Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 584 Sind Tauben wirklich dumm?

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Taubenliebhaber verehren sie, Taubenhasser wollen die Vögel am liebsten gänzlich aus der Stadt verbannen.

(Foto: imago/blickwinkel)

Sie sind als "Ratten der Lüfte" verschrien, viele deutsche Städte sprechen von Taubenplagen und suchen nach Möglichkeiten, die Tiere loszuwerden. Tatsächlich leben weltweit laut Naturschutzbund Deutschland (Nabu) rund 500 Millionen Straßentauben in den Städten. Folglich ist auch der Dreck, den sie produzieren, beachtlich: Laut "Kölner Stadt-Anzeiger" kommen allein in der Domstadt jährlich 500 Tonnen Taubenkot zusammen.

Doch der Ruf der Vögel ist schlechter, als sie es verdienen, denn Tauben sind schlauer, als viele denken. Es gibt sogar eine ganze Reihe von Studien, die beweisen: Tauben sind erstaunlich clever.

An der Ruhr-Universität Bochum führten Biopsychologen um Onur Güntürkün eine ganze Reihe von Tests mit Tauben durch. Bei einem Versuch setzten die Wissenschaftler einen Vogel in eine Box. Dort wurden dem Tier zwei Bilder gezeigt. Die Vögel sollten dann das Foto auswählen, auf dem Menschen zu sehen sind. Lagen sie richtig, bekamen sie eine Portion Futter, lagen sie falsch, ging für kurze Zeit das Licht in ihrer Box aus. So konditionierten die Wissenschaftler die Tiere auf die Kategorie "Mensch". Nach etlichen Bildern wurde deutlich: Die Taube hatte offensichtlich nicht einfach die Bilder auswendig gelernt, stattdessen hatte sie sich mit der Zeit eine Kategorie eingeprägt, die sie auf jedes neue Bild übertragen konnte.

Tauben können Gemälde und Maler unterscheiden

Versuche in Tokio zeigten sogar, dass Tauben nach einer kurzen Vorbereitungszeit zwischen Bildern der Maler Monet und Picasso unterscheiden können. In einer Übungsphase zeigten die Wissenschaftler um Shigeru Watanabe den Tieren eine Reihe von Gemälden beider Künstler. Obwohl die Tauben die Gemälde noch nie gesehen hatten, ordneten sie die Werke den richtigen Malern zu. Die Tauben konnten also offenbar impressionistische Gemälde von kubistischen unterscheiden.

Sumie Iwasaki von der Kyoto University testete ebenfalls die kognitiven Fähigkeiten von Tauben. In dem Versuch sollten die Tiere Symbole auf einem Bildschirm in einer vorher gelernten Reihenfolge anpicken. Dabei gab es verschiedene Schwierigkeitsstufen. Die Leistung der getesteten Tiere bestand darin, einzuschätzen, ob sie bei dem Test Hilfe brauchen oder alleine zurechtkommen. Wenn die Vögel eine schwierige Aufgabe erwarteten, betätigten sie das Hilfe-Symbol auf dem Touchscreen häufiger. Dann erschien ein Rahmen um eines der drei Bilder, welches als Nächstes berührt werden musste.

Die Einschätzung, wie weit das eigene Wissen reicht, ist eine wichtige kognitive Leistung. Wissenschaftler bezeichnen sie als Metakognition. Es erhöht die Anpassungsfähigkeit an die Umgebung und damit die Überlebenschance.

Damian Scarf von der University of Otago in Neuseeland konnte ebenfalls kognitive Fähigkeiten bei Tauben nachweisen. Für das Experiment lernten vier Tauben zunächst, zwischen echten englischen Vier-Buchstaben-Wörtern und ähnlich aussehenden Nonsens-Wörtern zu unterscheiden. Um zu prüfen, ob die Tauben die Wörter einfach nur auswendig gelernt oder ob sie sich orthografische Regeln angeeignet hatten, zeigten die Forscher den Vögeln neue Wörter und Nichtwörter. Und tatsächlich: Obwohl sie die neuen Wörter und Nichtwörter nie zuvor gesehen hatten, lagen die Tauben überraschend oft richtig.

Kognitive Fähigkeiten sind überlebenswichtig

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Die Liste ließe sich noch weiterführen: So konnte nachgewiesen werden, dass Tauben auf Gewebeschnitten sogar Krebs von gutartigem Geschwulst unterscheiden können. Und: Nach etwas Training gelang es ihnen sogar, ihr Spiegelbild zu verstehen. Forscher um Robert Epstein brachten Tauben bei, vor einem Spiegel nach einem Punkt an ihrem eigenen Hals zu picken. Die Tiere mussten also verstehen, dass ihr Gegenüber ihr eigenes Spiegelbild ist und dass nicht ein leibhaftiges Gegenüber einen Fleck am Hals hat, sondern sie selbst.

Warum Tauben so gute visuelle und kognitive Fähigkeiten haben, hat einen guten Grund: Die Tiere nutzen und brauchen dieses Können in ihrem natürlichen Lebensraum. Wer impressionistische Gemälde von kubistischen unterscheiden kann, der findet auch winzige Brotkrümel auf grobkörnigem Untergrund. Und: Ihr starkes visuelles Gedächtnis hilft den Vögeln, sich in der Luft zu orientieren. 

Mit schlauen Rabenvögeln können Tauben zwar nicht mithalten. Aber sie sind clever und lernfähig und damit alles andere als dumm.

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Quelle: n-tv.de

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