern habe für das letzte Quartal ja nur eine kleine Umsatzsteigerung in Aussicht gestellt. Wie der Tech-Riese am Mittwochabend einräumte, soll das Ergebnis nun um rund fünf Prozent niedriger ausfallen. Das ist deftig - und hinterlässt an den Finanzmärkten rund um die Welt Spuren.

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Wichtiger als die nackten Zahlen, ist der Grund für den Einbruch. "Mehr als 100 Prozent" des Umsatzrückgangs zum Vorjahr sei auf die geringere chinesische Nachfrage nach iPhones, Macbooks und iPads zurückzuführen, schreibt Cook. Der Markt sei falsch eingeschätzt worden. Man habe in einigen aufstrebenden Märkten mit Herausforderungen gerechnet, aber "das Ausmaß der wirtschaftlichen Abschwächung insbesondere in China nicht vorausgesehen". Schuld daran sei vor allem der Handelsstreit mit den USA.

China-Experten haben die Bremsspuren schon länger auf dem Schirm als Cook. Apple sei lediglich das bislang deutlichste Indiz dafür, dass die chinesische Wirtschaft in Schwierigkeiten steckt, heißt es. "Das iPhone ist etwas, das jeder kennt und kauft, und wenn die Leute es nicht kaufen, dann ist das ein Zeichen, dass sie eine schwere Zeit haben", zitiert die "New York Times" den Chefökonom bei Moody's Analytics, Mark Zandi.

Für Investoren werden die immer wieder gehandelten China-Sorgen damit zur Gewissheit. Eine Nachfrageschwäche in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wird unweigerlich Folgen für die Weltwirtschaft haben. "Hustet China, bekommt die Welt einen Schnupfen", bringt es eine Redewendung auf den Punkt.

Flash-Crash am Devisenmarkt

Apple-Anleger strafen die Gewinnwarnung mit knapp zehn Prozent des Marktwerts ab. Auch andere Tech-Werte wie Samsung, Infineon oder Wirecard lassen gewaltig Federn. Das gleiche gilt für Zulieferer des iPhone-Hersteller wie Dialog Semiconductor. Selbst am Devisenmarkt haben die entfesselten Konjunkturängste zwischenzeitlich starke Auswirkungen.

Investoren fliehen scharenweise aus dem Dollar und decken sich mit dem als sichere Anlage geltenden japanischen Yen ein. Der Greenback verliert nicht nur zum Yen an Wert, sondern auch zum Euro. Die Apple-Warnung sei auf einen idealen Nährboden gefallen, schreibt Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann in einer Studie. Händler sprechen von einem "Flash-Crash", bei dem Kursverluste durch automatische Handelssysteme verstärkt werden. Mittlerweile hat sich die Lage etwas beruhigt.

Die chinesische Wirtschaft wirft Rätsel auf. Auf dem Papier sieht sie zwar immer noch gut aus. Laut offiziellen Daten aus Peking soll sie im dritten Quartal 2018 im Vergleich zum Vorjahr immerhin noch um komfortable 6,5 Prozent zugelegt haben. Aber von den einst zweistelligen Wachstumsraten ist das weit entfernt. So schwach war Chinas Wachstum tatsächlich zuletzt Anfang 2009 nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise.

Außerdem häufen sich mittlerweile enttäuschende Daten, die signalisieren, dass sich die Probleme verschärfen. Mitte Dezember berichteten chinesische Beamte von einem überraschend schwachen Wachstum der Einzelhandelsumsätze und der Industrieproduktion. Autoverkäufe sind rekordverdächtig eingebrochen. Auch der für China so wichtige Immobilenmarkt zeigt tiefe Risse. Peking kämpft gegen einen Berg fauler Kredite. Die Auslandsinvestitionen sind rückläufig.

Aber das tatsächliche Ausmaß der Verlangsamung des Wachstums lässt sich nur erahnen. Wirtschaftsdaten aus Peking gelten seit je her als unzuverlässig, weil von der Staatsführung frisiert. Erst im September ordnete die Regierung an, schlechte Wirtschaftsnachrichten zu zensieren. Das befeuert die Skepsis gegenüber allen Angaben zusätzlich. Viele Ökonomen sind überzeugt, dass China die schlimmste Flaute seit der globalen Finanzkrise vor einem Jahrzehnt erlebt. Damals musste Peking seine Wirtschaft mit Milliarden-Summen stützen.

