Der Börsen-TagWas, wenn der Zins-Hike der Fed heute Abend verpufft?

Die Fed wirkt getrieben, nicht souverän. Nach Monaten des Abwartens soll es jetzt schnell gehen: Es wäre die erste Zinserhöhung der US-Notenbank seit Juli 2023. Der Markt preist zu über 90 Prozent einen Zinsschritt von 3,50 bis 3,75 Prozent auf 3,75 bis 4,00 Prozent ein.
Der Grund ist neu: Es ist nicht nur der Ölpreisschock durch den Krieg im Nahen Osten, der die Inflation wieder auf 3,4 Prozent getrieben hat. Es ist, so steht es im Protokoll der Juli-Sitzung, der KI-Boom selbst. "Mehrere" Mitglieder des Offenmarktausschusses warnen, dass Milliarden-Investitionen in Data Center die Gesamtnachfrage nach Chips, Strom und Fachkräften so anheizen, dass sie die Preise breitflächig treiben.
Genau hier liegt das Dilemma von Fed-Chef Kevin Warsh. Er hat die Forward Guidance abgeschafft, will den Bondmarkt nicht mehr füttern, sondern ihn als unbestechlichen Seismographen lesen. Nur: Der Markt testet ihn. Die 10-jährige Rendite ist zwischenzeitlich auf über 5,0 Prozent gestiegen, den höchsten Stand seit 2007, die 30-jährige über 5,20 Prozent.
Warsh sagt "we have work to do" bei der Inflation. Der Markt antwortet: Dann zeig es. Investoren klagen, Warsh habe es versäumt zu erklären, wie er seine Inflations-Entschlossenheit erreichen will.
Und was, wenn die Erhöhung nun nicht funktioniert? Eine AI-getriebene Nachfrage reagiert kaum auf eine Veränderung um einen Viertelpunkt. Sie ist nicht zins-, sondern knappheitsgetrieben. Die Fed könnte in eine Schleife geraten: Ein "one and done" hat in der jüngeren Fed-Geschichte erst ein Mal funktioniert - im Dezember 2015. Meistens kam nach dem ersten Hike eine ganze Serie. Darauf wettet der Bondmarkt jetzt auch: Er preist auf Jahressicht drei weitere Viertel-Schritte ein.
Bleibt noch die letzte Option: Anleihekäufe. Fed-Chef Warsh hat als Mitglied des Board of Governors (2008-2011) QE1 mit aufgesetzt, kennt das Instrument also aus der Krise. Aktuell ist das keine Option für ihn. Wenn die 10-jährige Rendite trotz des Zinsschritts heute Abend bei 5,0 Prozent kleben bleibt und die KI-Investitionen weiter die Inflation anheizen, wäre das Eingreifen allerdings die logische - wenn auch teure - Eskalation.