Xi: "Insgesamt stabil", mit "Abwärtsdruck"

Doch dass es Probleme gibt, leugnet auch Chinas Staatsführung mittlerweile nicht mehr. Peking selbst kündigte im Dezember an, sich dieses Jahr mit einer lockereren Geld- und Fiskalpolitik gegen den Abschwung zu stemmen. Wegen des Handelskonflikts mit den USA und einer allgemein schwächeren Wirtschaft stellte die politische Führung Steuersenkungen in Aussicht. Geplant sind auch Reformen im Industriesektor sowie die "Reduzierung finanzieller Risiken". Private Firmen sollen wieder leichter an Kredite kommen. Auch die Geldpolitik der chinesischen Zentralbank könnte dieses Jahr lockerer ausfallen. Präsident Xi Jinping begründete die Maßnahmen mit den Worten: Die Lage in China sei "insgesamt stabil", die Wirtschaft aber auch einem "Abwärtsdruck" ausgesetzt.

"Ein gewichtiger Risikofaktor für das neue Jahr ist die Serie von US-Strafzöllen gegen China", sagt DZ-Bank-Ökonom Rütger Teuscher. Eine geringere Nachfrage Chinas nach Rohstoffen und Vorprodukten für den chinesischen Exportsektor werde nicht auf China begrenzt bleiben, sondern auch in anderen Schwellenländern Probleme schaffen. Schon im abgelaufenen Jahr sorgte der Handelsstreit dafür, dass der Schwellenland-Aktienindex MSCI Emerging Markets um mehr als 16 Prozent einbrach. 2017 lag er mit fast 35 Prozent im Plus.

Nie Wen, Volkswirt bei Hwabao Trust, sagt über die derzeitige Lage: "Es gibt viele kurzfristige Bestellungen aus dem Ausland, aber nur wenige langfristige." Die Aussichten für den Export seien deshalb "nicht besonders optimistisch". Kommende Woche wollen Xi und US-Präsident Donald Trump die Verhandlungen in dem Streit wieder aufnehmen. Analysten und Volkswirte warnen aber vor überzogenen Erwartungen.

Apple ist nicht der einzig Leidtragende

Apple ist nicht der einzige Konzern, der die Bremsspuren der chinesischen Konjunktur und den Handelskonflikt zu spüren bekommt. FedEx senkte seine Prognose bereits Ende Dezember, nur drei Monate nachdem der Konzern seinen Ausblick angehoben hatte. Auch die Geschäftsentwicklung bei FedEx stehen im Zeichen des Handelskonflikts. Starbucks eröffnet zwar alle paar Stunden ein neues Geschäft in China, hier soll einmal der größte Markt des Kaffee-Giganten entstehen. Aber mehr als ein Prozent Umsatzwachstum verspricht sich der Konzern auf diesem Markt mittlerweile nicht mehr. Anderswo in der Welt sind es drei bis vier Prozent. Als ein Problem entpuppt sich der chinesische Konkurrent Luckin, der dieses Jahr allein 2500 neue Geschäfte in der Volksrepublik eröffnen und damit Platzhirsch Starbucks vom Thron verdrängen will.

Der deutsche Autobauer Daimler war einer der ersten Großkonzerne überhaupt, der seine Gewinnwarnung mit den wachsenden Handelsspannungen zwischen den USA und China begründete. Einer ersten Prognosesenkung im Juni folgte im Oktober die zweite. Auch die Geschäfte von Jaguar Land Rover und BMW leiden unter der schwachen Nachfrage in China.

Handelskriege seien leicht zu gewinnen, hat Trump einmal geprahlt. Die USA seien im Vorteil, schrieb er noch im Dezember auf Twitter: "China hat gerade angekündigt, dass seine Wirtschaft aufgrund unseres Handelskriegs viel langsamer wächst als erwartet." Die America-First-Politik geht jedoch auch an US-Unternehmen nicht spurlos vorbei. Apple sollte ihm eine Warnung sein.

Quelle: n-tv.de

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